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Franz König

Pro Oriente

Antiochenischer Patriarch hat Hoffnung, dass sein Bruder am Leben ist

Youhanna X. nahm am Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Münster teil, um das „Geschenk des Friedens“ für seine Heimat einzufordern

Berlin-Damaskus, 12.09.17 (poi) Der antiochenisch-orthodoxe Patriarch Youhanna X. hat beim Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Münster seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass sein Bruder, Metropolit Boulos (Yazigi), am Leben ist. Der antiochenisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo war gemeinsam mit dem syrisch-orthodoxen Metropoliten der nordsyrischen Millionenstadt, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim, am 22. April 2013 von Unbekannten entführt worden. Die beiden Bischöfe hatten sich auf der Fahrt von der türkischen Grenze nach Aleppo befunden. Der Fahrer wurde an Ort und Stelle erschossen, die Bischöfe wurden verschleppt. Seither gab es nur höchst widersprüchliche Informationen, unterbrochen von langen Schweigeperioden.

Im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR sagte Patriarch Youhanna X. in Münster, die Entführung bedeute für ihn und für die Christen in Syrien eine „sehr schmerzliche und sehr gefährliche Tatsache“. „Leider scheint es so, dass die ganze Welt mit einem gleichgültigen internationalen Schweigen auf das schaut, was in Syrien passiert“, fügte er hinzu.

Auf die Frage, ob er noch Hoffnung für seinen Bruder habe, antwortete der Patriarch: „Wir beten ständig für die beiden Metropoliten. Und wir haben Hoffnung“. Zugleich müsse man sich vor Augen halten, dass außer den beiden Bischöfen auch viele andere Priester und Laien entführt wurden: „Wir haben einen sehr hohen Preis für das gezahlt, was geschieht, aber wir bleiben fest in der Hoffnung“.

Die Christen Syriens seien entschlossen, der Kirche und dem Land treu zu bleiben, betonte Youhanna X.: „Als Christen Antiochiens haben wir unseren Glauben auf den Worten der Apostel aufgebaut. Wir haben das Christentum gleichsam mit der Muttermilch empfangen, wir sind zum christlichen Leben und zu einer leidenschaftlichen Liebe zu unserem Vaterland erzogen worden“. Die Christen seien im Nahen Osten, „im ganzen Orient“, seit 2.000 Jahren verwurzelt: „Hier sind wir geboren, hier haben wir gelebt und hier werden wir sterben“.

Der Patriarch unterstrich die Lebendigkeit des christlichen Glaubenslebens in Syrien. Das Land sei reich an Klöstern mit vielen Mönchen und Nonnen, die Kirchen seien lebendig. Er benütze die Gelegenheit des Friedenstreffens in Münster (Sant’Egidio hatte das Treffen heuer bewusst in der westfälischen Stadt angesetzt, um an den Frieden von Münster und Osnabrück zu erinnern, der 1648 die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges beendete) sagte Youhanna X., um von der Welt „das Geschenk des Friedens“ einzufordern. Es genüge nicht, über die Präsenz des Christentums im Nahen Osten nur zu reden, es muss „alles nur Mögliche getan werden, um den Frieden in dieser Weltgegend aufzubauen“.

In diesem Zusammenhang stellte der Patriarch wörtlich fest: „Wir haben in der Vergangenheit und auch jetzt Tag für Tag so viele Erklärungen aus aller Welt gegen den Terrorismus, gegen den Radikalismus, gegen den Krieg und gegen das Blutvergießen auf Kosten der Schuldlosen gehört. Aber wir sind dieser Erklärungen müde, wir möchten endlich etwas Konkretes sehen. Aus diesem Grund bin ich hierher ins Herz Europas gekommen. Ich wollte den Schmerz meines Volkes mitteilen. Unser Appell ist: Stoppt diesen Terrorismus und gebt uns die Möglichkeit, in unserer Heimat in Frieden zu leben“. Vor allem Papst Franziskus, mit dem er schon so vieles gemeinsam für den Frieden unternommen habe, könne vieles tun, fügte der orthodoxe Patriarch von Antiochien hinzu.

„Die IS-Terroristen waren es nicht“

Zuletzt hatte es Ende August neue Informationen über das Schicksal der beiden entführten Metropoliten gegeben. Bei den Verhandlungen zwischen syrischen und libanesischen Militärs auf der einen Seite und den IS-Terroristen auf der anderen Seite über den Rückzug der Terroristen aus der Umgebung des Grenzstädtchens Arsal und die Herausgabe der Leichen von ermordeten libanesischen Soldaten wurde auch die Frage nach den Metropoliten gestellt. Denn Verhandlungsführer war der libanesische Geheimdienstchef, General Abbas Ibrahim, der bereits mehrfach versucht hatte, den Entführern der Metropoliten auf die Spur zu kommen, um die Freilassung der beiden Bischöfe zu erreichen. Die IS-Terroristen beteuerten, dass sie mit der Entführung nichts zu tun hätten, General Ibrahim sagte dann im Gespräch mit Journalisten, er sei zur Überzeugung gelangt, dass die Angaben der Terroristen in diesem Punkt der Wahrheit entsprachen, weil sie ja durch die Herausgabe der Metropoliten nur Vorteile gehabt hätten. Aber die Sache ermutige ihn dazu, die Causa „Entführung der Metropoliten“ von Anfang an wieder aufzurollen und die Recherchen nach den wahren Tätern zu intensivieren.

Der libanesische Geheimdienstchef war sich im Oktober 2013 schon nahezu sicher gewesen, den Aufenthaltsort der entführten Metropoliten entdeckt zu haben. Damals war die Rede davon, er werde „indirekte Verhandlungen“ mit den Entführern aufnehmen. Daraus wurde offensichtlich nichts. (forts mgl)