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Franz König

Pro Oriente

Neuer Sitz der Apostolischen Nuntiatur in Minsk eröffnet

Entspannte Situation zwischen katholischer und orthodoxer Kirche in Weißrussland

Minsk, 08.10.17 (poi) Der neue Sitz der Apostolischen Nuntiatur in Minsk wurde dieser Tage feierlich eröffnet, Nuntius Gabor Pinter konnte dabei mit zahlreichen Persönlichkeiten des politischen und religiösen Lebens der weißrussischen Hauptstadt auch den Substituten im Päpstlichen Staatssekretariat, Erzbischof Giovanni Angelo Becciu, begrüßen. Erzbischof Pinter, der den Heiligen Stuhl seit 2016 in Minsk vertritt, war früher als Nuntiaturrat in Wien tätig. Die Eröffnung des neuen Nuntiaturgebäudes fiel mit dem 25. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Weißrussland zusammen. Wenige Tage zuvor war Minsk auch Schauplatz der Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) gewesen. Weißrussland zeichnet sich durch eine entspannte Situation zwischen katholischer und orthodoxer Kirche aus.

Der katholische Erzbischof von Minsk-Mogilew, Tadeusz Kondrusiewicz, berichtete bei der Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen detailliert über die Situation der katholischen Kirche in Weißrussland. Er schilderte die kommunistische Kirchenverfolgung, im östlichen Landesteil, der schon ab 1920 Teil der Sowjetunion war, gab es 1937 keine einzige offene Kirche mehr (weder katholisch noch orthodox), alle Bischöfe und Priester waren in Haft oder in Verbannung. Auch im westlichen Landesteil, der bis September 1939 polnisch war, wurden ab 1944 viele Kirchen geschlossen oder in Kinos usw. umgewandelt. Ende der achtziger Jahre gab es in ganz Weißrussland 110 offene katholische Kirchen, in denen 60 zumeist bejahrte Seelsorger tätig waren. Weißrussische Priesteramtskandidaten konnten nur in einem der beiden katholischen Priesterseminare in der Sowjetunion – in Kaunas bzw. in Riga – studieren.

Der Prozess der Wiedergeburt der katholischen Kirche in Belarus begann 1989, als zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder ein Bischof ernannt werden konnte, betonte Kondrusiewicz. 1990 wurde das Priesterseminar in Grodno eröffnet, 1991 stellte Papst Johannes Paul II. die Kirchenstruktur in Weißrussland wieder her. Durch die großzügige Hilfe aus dem katholischen Ausland sei dann der schrittweise Wiederaufbau möglich geworden. Heute gebe es in Belarus rund 1,5 Millionen Katholiken. Für die vier Diözesen seien insgesamt acht Bischöfe zuständig, 500 Priester (unter ihnen 90 mit ausländischer Staatsbürgerschaft, vor allem aus Polen und aus der Slowakei) seien in den 500 Pfarrgemeinden tätig. Es gebe zwei Priesterseminare - in Grodno und in Pinsk -, leider mangle es aber auch in Weißrussland an Priesternachwuchs, stellte der Erzbischof von Minsk fest

Kondrusiewicz bedauerte, dass es in Weißrussland keine katholische Universität gibt. Es existierten aber höhere Bildungseinrichtungen wie ein theologisches Kolleg in Minsk sowie katechetische Institute in Baranowitschi und in Pinsk. Im Medienbereich sei die katholische Kirche vor allem im Internet aktiv, es gebe aber auch gute Beziehungen zum öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen. Jeden Sonntag werde die Heilige Messe aus der katholischen Kathedrale von Minsk im ersten Programm des nationalen Radios übertragen. Im karitativen Bereich gebe es eine ausgebaute Caritas-Organisation auf diözesaner und nationaler Ebene, die auch eng mit den staatlichen Institutionen und mit internationalen Organisationen kooperiere.

Große Bedeutung habe in Weißrussland die Volksfrömmigkeit, der es zu verdanken sei, dass die Kirche die Jahrzehnte der kommunistischen Kirchenverfolgung überlebt habe. Erzbischof Kondrusiewicz verwies aber auch auf die schwierigen seelsorglichen Probleme, die Krise der Familie auf Grund der hohen Scheidungsquote und die Zunahme der Abtreibungen, was zu einer demographischen Krise geführt habe.

Die Beziehungen zur orthodoxen Kirche bezeichnete der Erzbischof von Minsk als gut. Man sei wechselseitig bei den wichtigen Kirchenfesten präsent, es gebe gemeinsame pastorale Programme, vor allem im Bereich der Verteidigung der christlichen Werte, der Caritas, des Kampfes gegen die Drogenabhängigkeit und der Hilfe für Schwangere in Not. Katholiken und Orthodoxe hätten gemeinsam Beratungsstellen für Schwangere organisiert und so hunderten von ungeborenen Kindern das Leben gerettet. Ausdrücklich erwähnte der Erzbischof auch die gemeinsamen Initiativen zum Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungslagers Maly Trostinec (wo u.a. mehr als 10.000 jüdische Wienerinnen und Wiener ermordet wurden).

Hoffnung auf ein Konkordat

Erzbischof Kondrusiewicz nahm auch zur Staat-Kirche-Problematik Stellung. Einerseits gebe es keine Probleme im Hinblick auf öffentliche Prozessionen, Wallfahrten, Hilfe bei der Restaurierung von historisch bedeutsamen Gotteshäusern. Es gebe aber auch schwierige Situationen, z.B. im Hinblick auf die Stellung der Priester aus dem Ausland. Die Behörden trachteten, von Jahr zu Jahr die Zahl der Aufenthalts- und Arbeits-Erlaubnisse für Priester aus dem Ausland zu reduzieren. Es sei auch nicht leicht, Baugenehmigungen für die Errichtung neuer Kirchen zu erreichen. Es gebe keine besonderen Normen für Kirchenbauten. Aber wenn die Behörde die Baugenehmigung erteile, sei diese nur für ein Jahr gültig. Das sei aber nicht realistisch angesichts der beschränkten finanziellen Möglichkeiten der katholischen Gemeinden in Belarus. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz bedauerte auch, dass es in Belarus nach wie vor keinen schulischen Religionsunterricht gibt. Die Einladung von Priestern in die Schulen etwa zum Schulbeginn, zu Weihnachten oder zu Ostern hänge vom Wohlwollen des Schuldirektors ab. Ähnliches gelte für die Krankenhaus- oder die Gefängnisseelsorge.

Derzeit gebe es noch kein Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Belarus, um diese Probleme zu lösen, sagte der Erzbischof von Minsk. Von weißrussischer Seite gebe es einerseits Bestrebungen in dieser Richtung, aber andererseits sei man in Minsk noch nicht bereit, all jene Prinzipien zu akzeptieren, auf deren Einhaltung der Heilige Stuhl beim Abschluss solcher Vereinbarungen dränge. Die orthodoxe Kirche habe ein Abkommen mit dem Staat geschlossen, das freilich nicht mit einem international gültigen Konkordat vergleichbar sei, aber es doch erlaube, die orthodoxe Seelsorge im Bereich der Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und des Heeres zu organisieren. Die katholische Bischofskonferenz Weißrusslands bereite ein ähnliches Abkommen mit dem Staat in der Hoffnung vor, dass es über kurz oder lang doch zum Abschluss eines formalen Konkordats zwischen Minsk und dem Heiligen Stuhl kommt. (ende)