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Franz König

Pro Oriente

„Tauwetter“ zwischen den orthodoxen Patriarchaten von Moskau und von Bukarest geht weiter

Patriarch Kyrill nahm Einladung des moldawischen Präsidenten Dodon an – „Moskauer“ Metropolit in Chisinau richtet an seinen „Bukarester“ Amtsbruder in der moldawischen Hauptstadt Angebot zu Dialog und Zusammenarbeit

Moskau-Chisinau, 28.12.17 (poi) Das „Tauwetter“ zwischen den orthodoxen Patriarchaten von Moskau und von Bukarest geht nach dem Besuch von Patriarch Kyrill I. in Bukarest beim Gedenken an die Glaubenszeugen der rumänischen Kirche während der KP-Herrschaft und der Teilnahme von Patriarch Daniel bei der 100-Jahr-Feier der Wiedererrichtung des Moskauer Patriarchats weiter. Patriarch Kyrill empfing in dieser Woche den moldawischen Präsidenten Igor Dodon im Moskauer Danielskloster und nahm die Einladung des Präsidenten zur Teilnahme am „Weltkongress der Familien“ an, der im September 2018 in Chisinau stattfindet. Der Patriarch wird die Teilnahme am Kongress der „Internationalen Familienorganisation“, die für die „natürliche Familie als einzige fundamentale und nachhaltige Basis der Gesellschaft“ eintritt, mit einem Pastoralbesuch in der Republik Moldova verbinden.

Auf dem Hintergrund des Bessarabien-Konflikts war es auch zu starken Spannungen zwischen den orthodoxen Patriarchaten von Moskau und von Bukarest gekommen. Moskau betrachtet die Republik Moldova als Teil seines „kanonischen Territoriums“, Bukarest hat aber vor 25 Jahren wieder eine eigene bessarabische Metropolie mit Sitz in Chisinau errichtet. Der „Moskauer“ Metropolit Vladimir (Cantarian) hat nun aus Anlass des 25. Jahrestages der Gründung der „Bukarester“ Metropolie an Metropolit Petru (Paduraru) eine Einladung „zum Dialog und zur engeren Zusammenarbeit“ gerichtet. Metropolit Vladimir verwies vor Journalisten darauf, dass er bei den 100-Jahr-Feiern in Moskau Anfang Dezember sowohl mit dem rumänischen Patriarchen Daniel als auch mit dem Metropoliten von Targoviste, Nifon (Mihaita), über die Notwendigkeit eines Dialogs in der Republik Moldova gesprochen habe: „Wir sind Orthodoxe und sie sind Orthodoxe, wir brauchen gegenseitiges Verständnis und Brüderlichkeit“.

Aus der Umgebung von Metropolit Petru hieß es, die „Bukarester“ Metropolie in Chisinau sei seit ihrer Wiederbegründung 1992 offen für den Dialog. „Wir sind alle Orthodoxe, es gibt zwei getrennte Strukturen, eine gehört zu Moskau, eine zu Bukarest, aber wir können und müssen zusammenarbeiten“, sagte Bischof Antonie (Telembici) von Orhei, der engste Mitarbeiter von Metropolit Petru.

Die kirchlichen Verhältnisse in der Republik Moldova spiegeln die schwierige politische Geschichte Bessarabiens. Ursprünglich war Bessarabien ein integrierender Bestandteil des unter osmanischer Oberhoheit stehenden Fürstentums Moldau mit der Hauptstadt Iasi. Nur der Budschak genannte Küstenstreifen stand unter direkter osmanischer Verwaltung. 1812 musste Konstantinopel ganz Bessarabien an das Russische Reich abtreten. Seit diesem Zeitpunkt war auch die orthodoxe Kirche des Landes dem Heiligsten Dirigierenden Synod der russisch-orthodoxen Kirche unterstellt. Zwischen 1856 und 1878 gehörte ein schmaler Streifen Bessarabiens an der Donau (mit den Städten Ismail und Cahul) wieder zum Fürstentum Moldau (bzw. zu Rumänien nach der Vereinigung der beiden Fürstentümer Moldau und Walachei).

Nach den Revolutionswirren von 1917 besetzten 1918 rumänische Truppen ganz Bessarabien. Diese Annexion wurde von der Sowjetregierung nie anerkannt, die auf ihrem Dnjestr-Ufer (mit einer zahlreichen rumänischsprachigen Bevölkerung) eine Autonome Moldauische Republik gründete (mit anderen Grenzen als das heutige Transnistrien und der Hauptstadt Balta), um ihren Anspruch zu dokumentieren. 1940 marschierte die Rote Armeein Chisinau ein, Bessarabien wurde an die Sowjetunion angeschlossen. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 rückte die rumänische Armee nach Bessarabien vor, die Region wurde (ebenso wie Odessa und das größere damalige Transnistrien) wieder rumänisch, bis 1944 die sowjetische Herrschaft wiederhergestellt wurde. 1991 wurde beim Zerfall der Sowjetunion die Unabhängigkeit der Republik Moldova proklamiert (Transnistrien spaltete sich de facto ab, am Dnjestr herrscht seither einer der „eingefrorenen Konflikte“ des postsowjetischen Raums).

Bei der Volkszählung 2014 bekannten sich 97 Prozent der Bewohner Moldawiens als orthodox. Präsident Dodon, der als „moskaufreundlich“ gilt, hat wiederholt die Bedeutung der Orthodoxie für die Republik Moldova betont: „Ich bin überzeugt, dass Moldova ohne den orthodoxen Glauben keine Zukunft hat. Wir müssen unsere orthodoxe Kirche stärken“. Auch im Gespräch mit Patriarch Kyrill betonte der Präsident, wie notwendig es sei, in den Ländern orthodoxer Tradition die Werte der Familie zu stärken, dies insbesondere angesichts der Tatsache, „dass es heute Tendenzen zur Abwertung des traditionellen Familienverständnisses gibt“. (ende)