Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Maronitischer Patriarch berichtet dem Papst

Die für den christlich-islamischen Dialog überaus bedeutsame Visite des Kardinals in Saudiarabien wurde teilweise von den Vorgängen rund um den Rücktritt des libanesischen Ministerpräsidenten Hariri überlagert

Riad-Beirut-Vatikanstadt, 15.11.17 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, ist nach seinem aufsehenerregenden Saudiarabien-Besuch direkt nach Rom gereist, wo er im Gespräch mit Papst Franziskus und führenden Mitarbeitern der römischen Kurie die für den christlich-islamischen Dialog bedeutsamen Informationen darlegen wird. Im maronitischen Patriarchat wurde bedauert, dass die Saudiarabien-Visite des Kardinals in der westlichen – wie auch in der libanesischen - Öffentlichkeit ausschließlich in der Perspektive des von Riad aus angekündigten Rücktritts des (sunnitischen) libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri wahrgenommen wurde. Der Patriarch betonte seinerseits ausdrücklich, er sei nach Saudiarabien gekommen, um „über Prinzipien, nicht über Tagespolitik“ zu reden.

Der Kardinal-Patriarch zeigte sich bei einem Journalistengespräch in Riad überzeugt von den Rücktrittsgründen Hariris und betonte, der Politiker werde so bald wie möglich in den Libanon zurückkehren, um mit den politischen Spitzenrepräsentanten zu konferieren. Allerdings kam es zu keiner Beruhigung an der libanesischen „Heimatfront“: Am Mittwochmittag gab es einen Twitter-Schlagabtausch zwischen dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun und Hariri: Aoun erklärte, der Regierungschef werde in Riad „festgehalten“, was der „Wiener Konvention“ von 1961 widerspreche. Wenige Minuten später fügte er hinzu, die Familie Hariris befinde sich ebenfalls in dieser Situation. Wiederum Minuten später twitterte Hariri: „Ich möchte wiederholen und unterstreichen, dass es mir gut geht und ich mit Gottes Willen in meinen geliebten Libanon zurückkehren werde, wie ich es versprochen habe“. Am Mittwochmorgen hatte Hariris TV-Sender „Zukunft“ mitgeteilt, der resignierte Ministerpräsident habe Außenminister Gebran Bassil – der derzeit die europäischen Hauptstädte besucht, um über die Situation im Libanon zu informieren – gebeten, auf keinen Fall die Situation der Familie zur Sprache zu bringen. Der Rücktritt von Saad Hariri wird auf dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen den Regionalmächten Iran und Saudiarabien interpretiert. Riad habe Hariri als zu nachgiebig gegenüber der mit dem Iran verbündeten Schiiten-Partei (Hizbollah) und deren Miliz empfunden.

„Doppelt historisch“

Kardinal-Patriarch Rai hatte am Dienstag bei dem zitierten Journalistengespräch zugleich betont, dass nichts „die Beziehungen zwischen Riad und Beirut schädigen“ könne. Sowohl König Salman ben Abd-el-Aziz (Salomon) als auch Kronprinz Mohammed bin Salman (BDS) hätten den „neutralen, pluralistischen“ Libanon gewürdigt, der „für alle Völker offen und Freund“ sei. Der Besuch Rais wird als „doppelt historisch“ betrachtet: Erstmals hat ein maronitischer Patriarch und ein römischer Kardinal das Königreich Saudiarabien besucht, dessen Herrscher sich als „Schutzherr der beiden heiligen Moscheen“ (in Mekka und Medina) betrachtet. Nach Angaben der saudischen Nachrichtenagentur SPA betonten der Kardinal-Patriarch und König Salman bei ihrer Begegnung am Dienstagmorgen übereinstimmend „die brüderlichen Beziehungen zwischen dem Königreich Saudiarabien und der Republik Libanon“, aber auch die Bedeutung der „verschiedenen Religionen und Kulturen, um die Versöhnung zu befördern und die Gewalt, den Extremismus und Terrorismus, zurückzuweisen“. Dies werde „zur Sicherheit und zum Frieden der Völker der Region und der ganzen Welt“ beitragen. Der Besuch des maronitischen Patriarchen habe den Einsatz des saudischen Königreichs für die friedliche Koexistenz, die Nähe und die Öffnung zu allen Komponenten des arabischen Volkes gezeigt, betonte der saudische Minister für die Angelegenheiten des Arabischen (vulgo: Persischen) Golfs, Thamer al-Sabhan (er hatte den Kardinal-Patriarchen und seine Begleiter, den maronitischen Erzbischof von Beirut, Boulos Matar, und den Leiter des libanesischen katholischen Informationszentrums, P. Abdo Abou Kassem, am Flughafen empfangen).

Nach der Begegnung mit dem saudischen König und dem Kronprinzen traf der Kardinal-Patriarch in der libanesischen Botschaft in Riad auch mit Saad Hariri zusammen. Unmittelbar nach dieser Begegnung twitterte Hariri: „Liebe Freunde, mir geht es gut. Wenn Gott will, werde ich in zwei Tagen zu Hause sein. Beruhigen wir uns. Was meine Familie betrifft, wird sie in ihrem Land, in Saudiarabien, bleiben“. Hariri selbst besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft – die libanesische und die saudische. Die Begegnung mit Kardinal Rai war das erste Treffen Hariris mit einem libanesischen „Offiziellen“, seit er am 4. November von Riad aus seinen Rücktritt als Ministerpräsident bekanntgegeben hatte.

Am Montagabend war der maronitische Patriarch mit der libanesischen Community in Riad zusammengetroffen. Es gehe um eine „starke Freundschaft zwischen Saudiarabien und dem Libanon“, das verlange die Geschichte, auch wenn die Beziehungen bisweilen „stürmisch“ gewesen seien, sagte Kardinal Rai bei dieser Gelegenheit. In seiner Ansprache bekundete er sowohl König Salman als auch dem saudischen Kronprinzen Dankbarkeit für deren Sorge um die Libanesen in Saudiarabien. Zugleich betonte er , dass er sich „nie“ habe vorstellen können, in dieses Land zu kommen. Der Kardinal-Patriarch erinnerte daran, dass es aber bereits sehr früh briefliche Beziehungen zwischen den saudischen Monarchen und den maronitischen Patriarchen gegeben habe, angefangen von Kardinal Antoine Boutros Arida (der von 1932 bis 1955 maronitischer Patriarch war). Rai betonte die Bedeutung des islamisch-christlichen Zusammenlebens und erinnerte an das Wort von Papst Johannes Paul II., dass der Libanon „ein kleines Land mit einer großen Botschaft“ sei.

Diese Botschaft finde ihren Ausdruck in einem religiösen und kulturellen „Pluralismus in der Einheit“, so der Kardinal-Patriarch. Der Libanon stelle ein Mosaik dar, aber nicht ein Gemisch. Dieses Modell bedeute den Reichtum und die Einzigartigkeit des Landes. In drei Jahren werde das 100-Jahr-Jubiläum des heutigen Libanon gefeiert, erinnerte Rai. Dieses Jubiläum bedeute, dass der Libanon immer ein Ort der Koexistenz von Christen und Muslimen bleiben müsse.

Ein neues Dialogzentrum?

Der frühere libanesische Abgeordnete Fares Souhaid – ein „panarabisch“ eingestellter maronitischer Politiker, der wesentlich zum Zustandekommen der Visite des Kardinal-Patriarchen in Saudiarabien beigetragen hat – betonte im Gespräch mit Journalisten, der Besuch Rais in Riad dürfe nicht in der Optik der libanesischen Innenpolitik gesehen werden, es gehe vielmehr um den christlich-islamischen Dialog im Weltmaßstab. Die Bedeutung der Visite des maronitischen Patriarchen liege darin, dass sie der christlich-islamischen Koexistenz in der Region und der Überwindung der von den Extremisten aufgerissenen Gräben diene. Wörtlich stellte Souhaid fest: „Angesichts der Welle des Fundamentalismus und der von ihr ausgelösten Angst hatten sich die Christen des Libanons und der nahöstlichen Region auf der Suche nach Schutz und Garantien zunächst an den Westen gewandt. Heute, 2017, geht der maronitische Patriarch in die entgegengesetzte Richtung. Durch seine Saudiarabien-Visite zeigt er, dass die von den Christen erhofften Garantien nicht vom Westen zu erwarten sind, sondern von einem tiefen Dialog zwischen Islam und Christentum“.

Eine Konsequenz des Rai-Besuchs in Riad werde die Gründung eines internationalen Zentrums für den interreligiösen Dialog sein, in dessen Rahmen die Streitfragen behandelt werden können, meinte Souhaid. 1919 habe der damalige maronitische Patriarch Elias Hoyek auf den französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau gesetzt, um die Schaffung eines „großen Libanon“ zu ermöglichen. Heute, 100 Jahre später, wende sich Patriarch Rai an einen der „Architekten der Region“, um die Einrichtung eines permanenten Zentrums des interreligiösen Dialogs zu erreichen.

Vor seiner Saudiarabien-Visite hatte der Patriarch am Sonntag bei der Weihe der neuen Josephskirche im Chouf alle Libanesen gebeten, für den Erfolg seiner Reise zu beten. Er reise nach Saudiarabien auf Grund einer offiziellen Einladung, betonte Kardinal Rai, er fahre dorthin im Namen aller Libanesen, nachdem er alle zuständigen religiösen und politischen Verantwortungsträger des Landes konsultiert habe. Der Libanon sei nach dem Rücktritt Hariris in einer Krise. Jetzt gehe es – nach den Worten von Präsident Aoun – darum, gelassen, geduldig und nachdenklich zu bleiben, bevor die notwendigen Entscheidungen getroffen werden.

Vor der Abreise hatte der Kardinal-Patriarch noch die Besuche des früheren (sunnitischen) Ministerprädidenten Fouad Siniora und des drusischen geistlichen Oberhaupts, Scheich Naim Hassan, empfangen. Erzbischof Matar hatte das Der-el-Fatwa, den Sitz des sunnitischen Ordinariats in Beirut, aufgesucht, um noch eine letzte „Konzertation“ durchzuführen. Im Auftrag des Patriarchen hatte auch der maronitische Bischof von Saida (Sidon), Maroun Ammar, den Abgeordneten und Unternehnmer Bahaa Hariri (einen Bruder des zurückgetretenen Ministerpräsidenten) aufgesucht. „Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass wir heute im Libanon mit der Familie Hariri eine einzige Familie bilden“, sagte der Bischof vor Journalisten: „Wir beten, dass Scheich Saad in guter Gesundheit und mit gutem Mut zu den Seinen zurückkehren kann, mit dieser großen Liebe zum Libanon, die wir ihm alle zuschreiben“. (ende)

Druckversion