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Franz König

Pro Oriente

Gedenken an Wahl und Amtseinführung des Moskauer Patriarchen Tichon vor 100 Jahren

Mit der Patriarchenwahl wurde 1917 die nahezu 200 Jahre dauernde sogenannte „synodale Periode“ in der Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche beendet

Moskau, 01.10.17 (poi) Die Reliquien des heilig gesprochenen Moskauer Patriarchen Tichon werden am 4. Dezember aus dem Donskoj-Kloster in der russischen Hauptstadt in die Christus Erlöser-Kathedrale übertragen. Damit wird des 100. Jahrestages der Amtseinführung des 1917 vom Landeskonzil der russisch-orthodoxen Kirche inmitten der Revolutionswirren gewählten Patriarchen gedacht. Mit der Wahl Tichons wurde die sogenannte „synodale Periode“ in der Geschichte der russischen Kirche beendet. Diese Periode dauerte nahezu 200 Jahre, nachdem Peter der Große das Patriarchat 1721 abgeschafft hatte.

Der Leiter der Öffentlichkeits- und Medienabteilung des Heiligen Synods des Moskauer Patriarchats, Wladimir Legojda, betonte vor Journalisten in Moskau, dass der Jahrestag der Amtseinführung von Patriarch Tichon alljährlich begangen wird, heuer werde dies aber besonders feierlich geschehen, weil es um ein „Schlüsselereignis“ im Rahmen des Gedenkens an die Ereignisse des Jahre 1917 gehe. Patriarch Kyrill I. werde in der Christus Erlöser-Kathedrale die Göttliche Liturgie feiern, anschließend werden die Gläubigen die Möglichkeit haben, im Gebet die Reliquien von Patriarch Tichon zu verehren. Legojda erinnerte daran, dass die Wahl von Patriarch Tichon ein „Leuchtturm“ im Leben der Kirche gewesen sei, weil damit die „synodale Periode“ beendet wurde, in der die Kirche „faktisch von der Staatsmacht regiert wurde“. Mit der Patriarchenwahl sei die dem orthodoxen Kirchenrecht entsprechende Struktur der russischen Kirche wiederhergestellt worden.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts sei die russisch-orthodoxe Kirche die größte und einflussreichste in der orthodoxen Kirchenfamilie gewesen, sagte Legojda. Sie habe die orthodoxen Christen im Osmanischen Reich und im Iran beschützt, viele hätten im In- und Ausland ihre Hoffnungen auf die russisch-orthodoxe Kirche gesetzt. Und doch sei die russische Kirche zu diesem Zeitpunkt in einem „seltsamen Abschnitt“ ihrer Geschichte gewesen, eben der „synodalen Periode“. Viele hätten damals .- und auch später – die Schwäche der Kirche mit der Tatsache in Verbindung gebracht, dass während der „synodalen Periode“ die kanonische Struktur verletzt war und die Kirche keine Möglichkeit hatte, ihre unabhängige Stimme in der Öffentlichkeit vernehmbar zu machen.

Das russische Landeskonzil wurde am 15. (28.) August 1917 in Moskau feierlich eröffnet. Unter den 564 Mitgliedern waren Bischöfe, Pfarrer, Diakone, Mönche und Nonnen sowie 299 Laien. Die Wiederherstellung des Patriarchats stand als Hauptthema zur Debatte und sorgte für heftige Auseinandersetzungen. Dabei suchten die Anhänger wie die Gegner des Patriarchats ihre Position mit historischen, politischen, moralischen und theologischen Argumenten zu stützen. Unter den Mitgliedern des Konzils stellten die Anhänger des Patriarchats die Mehrheit. Sie setzten sich für ein Patriarchat ein, dem ein starkes Vertretungsgremium mit beratenden Funktionen aus Bischöfen, Priestern und Laien zur Seite stehen sollte. Viele Mitglieder des Konzils plädierten aber auch für eine paritätische Besetzung des Heiligen Synods durch Bischöfe, Priester und Laien, wobei alle demokratisch gewählt werden sollten.

Nachdem man sich auf Wiedereinführung des Patriarchats, „allgemeine Richtlinien über die oberste Leitung der Kirche“ und einen komplizierten Abstimmungsmodus für die Patriarchenwahl geeinigt hatte, kam es im November 1917 zur Wahl. Nach vier Wahlgängen zog der Einsiedler-Mönch Aleksij aus der Zosimowa pustyn das Los mit dem Namen von Metropolit Tichon von Moskau.

Metropolit Tichon (bürgerlicher Name Wasilij I. Bellawin) stammte aus dem Gouvernement Pskow, er wurde 1865 als Sohn eines Priesters geboren. 1892 legte er die Mönchsgelübde ab, bereits 1897 wurde er in St. Petersburg zum Bischof geweiht. Er wirkte zunächst ein Jahr lang als Bischof von Lublin (das damals russisch war) und wurde dann Bischof der Aleuten und von Alaska, als solcher war er Oberhaupt aller Orthodoxen auf dem nordamerikanischen Kontinent. In den USA wurde der Bischof durch innovative pastorale und soziale Initiativen bekannt. 1907 wurde er Erzbischof von Jaroslawl, 1914 Erzbischof von Wilno (heute als Vilnius litauische Hauptstadt), im Juni 1917 wählten ihn „Klerus und Volk“ zum Metropoliten von Moskau.
Patriarch Tichon schloss die Möglichkeit aus, dass ein Christ sich am Bürgerkrieg beteilige: „Nein, lieber sollen sie uns blutige Wunden zufügen, als dass wir uns der Vergeltung zuwenden, am Ende noch Vergeltung in Form von Massakern, an unseren Feinden oder an denen, die uns der Quell unseres Unglücks zu sein scheinen“. 1922 wurde der Patriarch vom bolschewistischen Regime verhaftet und später im Moskauer Donskoj-Kloster interniert. Eine vom Regime inspirierte und von den sogenannten „Erneuerern“ dominierte Kirchenversammlung beschloss die Absetzung des Patriarchen. Aber 1923 kam er wieder frei, die Beschlüsse der „Erneuerer“ wurden zurückgenommen. 1925 starb der Patriarch, es gab Vermutungen, dass er vergiftet worden sei.

Im Hinblick auf seine Tätigkeit in Nordamerika werden Reliquien des Heiligen Tichon aus Anlass des 100-Jahr-Gedenkens auch in die USA gebracht. Sie werden dort durch die Gemeinden der Orthodox Church of America (OCA), der Russischen Auslandskirche (ROCOR) und des Moskauer Patriarchats „pilgern“.

„Garten des Gedenkens“ in Butowo

In der Vorwoche wurde auf dem einstigen Schießplatz von Butowo bei Moskau eine neue Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus eröffnet. Die Segnung des „Gartens des Gedenkens“ nahm der dienstälteste Hierarch des Moskauer Patriarchats, Metropolit Juwenalij (Pojarkow) von Krutitsi und Kolomna, vor. Auf zwei Granitplatten sind im „Garten des Gedenkens“ die Namen der 20.762 Personen eingraviert, die in Butowo ermordet wurden. Die Erschießungen ereigneten sich zwischen August 1937 und Oktober 1938 auf dem Höhepunkt der von Stalin angeordneten „Säuberung“ (tschistka). 300 in Butowo Ermordete wurden von der russisch-orthodoxen Kirche heilig gesprochen.

Im Bereich des einstigen Schießplatzes steht die Kirche der Neumärtyrer und Bekenner, in der Patriarch Kyrill alljährlich am vierten Sonntag nach Ostern die Göttliche Liturgie zelebriert. (ende)