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Franz König

Pro Oriente

Weltkirchenrat ruft zur Wiederherstellung der „religiösen und gesellschaftlichen Vielfalt“ in Mosul und der Ninive-Ebene auf

Generalsekretär Fykse Tveit lädt alle Mitgliedskirchen ein, sich am materiellen und geistigen Wiederaufbau zu beteiligen

Bagdad-Genf, 11.07.17 (poi) Zum Engagement für die Wiederherstellung der „religiösen und gesellschaftlichen Vielfalt“ im befreiten Mosul und in der Ninive-Ebene hat der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Olav Fykse Tveit, die internationale Gemeinschaft aufgerufen. Die internationale Gemeinschaft habe die „ethische, moralische und gesetzliche Verpflichtung“, die nationalen und regionalen Regierungsbehörden im Irak bei diesem Vorgang zu unterstützen. Es gehe nicht nur um politische und finanzielle Ressourcen für den Wiederaufbau der physischen Infrastruktur in Mosul und der Ninive-Ebene, sondern auch um die Unterstützung der Menschen, die vertrieben wurden oder geflüchtet sind. Wenn das nicht geschehe, werde es Verwüstung statt Befreiung geben, „neue Zyklen der Instabilität und des Konflikts“, eine noch weniger sichere regionale und weltweite Situation. Pfarrer Fykse Tveit appellierte an alle Mitgliedskirchen, an die ökumenischen und interreligiösen Organisationen „und an alle Menschen guten Willens“, sich am Gebet für die Menschen und die Gesellschaft im Irak zu beteiligen. Wörtlich sagte der Generalsekretär: „Wir laden alle Mitgliedskirchen und alle kirchlichen Organisationen ein, sich an der Hilfe für die aus Mosul und der Ninive-Ebene Vertriebenen oder Geflüchteten zu beteiligen, ihnen bei der Rückkehr in ihre Heimatorte und bei der Wiederherstellung ihrer Lebensumstände und ihrer Gemeinschaften zu helfen“.

Der Direktor der Weltkirchenrats-Kommission für internationale Fragen, Peter Prove, betonte, dass alle rechtdenkenden Menschen die Beseitigung des inhumanen und brutalen IS-Regimes begrüßen, aber die Zahlen über Todesopfer und die Verwüstung der Tigris-Metropole zeigten, dass dies um einen „schrecklichen Preis“ geschehen sei. Das Leiden so vieler Menschen und die Zerstörung der physischen Struktur der Stadt seien zur extremistischen IS-Gewalt noch hinzugekommen. Wenn bewaffnete Gewalt die einzige Antwort auf das Phänomen IS sei, könne die Befreiung von Mosul eine neuerliche Ausbreitung des gewalttätigen Extremismus zur Folge haben. Die militärische Eroberung allein könne auch die religiöse und gesellschaftliche Diversität der Stadt Mosul und der Ninive-Ebene nicht wiederherstellen, von wo so viele Menschen – Christen und Angehörige anderer ethnisch-religiöser Minderheiten – geflüchtet seien, um der Brutalität des IS zu entgehen.

Wie die italienische katholische Nachrichtenagentur SIR unter Berufung auf den Norwegischen Flüchtlings-Rat (NRC) meldet, sollen seit Februar, als die Offensive zur Befreiung Mosuls aus der Hand der IS-Terroristen begann, 750.000 Bewohner aus der Tigris-Metropole (rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung) geflohen sein. Der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, erzählte im Gespräch mit SIR, der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi habe ihm gegenüber ausdrücklich betont, dass die „Mitglieder aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften, einschließlich unserer christlichen Brüder, in ihre Häuser und Wohnungen in Mosul zurückkehren sollen“. Der Regierungschef habe hinzugefügt, „Seite an Seite zu leben“, sei die „natürliche Antwort auf die wirre IS-Ideologie“. Die Verschiedenheit der Menschen sei ein Motiv, auf die irakische Heimat stolz zu sein.

Christen: „Vorsicht, gemischt mit Sorge“

Die Äußerungen des Ministerpräsidenten sind unter den christlichen Vertriebenen und Flüchtlingen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen autonomen Region, positiv aufgenommen worden. Aber die vorherrschende Gefühlslage sei „Vorsicht, gemischt mit Sorge“, berichtete der syrisch-katholische Priester Behnam Benoka, der sich im Flüchtlingslager „Ashti 2“ in Erbil um die Menschen kümmert, im Gespräch mit SIR. Das Problem seien die Leute, die vor allem in Mosul während der vergangenen drei Jahre die IS-Terroristen unterstützt haben: „Das waren Muslime, mit denen die Christen oft seit Jahrzehnten befreundet waren. Jetzt tut man sich schwer, ihnen zu trauen. Den Christen reichen die Versicherungen der Mitläufer nicht, dass diese sich geirrt hätten. Es wird Zeit brauchen, um Vertrauen und Sicherheit wieder aufzubauen. Deshalb wollen die Christen Garantien, um zu verhindern, dass sich Vorgänge wie die von 2014 wiederholen. Die Christen möchten nicht ein zweites Mal verraten werden“.

Nach der fast vollständigen Befreiung Mosuls aus der Hand der IS-Terroristen müssten nun die früheren Angestellten und Beamten der öffentlichen Verwaltung, die nach dem IS-Einmarsch im Juni 2014 ihr Ämter verlassen mussten, wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Dies fordert der irakische christliche Politiker und Abgeordnete Imad Youkhana von der Assyrischen Demokratischen Bewegung. Nach Ansicht von Youkhana kann der staatliche Apparat nur funktionieren, wenn die Rechte der Arbeitnehmer in öffentlichen Ämtern gesichert sind, einschließlich der staatlichen Schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Angestellte und Beamte, die in den vergangenen drei Jahren keine Gehälter erhalten haben, müssten zumindest teilweise entschädigt werden. Das Generalsekretariat des irakischen Ministerrates habe bereits Zusicherungen gegeben, die rasche Rückkehr der Mitarbeiter der staatlichen Verwaltung zu unterstützen, unter denen in Mosul und der Ninive-Ebene viele Christen sind.

Wer gab den IS-Leuten die vielen Geländefahrzeuge?

Man müsse jetzt aber auch die Frage stellen, wie es überhaupt zum Vormarsch der IS-Terroristen auf Mosul und die Ninive-Ebene im Sommer 2014 habe kommen können, betonte der Nationalkoordinator von „Pax Christi“-Italien, don Renato Sacco, am Montag im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Der Westen könne sich nicht aus der Verantwortung für die Vorgänge verabschieden, unterstrich der Priester. Möglicherweise habe auch der Verkauf von Erdöl zu verbilligten Preisen auf dem Weltmarkt eine Rolle dabei gespielt, dass der IS möglich wurde. Aus den vom IS kontrollierten Gebieten sei Erdöl auch an jene verkauft worden, die sich offiziell als Gegner des Terrorismus gaben.

Sacco machte sich auch das Argument von Papst Franziskus zu eigen, das dieser immer wieder in Bezug auf Kriege und vor allem auch den Terror nennt: „Die Kämpfer des Dschihad waren nicht nur wegen ihres bösen Willens im Irak, sondern auch deswegen, weil ihnen jemand Waffen gegeben hat, weil jemand ihnen die endlose Reihe von Lastwagen und Geländefahrzeugen gegeben hat, die wir so oft im Fernsehen sehen, weil jemand ihnen Geld gegeben hat“. Es gebe Leute, die mit Krieg und Tod Geschäfte machen, das gelte es sich einzugestehen.
„Wir müssen uns also fragen, ob wir mit ‚sauberen Händen’ vor dieser Tragödie stehen. Wenn alles vorbei sein wird, dann werden sie eine Wüste geschaffen haben, und diese ‚Frieden’ nennen. Vielleicht gibt es keine andere Lösung, aber es ist sicher, dass in diesen drei Jahren die IS-Milizen freie Hand hatten. Man hat ihnen fast alles durchgehen lassen“, bedauerte der Nationalkoordinator von „Pax Christi“-Italien. Sacco ist skeptisch im Hinblick auf die Zukunft im Irak und auch, was den Einsatz von Gewalt zur Konfliktlösung betrifft: „Die Dinge ändern sich, aber die Logik des Krieges und der Gewalt riskiert immer, als die schnellere Lösung gesehen zu werden und wird leider auch akzeptiert“. (ende)