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Franz König

Pro Oriente

Vatikanischer „Außenminister“ Gallagher war im Iran

In den Gesprächen ging es um Themen der internationalen Politik, aber auch um die Situation der Christen im Iran – Dialogvorgänge schiitischer Organisationen mit der Schweizer Bischofskonferenz und mit dem Weltkirchenrat



Vatikanstadt-Teheran, 09.09.17 (poi) Der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Paul Gallagher, ist von seiner Iranreise in den Vatikan zurückgekehrt. Auf Einladung des iranischen Außenministers, Mohammed Dschawad Sarif, hatte Gallagher von Dienstag bis Samstag das Land besucht. Neben Gesprächen auf politischer Ebene standen auch Besuche katholischer Einrichtungen in dem islamischen Land auf seinem Reiseprogramm. Bei einem Treffen mit Kulturminister Abbas Salehi besprach der Leiter der vatikanischen Diplomatie neben Themen der internationalen Politik und der Krise im Nahen Osten auch die Situation der Christen im Iran. Große Bedeutung maßen in diesem Zusammenhang beide Gesprächspartner dem interreligiösen Dialog bei, der seit Jahren zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Iran geführt werde.

Die Frage, wie sich religiöser Extremismus und Radikalismus bekämpfen lassen, stand im Mittelpunkt der 5. Dialogrunde, die Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz und der iranischen „Organisation für Islamische Kultur“ Ende August in Teheran durchführten. Bei der Dialogrunde gingen die Religionsvertreter gemeinsam Ursachen des religiösen Extremismus nach und erörterten Strategien der Prävention; die Begegnung sei „ein weiterer Meilenstein“ im seit 2005 geführten Dialog zwischen iranischen schiitischen und Schweizer katholischen Theologen, so die Bischofskonferenz. Extremismus und Gewalt stünden im Widerspruch zum Wesen sowohl des Christentums als auch des Islam, heißt es in der Erklärung der Bischofskonferenz.

Dialog über die Heiligen Schriften

Ein interreligiöser Dialog fand Ende August in Teheran auch zwischen Delegationen des Weltkirchenrats und der iranischen schiitischen Gemeinschaft statt. Der Dialog wurde vom Teheraner „Centre for Interreligious Dialogue“ (CID) organisiert. Es war bereits die 9. Gesprächsrunde im Rahmen eines seit mehr als 20 Jahren geführten islamisch-christlichen Dialogs. Die Programmverantwortliche des Weltkirchenrats für den interreligiösen Dialog, Clare Amos, sagte, die Begegnung mit dem Teheraner CID sei einer der bleibenden interreligiösen Kontakte des Weltkirchenrats. Auch wenn es in beiden Delegationen einige neue Mitglieder gegeben habe, sei die Atmosphäre von „Wärme, Vertrautheit und Freundlichkeit“ gekennzeichnet gewesen. Dies sei das Ergebnis einer langen Erfahrung, die die Gesprächsrunden einerseits erfreulicher gemacht und andererseits erlaubt habe, „tiefer zu schürfen und die Weisheit der jeweiligen religiösen Tradition zu teilen“.

Zentrales Thema war heuer „Die Rolle der Interpretation Heiliger Texte beim Aufbau einer Welt, die frei von Gewalt ist“. Das Verhältnis von Religion und Gewalt und die Hoffnung auf eine friedensfördernde Funktion von Religion spiele zwar im interreligiösen Dialog generell eine große Rolle, erinnerte Clare Amos, aber die Entscheidung, sich auf die Heiligen Schriften zu konzentrieren, sei ein „einmaliger Aspekt“ der 9. Gesprächsrunde gewesen, in der man sehr offen über Bibel und Koran als „mögliche Triebräder von Konflikt oder Frieden“ gesprochen habe.

„Wir haben gemeinsam einige wichtige Kriterien der Interpretation der Heiligen Schriften erforscht und sind vor allem der Frage nachgegangen, welche Zugänge lebensfreundlich sind und die Liebe reflektieren“, berichtete Clare Amos: „Wir arbeiteten heraus, dass ethische menschliche Beziehungen und die Erfordernisse der Gerechtigkeit vordringlich im Auge behalten werden müssen, wenn man unsere Heiligen Schriften interpretiert“. Ebenso sei betont worden, dass man bei der Auslegung der Texte den Kontext ernst nehmen müssen.

Zustimmung gab es für das von den schiitischen Theologen betonte Prinzip der Vernunft („aql“) bei der Schriftauslegung, aber auch das Eingeständnis auf beiden Seiten, dass Machtverhältnisse unvermeidlicherweise den Prozess der Interpretation der Heiligen Schriften mitprägen. Eindruck habe ein kraftvolles Bild des Ayatollah Mostafa Mohaghegh Damad gemacht (der schiitische Geistliche ist Dekan des Fachbereichs für Islamische Studien der iranischen Akademie der Wissenschaften und einer der 138 Unterzeichner des offenen Briefes „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“, der von islamischer Seite im Oktober 2007 an die christlichen Kirchenführer gesandt wurde): Der Koran könne sowohl eine Leiter zum Himmel als auch ein Seil sein, das in den Abgrund tiefer Finsternis hinabzieht.

Im Abschlusskommunique wurden einige bemerkenswerte Feststellungen getroffen. Die Erkenntnis, dass die volle Wahrheit erst im Himmel erkennbar sein wird, stelle eine wichtige Voraussetzung dar, damit die Heiligen Schriften „Leben geben statt Konflikte auszulösen“. Ausdrücklich wurde die Bedeutung des Kontexts bei der Interpretation der Heiligen Schriften betont; dieser Kontext sei vielfältig, angefangen vom ursprünglichen historischen und literarischen Kontext der Schriften über den Kontext der früheren Interpreten bis zum Kontext der Leser und Ausleger von heute.

Eine besondere Rolle bei der 9. Gesprächsrunde spielte der armenisch-apostolische Erzbischof von Teheran, Sebouh Sarkissian, der beiden Delegationen angehörte. Clare Amos sagte in diesem Zusammenhang, der Besuch der Weltkirchenrats-Delegation im armenischen Viertel im Zentrum von Teheran habe vielen die Augen geöffnet: „Das hat uns geholfen, besser zu verstehen, wie die armenische Gemeinschaft in Teheran vorgeht, um ihre Identität und ihr kulturelles Leben in einer Umgebung zu pflegen, die bisweilen ernsthafte Herausforderungen bereit hält“.

Angst vor der Hauskirchen-Bewegung

Trotz der Dialogvorgänge hat sich an der Situation vor allem der evangelikalen Christen aus der Hauskirchen-Bewegung nichts geändert. So berichtet die französische Website „Christianophobie“, dass am 6. Juli vier Christen – unter ihnen ein Pastor – zu je zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Sie wurden der „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ beschuldigt; sie hätten „Hauskirchen“ begründet und ein „zionistisches Christentum“ verbreitet, wurde ihnen vorgeworfen. Der Rechtsanwalt Mansour Borji von der Menschenrechtsgruppe „Artikel 18“ sagte, in den Urteilen spiegle sich die Angst der Machthaber vor der Entwicklung des Christentums im Iran.

Ein weiterer Christ, Amin Nader Afshar, der wegen „Blasphemie“ zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, ist inzwischen gegen Kaution freigelassen worden, nachdem er einen mehrwöchigen Hungerstreik durchgeführt hatte. In einem offen Brief stellte Afshar fest, er sei von Wächtern und Mitgefangenen ständig misshandelt worden; er liebe weiter seine Feinde und bete für sie, er habe aber keinen anderen Ausweg gesehen, als durch den Hungerstreik sein Leben erlöschen zu lassm. Mansour Borji, der auch Afshar vertritt, sagte, dass er über den Gesundheitszustand seines Mandanten in tiefer Sorge sei. Zudem habe Afshar, um die Kaution zahlen zu können, Grundbesitz im Wert von umgerechnet 80.000 Euro verkaufen müssen. (ende)