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Franz König

Pro Oriente

„Überwältigender Lebenswille“ in Aleppo

Bischof Abou Khazen kündigt gemeinsame Synode aller in der nordsyrischen Metropole vertretenen katholischen Gemeinschaften an – „Überwindung der Spaltungen“ und „gegenseitige Vergebung“ der richtige Weg zur Wiedergeburt Syriens

Damaskus-Rom, 20.09.17 (poi) „Es gibt große Herausforderungen, aber es gibt bei uns einen überwältigenden Lebenswillen“: Dies erklärte der Apostolische Vikar für die Katholiken des lateinischen Ritus in Aleppo, Bischof Georges Abou Khazen, bei einem Solidaritätsbesuch in dem norditalienischen Städtchen Lugo di Romaga in der Provinz Ravenna. Der Pfarrer von Lugo, don Leonardo Poli, hatte 2016 – im „Jahr der Barmherzigkeit“ – eine Solidaritätsaktion für Aleppo gestartet, die italienweit Aufmerksamkeit auslöste. „Überwindung der Spaltungen“ und „gegenseitige Vergebung“, das sei der richtige Weg zur Wiedergeburt Syriens, sagte der Bischof. Das Leben in Aleppo sei gekennzeichnet „von Hoffnung, Herausforderungen und immer noch Leiden“, aber zugleich sei die Stadt zur „Ikone der Wiedergeburt des Landes“ geworden. Die Vertreibung der islamistischen Milizionäre habe nicht nur in Aleppo, sondern in ganz Syrien Hoffnung geweckt. Die Hoffnung auf Ausschaltung aller terroristischen Gruppierungen habe die Angst vor einer Aufteilung Syriens überwunden und die Möglichkeit der Schaffung eines modernen Staates eröffnet, in dem „Angehörige verschiedener religiöser und ethnischer Gruppen in Frieden und Harmonie zusammenleben“. Von entscheidender Bedeutung sei die „gegenseitige Vergebung“, betonte der Apostolische Vikar: „Ohne Vergebung gibt es keine Nächstenliebe, keine Kultur, keine Zukunft. Es gibt nur den Tod. Davon müssen wir Christen Zeugnis geben. Manche halten uns für ‚Ungläubige‘, aber es gibt auch viele Muslime, die wie wir denken“. Bischof Abou Khazen bezeichnete es als Hoffnungszeichen, dass die Flüchtlinge zurückzukehren beginnen. Nach Schätzungen seien in letzter Zeit 500.000 Flüchtlinge nach Syrien zurückgekehrt.

Der Apostolische Vikar kündigte an, dass es bald eine gemeinsame Synode aller in Aleppo vertretenen katholischen Gemeinschaften (des lateinischen, byzantinischen, maronitischen, syrischen, chaldäischen und armenischen Ritus) geben werde. Die Kriegsjahre hätten das Leben der Gemeinschaften gezeichnet, das Gesicht der Kirche sei verändert: „Sie wird nicht mehr so werden wie früher“. Das Bild für die Synode seien die Emmaus-Jünger, „die niedergeschlagen und trostlos auf dem Weg sind, aber dann Christus begegnen“.

Trotz der Leiden, des Krieges und des Terrors hätten die Christen die Aufgabe, das Gute in den Menschen zu entdecken, so Abou Khazen: „Wir haben den für unmöglich gehaltenen Dialog mit dem Islam nicht am Schreibtisch diskutiert, wir haben ihn gelebt. Wir haben auch bei den Muslimen viele schöne Dinge entdeckt“.
Für die Christen in Aleppo sei nicht nur die materielle Wiederaufbau-Hilfe sehr wichtig, es gehe auch darum, weltweit Geschwister zu entdecken, „die mit uns fühlen, die zu uns stehen, die uns unterstützen“, sagte der Bischof: „Dann werden wir uns nicht mehr als verfolgte Minderheit fühlen, sondern als Angehörige einer großen Familie, der Weltkirche“. In diesem Zusammenhang dankte Abou Khazen den Katholiken von Lugo di Romagna für ihre beispielhafte Aktion. Pfarrer Poli hatte Familien seiner Gemeinde eingeladen, per Dauerauftrag 20 Euro pro Monat für Aleppo zu spenden, binnen kurzem kamen 75.000 Euro zusammen, mit denen der Bischof Lebensmittel, Medikamente und Schulsachen kaufen und Mieten finanzieren konnte.

Assad bei syrisch-orthodoxem Jugendfestival

In Damaskus fand in der Vorwoche auf Einladung des syrisch-orthodoxen Patriarchen Mar Ignatius Aphrem II. ein großes christliches Jugendfestival statt. Am Sonntag gab es zwei Höhepunkte des Festivals: Eine große Delegation der Jugendlichen traf unter Führung des Patriarchen in der „Damascus Hall“ in der syrischen Hauptstadt mit Präsident Bashar al-Assad zusammen. Assad betonte dabei die Bedeutung des Dialogs als einziger Weg zur „Entwicklung der Nation“ – „im Gegensatz zum religiösen und gesellschaftlichen Fanatismus“. Die Fragen der Jugendlichen betrafen vor allem die Bedeutung der Existenz der Christen in Syrien, vor allem die syrisch-orthodoxen Christen fühlten sich als „echter Bestandteil der syrischen Gesellschaft“.

Assad unterstrich seinerseits, dass die Christen in Syrien „weder Gäste noch zufällige Zugvögel“ seien: „Sie sind ein Teil der Anfänge des Landes und ohne sie wäre Syrien nicht so vielfältig, wie wir es heute kennen“. Der Versuch der „Extremisten“, die Christen aus dem Land zu vertreiben, sei „gescheitert“. Dieser Versuch sei Teil eines umfassenden Plans gewesen, Syrien in kleine Einzelstaaten aufzuspalten.

Liturgischer Höhe- und Schlusspunkt des Jugendfestivals war die Patriarchalliturgie in der Peter-Paul-Kathedrale des Mar Aphrem-Klosters in Maarat Sednaya. In seiner Predigt appellierte der Patriarch an die Jugendlichen, dem Wort Gottes zu vertrauen und sich vor den falschen Propheten zu hüten, „die das Volk Gottes in die Irre führen wollen“. Im Verlauf des Festivals hatte sich der Patriarch der Diskussion mit den Jugendlichen gestellt. Dabei betonte Mar Ignatius Aphrem II., dass es bei den Entwicklungsprojekten des Patriarchats darum gehe, für die Jugend Arbeitsplätze und Entwicklungsmöglichkeiten im Land zu schaffen. (ende)