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weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Kardinal-Staatssekretär Parolin begann seine Russland-Visite

Gespräche in Moskau dienen der „Suche nach friedlichen Lösungen für aktuelle Konflikte“ – Im kirchlichen Bereich Hoffnung auf „neue und noch nie dagewesene Schritte bei der Entwicklung des ökumenischen Dialogs“

Moskau-Rom, 21.08.17 (poi) Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin hat am Montag seinen dreitägigen offiziellen Besuch in Russland begonnen. Er traf in Moskau zunächst mit dem Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), zusammen. Höhepunkte seines Besuchsprogramms in Russland sind eine Begegnung mit Patriarch Kyrill I. am Dienstag in Moskau und ein Treffen mit Staatspräsident Wladimir Putin am Mittwoch in Sotschi. Am Dienstag steht auch ein Arbeitstreffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow auf dem Programm. Am Montag feierte der Kardinal-Staatssekretär in Konzelebration mit den russischen katholischen Bischöfen die Heilige Messe in der Moskauer Marienkathedrale; im Anschluss stellte er sich dem Gespräch mit den katholischen Gläubigen. Im Gespräch mit der russischen Nachrichtenagentur „Ria Nowosti“ hatte Parolin vor dem Abflug nach Moskau betont, der Heilige Stuhl sehe als Zweck seiner Reise allgemein „die Suche nach friedlichen Lösungen für aktuelle Konflikte, hauptsächlich unter humanitären Aspekten“. Unter anderen werde man über Syrien, den Irak und die Ukraine sprechen. Es sei ihm wichtig, mit allen Seiten und politischen Protagonisten zu sprechen, denn nur so könne überhaupt ein Dialog entstehen und Früchte tragen. Als erster Kardinal-Staatssekretär war 1988 Agostino Casaroli, der Architekt der vatikanischen Ostpolitik, aus Anlass der 1.000-Jahr-Feier der Taufe Russlands nach Moskau gereist. 1999 weihte der damalige Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano die katholische Marienkathedrale in Moskau neu.

Er werde mit seinen russischen Dialogpartnern sowohl „Fragen von gemeinsamem Interesse“ als auch Krisen in verschiedenen Weltteilen besprechen, „Krisen, die sowohl weit entfernt als auch nahe sind“, hatte Parolin in einem Exklusivinterview mit der russischen Agentur TASS vor seiner Reise betont. Die Begegnung mit Patriarch Kyrill bestätige die „Offenheit“, die in den letzten Jahren erzielt und durch das historische Treffen zwischen Papst und Patriarch in Havanna im Vorjahr zum Ausdruck gekommen sei. Papst Franziskus und Patriarch Kyrill hätten von der Annäherung als einem „gemeinsamen Weg“ gesprochen. Dieser Weg verlange „die Suche nach der Wahrheit, aber auch Liebe, Geduld, Ausdauer und Entschlossenheit“, so der Kardinal.

Die Begegnung in Havanna sei ein seit langem erwarteter erster Schritt gewesen, unterstrich der Kardinal-Staatssekretär. Das habe nicht nur die Kontakte zwischen Repräsentanten der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche verstärkt und mit konkretem Inhalt gefüllt, sondern auch beide Kirchen veranlasst, „in neuer Weise auf die Diskrepanzen der Vergangenheit und ihre Ursachen zu schauen“. Obwohl die negativen Auswirkungen der Differenzen noch immer fühlbar seien, habe das Havanna-Treffen geholfen, die angestrebte Einheit in den Blick zu nehmen, die vom Evangelium verlangt werde. Es sei sehr wichtig, diese neue wechselseitige positive Sicht zu haben, betonte Parolin und fügte hinzu: „Das ist nach meiner Meinung die Bedingung für neue und noch nie dagewesene Schritte bei der Entwicklung des ökumenischen Dialogs und der Annäherung unserer Kirchen. Der Heilige Geist wird diese Schritte jenen anzeigen, die sorgfältig auf seine Stimme hören“.

Als Beispiel für den „Ökumenismus der Heiligen“ bezeichnete der Kardinal die jüngste Präsenz von Reliquien des Heiligen Nikolaus in Russland. Das sei ein Vorbild auch für andere Initiativen, die das gegenseitige Verständnis und die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen stärken können.

Im Hinblick auf die „Herausforderungen durch die moderne Welt“ sagte Parolin, es gehe nicht nur um die Verteidigung von Werten, sondern überhaupt um das Konzept der „menschlichen Persönlichkeit und der menschlichen Würde“. Respekt für den Menschen und seine Arbeit, soziale Gerechtigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen und Beziehungen zwischen den Staaten, all das seien Herausforderungen für eine friedliche Existenz. Wenn sich die Kirchen diesen Herausforderungen stellen, bleibe die Aufgabe jene, die der Heilige Petrus in seinem ersten Brief definiert habe: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt. Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig“.

Die Kirchen bestehen auf der Botschaft des Evangeliums und auf dem Respekt vor den in der Heiligen Schrift formulierten Werten nicht, um den modernen Menschen zu demütigen oder ihm überflüssige Lasten aufzuerlegen, sondern um den Weg zu Heilung und Erfüllung aufzuzeigen, betonte der Kardinal-Staatssekretär. Er plädierte zugleich dafür, Erfahrungen im Hinblick auf die unterschiedlichen Herausforderungen im Westen und in Osteuropa auszutauschen. Das könne ein wichtiger Beitrag zum Verständnis dieser Probleme sein.

Was den Kampf gegen den Terrorismus betrifft, bekundete Parolin einerseits Verständnis dafür, dass Regierungen Schritte setzen müssen, um konkrete Situationen in den Griff zu bekommen. Aber er warnte zugleich vor Kraftakten, die ihrerseits neue Gewaltspiralen hervorrufen oder zu Verletzungen der Menschenrechte „einschließlich der Religionsfreiheit“ führen. Die Kirche orientiere sich an einer Langzeitperspektive. Dabei gehe es um Ermutigung und Hilfestellung bei der persönlichen Entwicklung vor allem der Jugend, sowie um einen ernsthaften interreligiösen Dialog. In den letzten Jahrzehnten habe der Heilige Stuhl jede mögliche Anstrengung unternommen, um den interkulturellen und interreligiösen Dialog, den Dialog in der sozialen und humanitären Sphäre anzugehen, zu stärken oder wiederherzustellen.

Parolin antwortete auch auf die Frage, was sich der Heilige Stuhl vom US-Präsidenten Donald Trump erwarte. Die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Präsident Trump im Mai habe in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und „in gegenseitiger Aufrichtigkeit“ stattgefunden. Der Papst und der Präsident hätten Gelegenheit gehabt, ihre Vorstellungen über zahlreiche Fragen „einschließlich des Problems des Klimawandels“ auszutauschen. Er hoffe, dass trotz der Entschlossenheit Trumps, Wahlversprechen zu erfüllen und trotz der Aufkündigung des Pariser Klimaabkommen durch Washington ein „pragmatischer Zugang“ die Oberhand behalten werde, sagte der Kardinal. Wörtlich fügte der Kardinal-Staatssekretär hinzu: „Nach meiner Meinung werden die modernen internationalen Beziehungen zunehmend von einem Verständnis geprägt, dass Politikvorstellungen und Strategien, die auf Zusammenstößen und Konfrontationen beruhen oder noch schlimmer Ängste nähren und auf Einschüchterung durch nukleare oder chemische Waffen setzen, nicht zu korrekten Lösungen führen und nicht geeignet sind, Spannungen zwischen Staaten zu entkrampfen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass der Aufbau des Friedens – wie Papst Franziskus oft sagt - ein Weg ist, der wesentlich dorniger ist als Krieg und Konflikt. Der Aufbau des Friedens verlangt einen ruhigen und konstruktiven Dialog in gegenseitigem Respekt statt die ganze Aufmerksamkeit auf die eigenen nationalen Interessen zu richten. Das ist alles, was von den Führern der Weltmächte erwartet wird“. (forts)