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Franz König

Pro Oriente

Tempelberg: Weltkirchenrat schließt sich der Erklärung der Jerusalemer Bischöfe an

Aufruf zum Gebet für eine „gerechte und friedliche Lösung“ – „Der historische Status quo an den Heiligen Stätten muss respektiert werden“

Genf-Jerusalem, 21.07.17 (örkö/poi) Der Weltkirchenrat hat sich die Erklärung der Jerusalemer Patriarchen und Bischöfe im Hinblick auf den Status quo auf dem Tempelberg zu eigen gemacht. Der stellvertretende Generalsekretär des Weltkirchenrats (und Direktor des Ökumenischen Instituts in Bossey), der rumänisch-orthodoxe Priester P. Ioan Sauca, appellierte an die Gemeinschaft des Weltkirchenrats, sich im Gebet „um eine gerechte und friedliche Lösung in Jerusalem“ zu vereinen. Wörtlich sagte P. Sauca: „Für die Erhaltung des Friedens und die Abrüstung der Gewalt ist es von entscheidender Bedeutung, den historischen Status quo aufrecht zu erhalten und gleiche Rechte für Christen, Muslime und Juden an den Heiligen Stätten zu unterstützen“. Den Zugang zu heiligen Stätten für tausende Menschen zu verwehren, die weit gereist seien, um an diesen Stätten zu beten, stelle nicht nur eine Verletzung der Rechte dieser Personen dar, sondern sei auch ein „gefährlicher Akt inmitten eines zerbrechlichen Friedens“.

Der stellvertretende Generalsekretär urgierte eine „gerechte und friedliche Lösung“ noch vor diesem Freitag. Wörtlich fügte er hinzu: „Wir sind solidarisch mit Muslimen, Juden und Christen . Wir beten, dass Gerechtigkeit und Frieden obsiegen, nicht nur in dieser Woche, sondern auch in den kommenden Wochen und Monaten“.

Die Patriarchen und Bischöfe von Jerusalem hatten am Mittwoch in einem gemeinsamen Statement festgestellt: „Wir, die Oberhäupter der Kirchen von Jerusalem, bringen unsere ernste Sorge über die kürzliche Eskalation der Gewalt rund um den Tempelberg/Haram ash-Sharif zum Ausdruck. Wir trauern wegen des Verlustes von menschlichen Leben und verurteilen mit Entschiedenheit jeden Akt der Gewalt.

Wir sind besorgt über jede Änderung der historischen (Status quo) Situation in der al Aqsa-Moschee und ihrem Umfeld wie auch in der heiligen Stadt Jerusalem. Jede Bedrohung ihrer Kontinuität und Integrität könnte leicht zu ernsten und unabsehbaren Konsequenzen führen, die in dem gegenwärtigen gespannten religiösen Klima höchst unwillkommen wären.

Wir schätzen die dauernde Verwaltung der al Aqsa-Moschee und der heiligen Stätten in Jerusalem und im Heiligen Land durch das haschemitische Königreich Jordanien, die allen Muslimen auf Grund des Status quo das Recht auf freien Zugang und Kultus in der al Aqsa-Moschee garantiert.

Wir erneuern unseren Aufruf, dass der historische Status quo dieser Stätten um des Friedens und der Versöhnung der ganzen Gemeinschaft willen voll respektiert wird. Wir beten für einen gerechten und dauerhaften Frieden in der ganzen Region und für alle ihre Völker“.

Das Statement trägt u.a. die Unterschriften des griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III., des armenisch-apostolischen Patriarchen Nourhan Manougian, des Administrators des Lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, des Kustos der Franziskaner, P. Francesco Patton, des koptisch-orthodoxen Erzbischofs Anba Antonious, des syrisch-orthodoxen Erzbischofs Severios Malki Murad und des anglikanischen Erzbischofs Suheil Dawani; insgesamt unterzeichneten 13 christliche geistliche Führungspersönlichkeiten die Erklärung.

Interreligiöses Forum über Bedeutung Jerusalems

Die Bedeutung Jerusalems für die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam war am Mittwoch auch Thema eines hochkarätig besetzten interreligiösen Forums. Organisiert wurde das Treffen vom Jerusalemer Päpstlichen „Notre Dame Center“ gemeinsam mit der „European University of Rome“. Das Forum war Teil der Summer School der „European University“ unter dem Titel: „Living History: Israel and Palestinian Territories“. Die Koordinatorin des Forums, Prof. Renata Salvarani, betonte, dass es darum gehe, der jungen Generation den Vergleich der unterschiedlichen Visionen über die Bedeutung Jerusalems zu ermöglichen „und zwar in einer Perspektive des Dialogs auf der Basis gesicherter Kenntnisse über die Unterschiede der drei monotheistischen Religionen“.

Unter den Referenten des Forums war auch Rabbi David Rosen. Er ist Ehrenvorsitzender des „International Council of Christians and Jews“, der Dachorganisation von weltweit 40 nationalen christlich-jüdischen und interreligiösen Dialogvereinigungen. Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ verlieh er seiner Überzeugung Ausdruck, dass Jerusalem „niemals das exklusive Eigentum Einzelner sein kann“. Die Botschaft des Forums sei, „dass wir nur dann wirklich Frieden für Jerusalem stiften werden, wenn wir - um hier ein Wort des Psalmisten aufzugreifen - die Verbundenheit anderer mit dieser Stadt anerkennen, respektieren, und sogar annehmen“.

Mit Blick auf den schwelenden Machtkampf zwischen Palästinensern und Israelis in der Region meinte Rabbi Rosen, die Stadt werde „nicht nur zum Ort, sondern auch zum Werkzeug eines Konfliktes, indem die Parteien die spirituelle Kraft Jerusalems zu ihrem eigenen Vorteil ausbeuten wollen“. Religiöse Führungspersönlichkeiten hätten eine wichtige Rolle bei der Friedensarbeit im Heiligen Land, betonte Rabbi Rosen. Ein „Segen” sei der Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 2000 gewesen, auch weil er den Interreligiösen Rat im Heiligen Land (www.crihl.org) hervorgebracht habe. Der Rat habe vor allem drei Ziele: „Zunächst einmal die Kommunikationskanäle zwischen den religiösen Führungspersönlichkeiten offen zu halten, dann Anstiftung zu Unfrieden und zu Angriffen auf religiöse Stätten zu verurteilen und drittens religiöse Unterstützung für politische Initiativen zu leisten, um den Konflikt zu beenden - damit zwei Nationen und drei Religionen in dem Land aufblühen können“.

Der Interreligiöse Rat könne bei den ersten beiden Zielen zögerliche Erfolge verbuchen, urteilte der Rabbi. Die Ergebnisse hinsichtlich des dritten Ziels, nämlich die positive Beeinflussung der Politik durch die Friedensarbeit der Religionen, könnten jedoch als „komplettes Scheitern“ betrachtet werden, bedauerte Rosen: „Nicht weil die religiösen Führungspersönlichkeiten sich nicht einbringen wollen, im Gegenteil, sie wollen sich einbringen – aber die politischen Figuren haben daran keinerlei Interesse!“ Ein Grund sei, dass religiöse Führungspersönlichkeiten vielfach durch die Politik eingesetzt werden – so dass es „illusionär“ wäre zu denken, sie könnten sich gegen ihre politischen Protektoren wenden.

Zum Scheitern der bisherigen Friedensinitiativen habe auch beigetragen, dass die „religiöse Dimension nicht ernst genug genommen worden ist.“ Mit Blick auf die Unruhen, die Jerusalem und den Tempelberg derzeit erschüttern, meinte Rabbi Rosen, das Forum sei gerade zur rechten Zeit gekommen: „Denn es wirft ein Schlaglicht darauf, wie explosiv die Situation in Jerusalem ist. Es ist eine Illusion, wenn wir meinen, wir könnten den Konflikt ohne die religiöse Dimension lösen“.

Es begann am 14. Juli

Begonnen hatten die Auseinandersetzungen am 14. Juli, als drei Araber (die israelische Bürger waren) auf dem Haram ash-Sharif zwei israelische Polizisten (die drusischer Konfession waren) niederschossen, bevor sie selbst von Kameraden der Polizisten getötet wurden. In der Folge beschloss die israelische Polizei, an den Zugängen zum Tempelberg Metalldetektoren einzurichten, um zu verhindern, dass Waffen auf den Haram ash-Sharif gebracht werden. Diese Maßnahme wurden von der zuständigen geistlichen Stiftung (Wakf) als Einschränkung des freien Zugangs abgelehnt. Seither brodelt die Auseinandersetzung. (forts mgl)