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Franz König

Pro Oriente

Annäherung zwischen dem rumänisch-orthodoxen und dem russisch-orthodoxen Patriarchen

Beim Abschluss des Gedenkjahrs für die „Verteidiger der Orthodoxie während des Kommunismus“ wurde in Bukarest weitgehende Übereinstimmung zwischen Patriarch Kyrill und Patriarch Daniel sichtbar

Bukarest, 29.10.17 (poi) Eine neue Nähe zwischen dem rumänisch-orthodoxen und dem russisch-orthodoxen Patriarchen zeigte sich bei den Festfeiern zu Ehren des Bukarester Stadtpatrons, des Heiligen Demetrius „des Neuen“, die heuer im Zeichen des Gedenkens an die orthodoxen Bekenner des christlichen Glaubens in den kommunistisch beherrschten Ländern standen. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. sagte bei der Göttlichen Liturgie am 27. Oktober, dem Festtag des Heiligen, die in Bukarest sichtbar gewordene Frömmigkeit der Menschen bezeuge „das Aufblühen der rumänischen Orthodoxie“. Wie in früheren Zeiten gebe es aber auch heute viele „falsche politische und religiöse Lehrer“, die „ein Paradies auf Erden, ein Paradies ohne Christus“ versprechen. Im 20. Jahrhundert habe diese Irreführung zu schrecklichen historischen Experimenten auf staatlicher Ebene geführt, unter denen die ganze orthodoxe Kirche furchtbar zu leiden hatte. Allein in der russisch-orthodoxen Kirche seien zehntausende Priester, Mönche und Nonnen und hunderttausende Laien für den Glauben an Christus gestorben. Die Märtyrer hätten gewusst, dass der einzige Weg zum „Reich Gottes“ im „Leben im Heiligen Geist“ bestehe, wie es etwa der Heilige Seraphim von Sarow ausgedrückt habe. Das habe auch Auswirkungen auf das familiäre und gesellschaftliche Leben.

Patriarch Kyrill war am 26. Oktober in Bukarest eingetroffen. Er überbrachte zunächst Reliquien des Heiligen Seraphim von Sarow auf den Patriarchenhügel, wo sie vom rumänischen Patriarchen Daniel am Außenaltar der Patriarchalkathedrale in Empfang genommen wurden. Patriarch Daniel erinnerte an das Vorgehen der kommunistischen Machthaber gegen die Reliquien der Heiligen, die „Heiligkeit als Geschenk des Heiligen Geistes betrachteten“. In Russland seien die Reliquien des Heiligen Seraphim 1926 beschlagnahmt worden, worauf sich ihre Spur zunächst verlor. Erst 1991 wurden die auf verschiedene Atheismus-Museen verstreuten Reliquien wiederaufgefunden und der orthodoxen Kirche übergeben. In Rumänien habe Nicolae Ceausescu die Feiern zu Ehren des Heiligen Demetrius in der Bukarester Kathedrale im Oktober 1989 untersagt, der damalige Patriarch Teoctist musste die Reliquien des Heiligen in einer kleinen Kirche verbergen. Aber zwei Monate später sei das kommunistische Regime in Rumänien gefallen. Abschließend sagte Patriarch Daniel: „Die Heiligen sind die sichersten Lehrer und die engsten Freunde der Menschen. Während wir mit der Versuchung der Säkularisierung konfrontiert sind, erinnern uns die Heiligen daran, dass wir den eigentlichen Zweck des irdischen Lebens, das Streben nach dem Reich Gottes, vergessen, wenn wir Gott vergessen“. Patriarch Kyrill betonte seinerseits, dass Friede und Nächstenliebe Geschenke Gottes seien. Er bete dafür, dass die Bande der Liebe zwischen der russisch-orthodoxen und der rumänisch-orthodoxen Kirche ständig gestärkt werden.

Nach der Verehrung der Reliquien kam es im Patriarchalpalast zu einer als „privat“ deklarierten Begegnung zwischen den beiden Patriarchen, an der von russischer Seite auch der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), und von rumänischer Seite der „Kollege“ Hilarions, Metropolit Nifon (Mihaita), sowie Erzpriester Mihai Tita, einer der engsten Berater von Patriarch Daniel, teilnahmen. Die zwischenkirchliche Kooperation bildete ein Hauptthema der Unterredung. Patriarch Kyrill informierte auch über die bevorstehenden 100-Jahr-Feiern des russischen Lokalkonzils von 1917/18 und lud seinen Bukarester Amtskollegen zu diesen Feiern ein.

Im Anschluss diskutierten die beiden Patriarchen auch gesamtorthodoxe Fragen, so die Situation der Christen im Nahen Osten, die Hilfe für die verfolgten Christen, die Lage in der Ukraine und die Möglichkeiten von Friedensinitiativen von orthodoxer Seite, aber auch die Versuche politischer Gruppierungen, in der Kiewer Werchowna Rada die „diskriminierenden Gesetzentwürfe Nr. 1012, Nr. 4128, Nr. 4511 und Nr. 5309 durchzudrücken“. Im russischen Kommunique wird auch die „weitere Entwicklung der interorthodoxen Beziehungen“ und der Austausch von Bewertungen des 2016 stattgefundenen orthodoxen Konzils auf Kreta erwähnt.

Dass es zu einer Annäherung der Standpunkte gekommen sein musste, wurde am Samstagmorgen beim Te Deum aus Anlass des 10. Jahrestages des Amtsantrittes von Patriarch Daniel deutlich. Der rumänisch-orthodoxe Patriarch kündigte dabei an, dass er seinen Moskauer Amtskollegen einladen werde, die Einweihung der neuen Nationalen Kathedrale in Bukarest vorzunehmen, sobald die Innenausstattung fertiggestellt sei. In diesem Zusammenhang würdigte Patriarch Daniel sowohl den raschen Wiederaufbau der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale als auch den Bau der „durch ihre Schönheit hervortretenden“ neuen orthodoxen Kathedrale in Tirana, der Hauptstadt eines Landes, „in dem die orthodoxen Christen nur ein Drittel der Bevölkerung stellen“.

Nach dem Te Deum leitete Patriarch Daniel die Festsitzung des Heiligen Synods, mit der das Gedenkjahr für den 1977 verstorbenen Patriarchen Justinian (Marina) „und die Verteidiger der Orthodoxie während des Kommunismus“ abgeschlossen wurde. Dabei berichteten Patriarch Kyrill, der Erzbischof von Tirana und ganz Albanien, Anastasios (Jannulatos), und der Erzbischof von Presov und Metropolit der orthodoxen Kirche Tschechiens und der Slowakei, Rastislav (Gont), über die Kirchenverfolgung durch die Kommunisten in ihren Ländern. Der Moskauer Patriarch würdigte die Tatsache, dass die orthodoxen Kirchen in den einst vom Kommunismus beherrschten Ländern sich heute „innerer Freiheit und ungeahnter Möglichkeiten zum Bekenntnis des christlichen Glaubens“ erfreuen. Diese Freiheit sei um einen bitteren Preis erworben worden, den die vorangegangenen Generationen durch das Opfer tausender orthodoxer Bekenner und Neumärtyrer gezahlt hätten.

Kirchenverfolgung startete bei der Oktober-Revolution

Vor allem aber gab Patriarch Kyrill vor dem Bukarester Heiligen Synod eine detaillierte Beschreibung der Kirchenverfolgung ab der Oktoberrevolution, wie sie in dieser Form noch nie dargelegt wurde. Der Patriarch erinnerte eingangs daran, dass das 20. Jahrhundert für „die ganze Orthodoxie“ eine schwierige Zeit war, beginnend mit dem „blutigen Schrecken“ der „kleinasiatischen Katastrophe“, von der das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel getroffen wurde. Die Kirchen in Osteuropa wiederum hatten durch die Verfolgung des militanten Atheismus zu leiden: „Jede unserer Kirchen musste in ihrer Art dem Druck des Staatsatheismus Widerstand leisten und für die Bewahrung der Orthodoxie kämpfen. In diesen schwierigen Jahren hat uns die brüderliche Verbundenheit geholfen, den Verfolgern zu widerstehen und den Glauben der Väter wie auch die nationalen Identitäten und die kulturellen Traditionen zu bewahren“.

Im Hinblick auf Russland erinnerte Kyrill I. an die erste Ermordung eines Priesters durch die Bolschewiken: Es handelte sich um den Erzpriester Ioann Kotschurow, der wenige Tage nach der Oktoberrevolution in Zarskoje Selo erschossen wurde. Schon 1918 habe die Schließung von Klöstern und Pfarrkirchen begonnen. Der Terror sei bewusst eingesetzt worden, sagte der Patriarch unter Hinweis auf ein geheimes Zirkular Lenins an die Mitglieder des Politbüros: „Je mehr Repräsentanten der reaktionären Bourgeoisie und des reaktionären Klerus wir erschießen, umso besser. Es ist jetzt notwendig, diesem Publikum eine Lektion zu erteilen, sodass sie Jahrzehnte hindurch nicht wagen werden, an Widerstand zu denken“.

In Moskau habe es am 1. Jänner 1930 noch 224 offene Kirchen gegeben, zwei Jahre später waren es nur mehr 87, erinnerte Kyrill I. 1931 sei auch die Christus-Erlöser-Kathedrale in die Luft gesprengt worden. 1928 habe es noch rund 30.000 Pfarrgemeinden in der russisch-orthodoxen Kirche gegeben. Aber von diesem Jahr an seien ständig mehr Kirchen geschlossen, zweckentfremdet oder überhaupt zerstört worden. Danach seien die russischen Städten nicht mehr wiederzuerkennen gewesen: Die Gotteshäuser wurden geschlossen, die Kreuze abmontiert, die Glocken verstummten, aus den Kirchen wurden Ikonen, liturgische Gewänder und liturgische Geräte geraubt. Die in Jahrhunderten gewachsenen Gaben und Stiftungen des gläubigen Volkes seien unbarmherzig zerstört und gestohlen worden, nur ein kleiner Teil dieser Kostbarkeiten wurde in Museen aufbewahrt. Die bolschewistischen Autoritäten hätten aber auch getrachtet, die orthodoxe Kirche von innen zu schwächen, etwa durch ihre Unterstützung der sogenannten „Erneuerer“-Bewegung in den 1920er Jahren.

Parallel mit der Zerstörung der russischen Gesellschaft unter dem Vorwand von Industrialisierung und Kollektivierung habe es einen permanenten Kampf zur Ausmerzung der Religion aus dem Leben der Menschen gegeben, betonte der Moskauer Patriarch. Ein Instrument dafür sei der „Verband kämpferischer Gottloser“ gewesen. In den Schulen sei mit der Alphabetisierung zugleich Feindschaft gegen die Religion und Intoleranz gegenüber Gläubigen propagiert worden.

An dieser Stelle zitierte Kyrill I. aus seinem Familienarchiv. 1929 erschien im „Besboschnik“, dem Zentralorgan der kämpferischen Gottlosen, ein Aufmacher unter dem Titel „Die Kinder des Maschinisten Gundjajew“. Diese Kinder würden Geschichten über die Heiligen erzählen und setzten auf den Sturz des Sozialismus. Der „Maschinist Gundjajew“ war der Großvater des Patriarchen, er arbeitete bei der Eisenbahn, landete nach dem „Besboschnik“-Artikel im „GULag“ auf den Solowetzkij-Inseln und konnte erst nach Stalins Tod, als er bereits 71 war, Priester werden.

In den 1930er Jahren sei die euphemistisch „schärfste Maßnahme zum Schutz der Gesellschaft“ genannte Todesstrafe oftmals gegen Kleriker und Mönche angewendet worden, erinnerte Kyrill I. Laut Statistik des NKWD (Volkskommissariat des Inneren) wurden im Jahr 1937 mehr als 33.000 „Kultdiener“ festgenommen, im Jahr darauf wurden rund 13.500 Menschen wegen „wegen sektiererischer Konterrevolution“ verhaftet. Im Jahr 1939 seien nur mehr fünf orthodoxe Bischöfe in Freiheit gewesen, obwohl auch sie jederzeit mit der Verhaftung rechnen mussten. Obwohl die Kirche erniedrigt und beraubt worden war, blieb sie weiterhin ein Hassobjekt der Atheisten, die „Fünfjahrespläne der Gottlosigkeit“ entwarfen und für den 1. Mai 1937 ankündigten, dass bis zu diesem Zeitpunkt „der Name Gottes auf dem gesamten Unionsterritorium vergessen sein muss“. Trotzdem hätten sich 1937 nahezu 57 Prozent der Sowjetbürger ab 16 als „gläubig“ bezeichnet.

Während des „Großen Vaterländischen Krieges“ (Zweiter Weltkrieg) sei dann die Verfolgung der russisch-orthodoxen Kirche vorübergehend gemildert worden, die Wahl eines Moskauer Patriarchen (Sergij I.) konnte durchgeführt werden, der „Verband der Gottlosen“ wurde aufgelöst, stellte Kyrill I. fest. Aber in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre sei eine neuerliche Kirchenverfolgung in Gang gesetzt worden. Die antireligiöse Propaganda sei überaus aggressiv geworden, Kirchen und Klöster wurden geschlossen, das innere Leben der Kirche wurde strikt kontrolliert, Miliz und KGB hefteten sich systematisch auf die Spuren der Gläubigen. 1961 habe der damalige Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, angekündigt, er werde 1980 im Fernsehen „den letzten Priester“ vorführen.

Psychologisch sei diese zweite Welle der Kirchenverfolgung allerdings nicht so stark wahrgenommen worden wie die der 1930er Jahre, weil die stalinistische Repressionsmaschinerie zugleich breite Schichten der Bevölkerung – bis hin zu Altbolschewiken – erfasst hatte, während unter Chruschtschow und seinen Nachfolgern Klerus und Gläubige nahezu die einzige Kategorie waren, der gegenüber sich der Staat mehr und mehr intolerant zeigte. Die Negativhaltung gegenüber der Kirche endete erst bei den Tausendjahr-Feiern der Taufe der Rus im Jahr 1988; diese Feiern seien vom Staatsapparat zunächst als kleinformatiges innerkirchliches Ereignis verstanden worden, aber die breite Beteiligung habe dann die Vitalität der Kirche und ihre hohe Autorität in den Augen des Volkes gezeigt.

In der Folge sei es zu einer spirituellen Renaissance gekommen: Die Zahl der Pfarrgemeinden der russisch-orthodoxen Kirche stieg von 6.000 im Jahr 1988 auf heute 36.000, die Zahl der Klöster von 21 auf mehr als tausend. 75 Prozent der Russen betrachteten sich heute als „orthodox“. Dieses „Wunder“ sei durch das Zeugnis der Neumärtyrer und Bekenner zustande gekommen, das Blut der Märtyrer sei zum Samen der Christenheit geworden, so der Patriarch.

Zugleich müsse man sich aber auch den Lehren der Vergangenheit stellen, unterstrich der Moskauer Patriarch und sich bemühen, die Ursachen der „Katastrophe des Jahrhunderts“ zu verstehen, die die Oktoberrevolution und die kommunistische Herrschaft waren. Die Wurzeln der Kirchenverfolgung lägen in der spirituellen Krise der vorrevolutionären Zeit. Kyrill I. führte in diesem Zusammenhang die Entscheidung von Zar Peter I. im Jahr 1721 an, das Patriarchat abzuschaffen und den „Heiligsten Dirigierenden Synod“ (mit einem Staatsbeamten, dem „Oberprokuror“, als Repräsentant des Kaisers) als oberste Instanz einzuführen. In den 200 Jahren der „Synodalepoche“ sei die russisch-orthodoxe Kirche von vielen nur als eine der staatlichen Institutionen wahrgenommen worden, ohne Einfluss auf Regierungsentscheidungen, die das kirchliche Leben betrafen.

Wird die Lektion gelernt?

1764 sei dann von Katharina II. ein großer Teil des Kirchenbesitzes säkularisiert worden. Der Klerus habe sich seither mit den mageren Gehältern zufrieden geben müssen, die ihn als „armen Verwandten“ der Mächtigen abstempelten, die ihrerseits nach Belieben in der Kirche schalten und walten wollten. Auf Grund der Klassenstruktur des Russischen Reiches sei der Klerus eine geschlossene Gruppe geworden, in der es nur wenige Repräsentanten der Nobilität, der Kaufleute, der Intellektuellen und des Kleinbürgertums gab. Alle diese Faktoren hätten verhindert, dass sich die Kirche kraftvoll gegen negative Trends in der Gesellschaft stellen konnte, bedauerte der Patriarch. Die Abkehr von der göttlichen Wahrheit sei die traurige Ursache aller folgenden Übel und Schwierigkeiten geworden. Das russische Volk sei einem „monströsen Experiment“ ausgesetzt worden, das der ganzen Menschheit vor Augen führte, dass es unmöglich ist, „eine Gesellschaft ohne Gott zu bauen“. Aber auch heute werde dieses Beispiel von zu wenigen beachtet. Die Christenheit sei mit der zunehmend aggressiven Invasion des militanten Säkularismus in alle Bereiche der Gesellschaft konfrontiert. Das christliche Verständnis der inneren Verbindung zwischen Freiheit und Verantwortung sei verloren gegangen. (ende)