Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Papst für „mutigere und konkrete Schritte zur vollen Gemeinschaft“ zwischen Katholiken und Orthodoxen

25. internationale ökumenische Tagung der Gemeinschaft von Bose im Zeichen der Aufnahmebereitschaft für Fremde und Ausländer als christlicher Verpflichtung –„Im Ereignis der Aufnahme des Fremden kann die Begegnung mit Christus geschehen“

Turin, 06.09.17 (poi) Papst Franziskus hat in seinem Grußwort an die Gemeinschaft von Bose (Piemont) aus Anlass der diesjährigen internationalen ökumenischen Tagung über orthodoxe Spiritualität Katholiken und Orthodoxe eingeladen, „mutigere und konkrete Schritte zur vollen Gemeinschaft“ zu unternehmen. Die Tagung, die heuer zum 25. Mal veranstaltet wird, behandelt von 6. bis 9. September das Thema „Das Geschenk der Gastfreundschaft“. Die Gemeinschaft von Bose wurde am 8. Dezember 1965 (dem Tag der Beendigung des Zweiten Vatikanischen Konzils) von Enzo Bianchi begründet, der bis zum Jänner des heurigen Jahres Prior von Bose war. Fr. Bianchi sagte bei der Eröffnung der Tagung am Mittwoch u.a., im „Ereignis der Aufnahme des Fremden kann die Begegnung mit Christus geschehen“, in der theologischen Bedingung der „Fremdheit“ sei es möglich, das Antlitz Gottes tiefer zu erkennen. Das sei das „theologische Fundament für unseren Einsatz zu Gunsten der Fremden“. Bei der diesjährigen ökumenischen Tagung kommen prominente Theologen zu Wort, an der Spitze der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. und der orthodoxe Patriarch von Alexandrien und ganz Afrika, Theodoros II.

In seinem Grußwort brachte Papst Franziskus daher seine „herzliche Umarmung“ für „den geliebten Bruder Bartholomaios und für Seine Seligkeit, Patriarch Theodoros“ zum Ausdruck. Die Anwesenheit der beiden Patriarchen in dem piemontesischen Kloster sei eine Ehre für Bose und werte den Beitrag der Gemeinschaft zum „gemeinsamen Weg zur vollen Einheit“ auf. Papst Franziskus betonte die Aktualität des Themas „Das Geschenk der Gastfreundschaft“. Der Mensch sei Gast einer Welt, die für ihn geschaffen wurde, aber zugleich sei er ein „Fremdling auf Erden“, weil er in den Himmel eingeladen sei und dort erwartet werde. Während der irdischen Pilgerschaft seien die Menschen aufgerufen, einander gleichsam als Geschenke anzunehmen, Kompassion zu fühlen, Teil zu haben am Schmerz derer, die leiden, und das Unglück der anderen als ein eigenes Übel zu empfinden.

Das Thema der diesjährigen Bose-Tagung betreffe nicht nur die Kirchen, nicht nur die Christen, sondern alle Menschen guten Willens, betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. Denn in der heutigen Zeit könne die Rede von der Gastfreundschaft „unbequem“ werden, vor allem wenn man sie als Geschenk auffasse. In seiner Grundsatzrede nahm Bartholomaios I. darauf Bezug, dass sich das Ökumenische Patriarchat seit vielen Jahren bemühe, die Menschen für die große Umweltkrise zu sensibilisieren und Lösungen zu finden, „sowohl in spiritueller als auch in wissenschaftlicher Hinsicht“. Die Entfremdung des Menschen von der übrigen Schöpfung erfolge auch durch eine krankhafte Beziehung zu dieser, wenn die Natur etwa nur unter dem Gesichtspunkt der Ressourcen gesehen werde, die man für den Wohlstand des Menschen ausnützen könne. Auch nach der Ursünde des Menschen, wie sie in der biblischen Erzählung von Adam und Eva beschrieben werde, sei aber der Bund Gottes mit den Menschen nicht aufgehoben worden, die Beziehung der Liebe bleibe auch nach dem Sündenfall aufrecht.

Gastfreundschaft bedeute Bereitschaft zum Teilen, so Bartholomaios I., eine Hinwendung zum anderen, ein Sorgen für die anderen. Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter werde dann eine Gastfreundschaft gezeichnet, die Aufnahme bedeute. Wörtlich fügte der Patriarch hinzu: „Es gibt keine Fremden mehr, sondern Gäste, denn einen Fremden, einen Ausländer aufzunehmen, bedeutet Christus selbst aufzunehmen“.

Die Bereitschaft zur Gastfreundschaft stelle sich heute als „drängende christliche Verpflichtung“ dar, sagte seinerseits Patriarch Theodor II. von Alexandrien. Christus habe die Seinen gelehrt, die Notwendigkeit zu verspüren, dem Nächsten, „vor allem dem Fremden, unbeschränkte Liebe zu schenken, ihn aufzunehmen und für ihn zu sorgen“. Wörtlich stellte der Patriarch fest, der für ganz Afrika zuständig ist: „Es ist ein Gebot Gottes, die Ausländer, die in unsere Länder kommen, so zu behandeln, als ob sie Einheimische wären und sie zu lieben wie uns selbst“. Die Gastfreundschaft, die Teilung der Güter dieser Erde mit unseren Gefährten, die bedingungslose Aufnahme des Fremden, „die seine Integration in unser Leben bedeutet“, ermöglichten es, in eine authentische Beziehung mit dem Schöpfer des Universums zu treten.

„Migranten als Segen Gottes aufnehmen“

Der Patriarch von Alexandrien nahm auf die Angst Europas vor der Flüchtlingswelle und dem Phänomen der Immigration Bezug und stellte klar: „Die Kirche von Alexandrien lebt diese Situation jeden Tag auf dem großen afrikanischen Kontinent, wo kriegerische Konflikte, Bürgerkriege und Naturkatastrophen ständig Flüchtlingswellen hervorrufen“. In Ruanda, Sierra Leone, Burundi, im Kongo, im Südsudan und in vielen anderen Regionen müssten „zehntausende unserer afrikanischen Brüder“ in einer absoluten Notsituation leben, oft als Flüchtlinge im eigenen Land. Die Gläubigen dürften ihre Augen nicht verschließen vor „Ausbeutung, sozialer Ungerechtigkeit, Gewalt, Tyrannei, Arbeitslosigkeit, Krieg, Terrorismus, Rassismus, Umweltzerstörung“. Abschließend stellte Theodoros II. fest: „Als Christen müssen wir den Ausländer und den Migranten als Segen und als Geschenk Gottes aufnehmen und anerkennen, dass wir alle nach dem Bild Gottes geschaffen sind und die gleichen Menschenrechte im Hinblick auf Leben, Arbeit und Freiheit haben“.

Im Verlauf der internationalen ökumenischen Tagung in Bose werden verschiedene Aspekte der Gastfreundschaft und der Aufnahme des Fremden in der griechischen, russischen, georgischen, syrischen, ägyptischen usw. Tradition behandelt. Zu Wort kommen Theologen sowohl aus den traditionellen ostkirchlichen Ländern als auch aus der weltweiten Diaspora. U.a. behandelt der koptische Bischof (und Abt des berühmten Syrer-Klosters im Wadi Natrun), Epiphanios El Makarii, das Thema „Die Aufnahme des Feindes bei den Wüstenvätern“, die in Wittenberg lehrende Theologin Anna Briskina-Müller stellt die „Gastfreundschaft als geistliches Werk“ am Beispiel der multiethnischen Kommunität des Heiligen Paisij Welitschkowskij dar. Auch die westliche lateinische Tradition kommt zu Wort. So stellt Fotios Ioannidis von der Aristoteles-Universität in Saloniki die Gastfreundschaft in der Regel des Heiligen Benedikt dar; zum Abschluss der Tagung behandelt Frere Alois, der (katholische) Prior der ökumenischen Mönchsgemeinschaft von Taize, das Thema „Monastische Gastfreundschaft und Versöhnung der Kirchen“. Das eigentliche Schlusswort hat der frühere Abt von Chevetogne, P. Michel Van Parys.
Der Ökumenische Patriarch verbleibt noch einige Tage in Italien. Am Fest der Kreuzerhöhung wird er in der griechisch-orthodoxen Kirche San Demetrio in Bologna die Göttliche Liturgie feiern. (ende)