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Franz König

Pro Oriente

Patriarch Kyrill weihte „Klagemauer“ für die Opfer der stalinistischen Repression

„Aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts die notwendigen Konsequenzen ziehen, damit nie mehr die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden“

Moskau, 02.11.17 (poi) Die Unterdrückungsmaßnahmen des 20. Jahrhunderts dürfen niemals vergessen werden: Dies betonte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. in Moskau am Dienstagabend bei der Einweihung der „Klagemauer“ für die Opfer insbesondere der stalinistischen Repression. Die Opfer seien Menschen „wie du und ich“ und die Vorfahren der heute lebenden Russen gewesen, sagte der Patriarch. Wörtlich fügte Kyrill I. hinzu: „Gedenkstätten sind notwendig für die Heilung der Wunden. Wenn Menschen hierherkommen, um der tragischen Ereignisse unserer Geschichte zu gedenken, sollten sie nicht mutlos sein und verzweifeln, sondern über ihre Nachkommen nachdenken und über das Land und die Geschichte, die sie als Erbe hinterlassen wollen“. Man müsse aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts die notwendigen Konsequenzen ziehen, damit „nie mehr die Fehler der Vergangenheit“ wiederholt werden.

Die heutige Generation dürfe nicht noch einmal die „historischen Fehler“ begehen, unterstrich Kyrill I. Der Hass könne kein „friedliches, gerechtes und glückliches Leben“ hervorbringen. Die tragischen Aspekte der Vergangenheit dürften nicht dazu herhalten, um Spannungen zu verschärfen. Die Verurteilung des Terrors dürfe nicht von einem „moralischen Akt“ zu einem „politischen Ritual“ umgewandelt werden. Der Patriarch erinnerte daran, dass die „Repressionsmaschinerie“ keinen Unterschied gemacht habe; in Russland seien die Repräsentanten aller Religionsgemeinschaften davon betroffen worden. Das sei eine Mahnung, dass es keine gute Zukunft geben könne, wenn im Streben nach dieser Zukunft „unter dem Einfluss neuer Ideologien“ die „moralischen und spirituellen Grundlagen der menschlichen Existenz“ zerstört werden.

Das Monument der „Klagemauer“ stellt die ungeheure Menge der Menschen dar, die unter Stalin – vor allem während der großen „Tschistka“ (Säuberung) der Jahre 1937/38 – fälschlich als „Feinde des Volkes“ angeklagt wurden.

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin sagte bei der Eröffnung der „Klagemauer“, es genüge, den Schießplatz von Butowo bei Moskau und andere der zahllosen Massengräber der Opfer der Repression in Russland zu besuchen, um zu verstehen, dass es „für diese Verbrechen keinerlei Entschuldigung geben kann“. Die Repressionen des Regimes hätten ganze gesellschaftliche und ethnische Gruppen betroffen, unterschiedslos Arbeiter, Bauern, Priester, Beamte, Offiziere, Ingenieure, Wissenschaftler und Kulturschaffende. Die Unterdrückungsmaßnahmen hätten weder vor Talent oder Verdiensten für das Vaterland, noch vor aufrichtiger Treue zur Heimat zurückgeschreckt. Jeder und jede sei in Gefahr gewesen, auf Grund „absolut absurder Anklagen“ verurteilt zu werden, sagte Putin. Millionen von Menschen seien zu „Feinden des Volkes“ erklärt, exekutiert oder verstümmelt worden. „Diese schreckliche Vergangenheit kann aus unserem nationalen Gedächtnis nicht ausgelöscht oder gar gerechtfertigt werden“, stellte der russische Staatschef fest.

Putin richtete eine Vergebungsbitte an Natalja Solschenizyna, die bei der Eröffnung anwesend war, und zitierte die Worte der Witwe des Literatur-Nobelpreisträgers („Der Archipel Gulag“): „Wissen, um zu erinnern …und anzuklagen und erst dann zu vergeben“. (ende)