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Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch plädiert für „wahre nationale Versöhnung“ im Irak

Appell nach Begegnung mit Präsident Masum - "Keine gerechte Lösung ohne Verhandlungen"

Bagdad, 21.10.17 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat auf dem Hintergrund der Spannungen nach dem kurdischen Unabhängigkeitsreferendum an die irakischen Politiker auf nationaler und regionaler Ebene appelliert, eine „wahre nationale Versöhnung“ in Gang zu bringen. Die “nie da gewesenen Umstände”, die im Irak heute herrschen, seien das Ergebnis der Entwicklungen, die das Land „vom Norden bis in den Süden“ belastet hätten. Deshalb könne die aktuelle kritische Phase nur durch eine nationale Zusammenarbeit überwunden werden, die “über diese Krise hinausgeht” und auf eine Beseitigung der Ursachen der Instabilität und Fragilität zielt, unter der das Land seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein leidet. Der Patriarch ruft in diesem Zusammenhang auf, sich die Dramatik des Moments bewusst zu machen und weiteres Leid für die Bevölkerung zu verhindern. In dem vom chaldäisch-katholischen Patriarchat veröffentlichten Appell betont Mar Louis Raphael Sako, der am 18. Oktober zusammen mit seinen Kurienbischöfen vom irakischen Präsidenten Fuad Masum empfangen worden war, die Dringlichkeit einer “wahren nationalen Versöhnung”, die den politischen Prozess wieder auf eine institutionelle Basis stellt. Der Patriarch nennt die kurdische Region zwar nicht beim Namen, doch er kritisiert explizit sowohl die Art und Weise, in der das Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt wurde, als auch die darauf folgende Reaktion der Zentralregierung. Nach Ansicht des Patriarchen, „kann es keine gerechte Lösung ohne Verhandlungen und ohne einen Mentalitätswandel geben“. Nur auf diesem Weg könnten die Verantwortlichen „mutige gegenseitige Zugeständnisse machen“ und vereint die Gefahr neuer Konflikte abwehren. Es gehe darum, vor allem die Bevölkerung zu schützen und „nicht nur die Erdölvorkommen”, womit der Patriarch implizit Bezug auf die von der irakischen Regierung auf den Weg gebrachten militärischen Operationen Bezug nimmt, mit denen die Kontrolle über die Erdölregion Kirkuk den kurdischen Peshmerga-Einheiten entzogen wurde.

Mittlerweile mehren sich in den aus der Gewalt der IS-Terroristen befreiten Gebieten im nördlichen Irak, auch in Mosul, Alarmzeichen im Hinblick auf die Situation der Christen und der Angehörigen anderer minoritärer Religionsgemeinschaften. So warnte die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) vor neuen Unterdrückungen. An verschiedenen Orten, unter anderem an der Universität in Mosul, gebe es bereits Plakate, „auf denen die Frauen aufgefordert werden, die islamische Kleiderordnung einzuhalten und sich gemäß muslimischen Sitten zu verhalten“, berichtet der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido. Nach Angaben der Nachrichtenagentur „ankawa.com“ herrscht unter den christlichen Studentinnen und Studenten an der Universität Mosul Sorge darüber, dass sich wieder jene islamistischen Kräfte breit machen, die im Hochschulbereich schon vor dem Einmarsch der IS-Terroristen ab 2005 Druck ausgeübt hatten. Bereits ab 2005 hatten auch christliche Studentinnen sich verschleiern müssen. Das große Plakat am Eingang zur Universität, dass Kleiderordnung, Haar- und Barttracht nach dem Geschmack der Islamisten vorschreibt, hat bei Christinnen und Christen Empörung ausgelöst – ebenso die Verhaltensweise von einzelnen Studenten, die ihre radikal-islamischen Ansichten nicht verhehlen und sie anderen Studierenden aufdrängen wollen.

In der Ninive-Ebene zeichnet sich ein Konflikt zwischen den “Babylon-Brigaden”, in deren Reihen auch Christen kämpfen, und den Peshmerga-Einheiten ab. Peshmerga-Soldaten haben einige Mitlieder der Familie von Ryan al Keldani (Ryan der Chaldäer) festgenommen, der die so genannten “Babylon-Brigaden” anführt. Die „Babylon-Brigaden“ wollen, dass die Peshmerga-Einheiten die Ebene verlassen, was für die kurdischen Soldaten nicht in Frage kommt. Die Spannungen zwischen den “Babylon-Brigaden” und den Peshmerga-Einheiten bereiten auch jenen Christen Sorge, die in den vergangenen Wochen in die Ninive-Ebene zurückgekehrt sind. Die Heimkehrer befürchten, dass die Ninive-Ebene erneut zum Schlachtfeld werden könnte, im mehrfachen Konflikt zwischen den kurdischen Peshmerga-Einheiten, der irakischen Armee, den “Babylon-Brigaden“ und den schiitisch dominierten Volksbefreiungs-Milizen. Allerdings gibt es vielfach Initiativen, auch von kirchlicher Seite, um die Konflikte zu entschärfen und den Wiederaufbau in den Städtchen und Dörfern der Ebene zu fördern.(forts mgl)

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