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Franz König

Pro Oriente

Das Rätsel um Pater Dall’Oglio und die entführten Metropoliten von Aleppo

Am 29. Juli jährte sich zum vierten Mal die Entführung des italienischen Jesuiten, der das frühchristliche syrische Kloster Der Mar Musa al-Habashi revitalisiert hatte – Ein Freund des interreligiösen Dialogs und der Demokratiebewegung

Damaskus-Rom, 29.07.17 (poi) Zum vierten Mal hat sich am Samstag, 29. Juli, die Entführung des italienischen Jesuiten P. Paolo Dall‘Oglio im syrischen er-Rakka gejährt. Der Fall des Jesuiten hängt eng mit dem der beiden am 22. April 2013 entführten Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi zusammen, denn P. Dall’Oglio war offenbar nach er-Rakka gefahren, weil er hoffte, im direkten Gespräch mit den Terroristen etwas für die beiden Bischöfe erreichen zu können. Bis heute gibt es keine gesicherten Hinweise über das Schicksal der drei prominenten Geistlichen, nur widersprüchliche und unbewiesene Gerüchte.

Am Samstag erinnerte auch die Staatsspitze Italiens an das Schicksal von Pater Dall’Oglio. Der Jesuit sei ein „Symbol des Dialogs der Religionen“, so Staatspräsident Sergio Mattarella in einer Botschaft. Der Wille zur Aufklärung seines Schicksals dürfe auch mit dem Verstreichen der Zeit nicht nachlassen, so der Appell des Staatsoberhauptes. Auch Papst Franziskus hatte wiederholt um seine Freilassung gebeten. Der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni betonte auf Twitter seine Hoffnung, dass Pater Dall’Oglio zu seiner Familie und seiner Gemeinschaft zurückkehren werde: „Wir arbeiten weiter daran“.

Der Jesuit war seit drei Jahrzehnten in Syrien tätig und galt als aufmerksamer und kritischer Beobachter der Zustände in dem Land. Weit über die Grenzen Syriens wurde er durch die Revitalisierung des frühchristlichen Klosters Der Mar Musa al-Habashi in den Bergen zwischen Damaskus und Homs bekannt; Pater Dall’Oglio unterstellte das Kloster der Autorität des syrisch-katholischen Patriarchats. Er setzte sich insbesondere für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. Im Juni 2012 wurde er von der Regierung in Damaskus ausgewiesen; er ging zunächst in ein neues Kloster seiner Gemeinschaft, Der Maryam al-Adhra in Suleimanya in der autonomen kurdischen Region des Irak. Nur wenige Wochen vor seinem Verschwinden kehrte er trotz wiederholter Drohungen nach Syrien zurück.

In Der Mar Musa al-Habashi ist Pater Dall’Oglio im täglichen Gebet der Mitglieder der Gemeinschaft ständig präsent. Einer von ihnen ist Pater Jihad Youssef, er betonte im Gespräch mit „Radio Vatikan“, dass er und seine Mitbrüder für alle in Syrien Entführten beten, deren Familien keine Nachrichten mehr von ihren Angehörigen haben – wie dies leider auch für Pater Dall‘Oglio der Fall ist. Doch trotz aller Schwierigkeiten harre die Gemeinschaft weiter in dem Kloster aus: „Bis vor einem Jahr kam niemand wegen den Gefahren des Krieges. Seit einem Jahr hingegen kommen die Menschen wieder, zum Gebet, um Mönche und Nonnen zu treffen. Es kommen Einzelpersonen und Familien, Große und Kleine, einige für einen Tag, andere schlafen auch hier und beten mit uns“.

Es war die Berufung Pater Dall‘Oglios, zur Harmonie unter den Gläubigen verschiedener Religionen beizutragen. Die Früchte seines Einsatzes ernte die Gemeinschaft noch heute, so Pater Jihad: „Es geht vor allem um die Freundschaft und den Respekt gegenüber unseren Nachbarn und Freunden, seien es nun Christen oder Muslime. Es ist wahr, dass der Krieg in Syrien die Schönheit des Zusammenlebens als eine einzige Gemeinschaft beeinträchtigt hat. Aber wir haben bemerkt, dass unsere Freundschaft zu allen noch stärker geworden ist. Wir sind eine Hand der Kirche, die zu den Muslimen ausgestreckt wird, ein Zeugnis des Evangeliums, das den anderen respektiert und versucht, seinen Glauben wertzuschätzen.“

Ein großes Verdienst des entführten Gründers der Gemeinschaft von Der Mar Musa al-Habashi sei die Aufmerksamkeit, die er jedem Menschen unabhängig von Religion, Geschlecht oder Weltanschauung entgegen gebracht habe. Die „Harmonisierung großer spiritueller und kultureller Traditionen“ lag Pater Dall‘Oglio besonders am Herzen. Doch der Weg sei noch weit: „Frieden und Harmonie fallen nicht vom Himmel. Deshalb unternehmen wir alles und bitten um den Einsatz von Menschen aller Religionen, Weltanschauungen oder Nationen. Wenn wir uns für den Frieden in Syrien einsetzen, ist das auch für den Frieden in Afrika gut; wenn wir uns für den Frieden in Italien einsetzen, fördert das auch den Frieden in Asien und so weiter. Doch man muss sich einsetzen, dann werden die Werte bewahrt und stets lebendig bleiben, trotz aller Schwierigkeiten“.

„Er ist am Leben“

Der Bruder des Entführten, Pietro Dall’Oglio, hatte am Freitag im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR erklärt, die Familie sei überzeugt, dass der Jesuit am Leben sei. Es gebe keinerlei Nachricht, „aber wir vertrauen auf die Farnesina (das italienische Außenministerium), das eine der qualifiziertesten Einrichtungen der Welt ist, um Situationen wie die meines Bruders zu meistern", sagte Pietro Dall'Oglio: „Wir freuen uns, dass jetzt soviel über Paolo geredet wird. Er hat immer jene Werte gelebt, an die er geglaubt hat. Für die Familie bedeutet das Gedenken am Jahrestag, dass wir ihn am Leben glauben. Wir tun das auch, indem wir von dem reden, was er – leider von vielen nicht verstanden – der Welt begreiflich machen wollte“.

Im Gespräch mit SIR sagte sein Bruder Pietro, der Jesuit sei von einer tiefen Liebe zu Gott, zu den Menschen, zum Frieden, zum Dialog und zum syrischen Volk erfüllt gewesen. Den Islam habe er in einer Tiefendimension studiert. Das Kloster Der Mar Musa al-Habashi sei für Paolo Dall’Oglio die Konkretisierung der Idee gewesen, die Lehre Jesu zum Aufbau einer gerechteren Welt konsequent zu leben. Paolo Dall’Oglio sei immer für die Werte der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Demokratie eingetreten. Pietro Dall’Oglio, der Musiker ist, hat über die Entführung seines Bruders einen Rap unter dem Titel „Abuna Paolo“ komponiert, in dem es unter anderem heißt: „Paolo, wo bist du, sprichst du oder schweigst du…Vielleicht hast du Angst, allein zu sein, wer weiß, was du denkst...Die Erinnerungen an dich kommen und gehen zwischen den Gedanken…Aber für uns hast du schon gewonnen!“

Eine Version der letzten freien Tage von P. Paolo Dall’Oglio besagt, dass der Jesuit am 28. Juli 2013 in er-Raqqa an einer Studentenversammlung teilgenommen habe. Auf einem Video der Versammlung sei zu sehen und zu hören, wie er sich für „Freiheit und Einheit“ Syriens ausgesprochen habe. Am 29. Juli habe der Jesuit dann versucht, im Hauptquartier der IS (Daesh)-Terroristen Einlass zu finden. Von dort verlieren sich seine Spuren.

Der Nahost-Korrespondent des „Corriere della Sera“, Lorenzo Cremonesi, schrieb am Samstag, er habe dieser Tage mit kurdischen Milizionären gesprochen, die sich um die Befreiung von er-Rakka bemühen. Auch sie hätten keine Spur des entführten Jesuiten ausmachen können. Es sei nur klar geworden, dass der unerschrockene Jesuit, der vor seiner Bekehrung und Ordensberufung in Turin ein Sympathisant der linken Gruppe „Lotta continua“ war, bis zu Abubakr al-Bagdadi vordringen wollte, um Aufschluss über seine Freunde zu erhalten.

Cremonesi erinnerte aber auch daran, dass Dall’Oglio bei einigen führenden syrischen Kirchenleuten nicht beliebt war. Dabei sei es nicht nur um seine politische Ausrichtung an der Seite der demokratischen Opposition gegangen, sondern auch darum, dass er syrische Pädophilie-Fälle bei den zuständigen vatikanischen Stellen angezeigt habe. „Vielleicht sind die Dinge komplizierter als sie auf den ersten Blick scheinen“, so das Fazit von Cremonesi. (ende)