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Franz König

Pro Oriente

Ökumenischer Patriarch: „Die Pfarre ist die grundlegende Zelle der Kirche“

Bartholomaios I. sprach in Bologna vor orthodoxen und katholischen Pfarrern - Aufruf zur intensiven ökumenischen Zusammenarbeit angesichts der Herausforderungen der Gegenwart

Bologna, 15.09.17 (poi) Die Pfarre bleibt die „grundlegende Zelle der Kirche“: Dies betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bei einer Begegnung orthodoxer und katholischer Pfarrer in Bologna. Die Begegnung fand auf Einladung des Erzbischofs von Bologna, Matteo Zuppi, bei einer Klerustagung in Vorbereitung auf den diözesanen Eucharistischen Kongress statt (zu dem am 1. Oktober Papst Franziskus in der Hauptstadt der Romagna erwartet wird). Bartholomaios I. erinnerte daran, dass die orthodoxe und die katholische Auffassung über die Bedeutung der Pfarre im Leben der Ortskirche weitgehend übereinstimmen. Der Bischof vertraue die Verantwortung für eine Pfarrgemeinde dem Pfarrer an; in dieser Pfarrgemeinde entwickle sich der Weg der Gläubigen. Ihr Zeugnis des Glaubens habe als Fundament „die Feier der Heiligen Geheimnisse“, insbesondere die Feier der Eucharistie und die Verkündigung des Wortes Gottes, mit dem Ziel des diakonalen Dienstes an den Menschen.

Der Ökumenische Patriarch erinnerte daran, dass es in den letzten Jahrzehnten zu einer starken Auswanderungsbewegung orthodoxer Gläubiger aus Osteuropa und dem Nahen Osten nach West- und Südeuropa gekommen ist. Aus diesem Grund seien orthodoxe Eparchien außerhalb der kanonischen Grenzen der autokephalen orthodoxen Kirchen entstanden. Im Hinblick auf die pastoralen Notwendigkeiten sei dann bei der 4. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz 2009 und neuerlich bei der Versammlung der orthodoxen Kirchenoberhäupter 2016 die Einrichtung orthodoxer Bischofskonferenzen in der Diaspora beschlossen worden, um die kirchliche Arbeit über die ethnischen Identitäten hinweg zu harmonisieren. Voraussetzung für diese Harmonisierung sei freilich, dass die orthodoxen Gemeinden einer Stadt oder Region bei aller sprachlichen Verschiedenheit und im Respekt vor den jeweiligen Traditionen ein gemeinsames Zeugnis der „sichtbaren Einheit, der Glaubwürdigkeit und des gegenseitigen Respekts“ sowie der „pastoralen, liturgischen und karitativen Zusammenarbeit“ geben. Das Ökumenische Patriarchat unterstütze jede „panorthodoxe Initiative auf lokaler, regionaler, nationaler und universaler Ebene“. Denn die ethnische oder nationale Selbstbezogenheit widerspreche dem Bibelwort im Galater-Brief: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Jesus Christus“.

Bartholomaios I. bewertete die interorthodoxe Zusammenarbeit der orthodoxen Pfarrgemeinden in Bologna sehr positiv, erinnerte aber zugleich auch an die ökumenische Verpflichtung. Die meisten Gotteshäuser der orthodoxen Pfarrgemeinden in der Hauptstadt der Romagna seien „in großer christlicher Liebe“ von der katholischen Erzdiözese Bologna zur Verfügung gestellt worden. Dieses „Miteinander“ verlange „gegenseitigen Respekt, gegenseitige Kenntnis, Dialog und Zusammenarbeit in allen Bereichen“. Der theologische Dialog sei im Gang, aber noch nicht am Ziel, trotzdem eröffne das Zusammenleben die Möglichkeit, einander kennen zu lernen und zu verstehen, „auch dort, wo wir nicht völlig übereinstimmen“. Der „Austausch der Gaben“ ermögliche es, sich gemeinsam den großen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Als diese Herausforderungen bezeichnete der Ökumenische Patriarch die „Entchristlichung der sogenannten christlichen Gesellschaften“, den religiösen Fundamentalismus, den Relativismus, den selbstgenügsamen Konsumismus, die Säkularisierung, eine Globalisierung ohne Beachtung der fundamentalen Menschenrechte, die Umweltkatastrophe, die Migrationsbewegung biblischen Ausmaßes und die Unfähigkeit vieler Gesellschaften damit umzugehen, die Krise der Arbeit, die Zukunft der Familie. Jede orthodoxe und jede katholische Pfarrgemeinde könne angesichts der Krisen von heute „lebendige Erfahrung des Geheimnisses Gottes“ sein, weil sie ursprüngliche Zelle der Kirche sei, aufnahmebereite Kirche, Kirche der Hoffnung und „Anker des Heils“.

Während seines Aufenthalts in Bologna hielt der Ökumenische Patriarch auch eine „Lectio magistralis“ zum Thema „Bewahrung der Schöpfung und Bewahrung des Lebens“ vor dem Landtag der Region Emilia-Romagna. Bartholomaios I. unterstrich dabei, dass Bewahrung der Natur und Dienst am Nächsten untrennbar seien. Es gebe eine tiefe Verbindung zwischen „Umweltgerechtigkeit“ und „sozialer Gerechtigkeit“. Die neue Aufmerksamkeit für das „gemeinsame Haus“ dürfe nicht nur das Anliegen einiger weniger sein, vielmehr seien alle Menschen aufgerufen, das Leben – auch das Leben der kommenden Generationen – zu fördern.

In seinem Vortrag nahm der Ökumenische Patriarch auch zur Situation der Kirche in seiner Bischofsstadt Konstantinopel Stellung, wobei er betonte: „Auch wenn die historischen Umstände heute die numerische Präsenz der Christen in unserer Stadt eingeschränkt haben, bleibt die Kraft und Bedeutung unserer Kirche unverändert – auch angesichts der Herausforderungen der Welt von heute, wo es immer mehr notwendig ist, die Fundamentalismen aller Art zu tilgen, um einen offenen Dialog zwischen Religionen, Kulturen und wirtschaftlichen Systemen zu fördern“.

Patriarch in Marzabotto

In Bologna feierte Bartholomaios I. die Göttliche Liturgie aus Anlass des Festes der Kreuzerhöhung. Zudem besuchte er das Kloster von Monte Sole, das mit dramatischen Ereignissen der Zeitgeschichte verbunden ist. 1986 hatte der damalige Erzbischof von Bologna, Kardinal Giacomo Biffi, die Ordensgemeinschaft „Kleine Familie von Mariä Verkündigung“ eingeladen, auf dem Monte Sole im Gemeindegebiet von Marzabotto ein Kloster zu errichten. Der Name Marzabotto ist mit einem der schlimmsten deutschen Kriegsverbrechen in Italien verbunden: 1944 wurden dort an die 900 Frauen, Kinder und alte Leute samt ihren Pfarrern von Einheiten unter dem Kommando des aus Österreich stammenden SSlers Walter Reder abgeschlachtet.

Die Ordensgemeinschaft „Kleine Familie von Mariä Verkündigung“ wurde von Giuseppe Dossetti (1913-96) begründet, ursprünglich einer der wichtigsten Politiker der Democrazia Cristiana, bevor er sich entschloss, Priester zu werden. 1959 wurde er zum Priester geweiht; er war einer der wichtigsten Mitarbeiter des Erzbischofs von Bologna in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, Kardinal Giacomo Lercaro. Dossetti war es auch, der die berühmte Predigt Lercaros zum 1. Kirchlichen Weltfriedenstag am 1. Jänner 1968 entwarf, in der die US-amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam scharf verurteilt wurden. In der Folge wurde das von Kardinal Lercaro zu seinem 75. Geburtstag eingebrachte Rücktrittsgesuch vorzeitig angenommen. (ende)