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Franz König

Pro Oriente

Tauziehen um Jerusalem geht weiter

Neujahrsempfang des israelischen Präsidenten für die Oberhäupter der christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land – Erzbischof Pizzaballa würdigt „kleine und große Gesten der Nächstenliebe“ – Unruhe nach „Likud“-Resolution über Cisjordanien

Jerusalem, 02.01.18 (poi) Das Tauziehen um Jerusalem geht weiter, dabei sind auch die Christen beteiligt. Die jetzt von Washington anerkannte Souveränität Israels über ganz Jerusalem werde „niemals die Kult- und Religionsfreiheit aller Gläubigen“ beeinträchtigen, weil der Staat Israel entschlossen sei, „die Kultrechte und die Aktivitäten aller Religionsgemeinschaften, in Jerusalem und der ganzen Nation, zu garantieren“: Mit diesen Worten wollte der israelische Präsident Reuven Rivlin beim traditionellen Neujahrsempfang (am 27. Dezember) die Oberhäupter der christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land beruhigen. Mit dem orthodoxen Patriarchen Theophilos III., dem Administrator des lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, und dem Franziskaner-Kustos P. Francesco Patton nahm auch der israelische Innenminister Arieh Deri an dem Empfang bei. Während Theophilos III. die Sorge der Christen über die Verletzung des „Status quo“ zum Ausdruck brachte, der das Zusammenleben in der Heiligen Stadt regle, unterstrich Deri, Jerusalem werde weiterhin eine „Stadt des Friedens“ sein, in der alle „in Freiheit und Gleichheit“ beten können. Sein Ministerium bemühe sich, Anfragen christlicher Gemeinschaften „so kooperativ wie möglich“ zu behandeln.

Präsident Rivlin hatte vor seinen christlichen Gästen daran erinnert, dass die Christen im Nahen Osten in den letzten Jahren am meisten verfolgt worden seien. Wörtlich fügte Rivlin hinzu: „In Israel wissen wir, was es bedeutet, nur wegen des Glaubens verfolgt zu sein. Angesichts des Blutvergießens, des Schmerzes, des Leidens bricht uns das Herz“. Bei der Begegnung stellte Patriarch Theophilos fest, er hoffe, dass die israelischen Behörden „jene radikalen Gruppen“ einschränken werden, die Jerusalem „zu einer geschlossenen Gesellschaft“ machen wollen.

Erzbischof Pizzaballa betonte am 1.Jänner – dem katholischen Weltfriedenstag – in seiner Predigt in Jerusalem, dass der Friede eine Sache aller sei: „Niemand ist vom Engagement für den Frieden ausgeschlossen. Es nützt nichts, den Frieden von den Großen zu verlangen, ihn aber nicht im eigenen Leben zu verwirklichen“. Das Geschenk des Friedens müsse durch die Art und Weise verkündet werden, wie man die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, die politische Aktion lebe. Pizzaballa verwies auf die „vielen kleinen und großen Gesten“ der Nächstenliebe, des Teilens, der Aufnahme, der Geschwisterlichkeit und des Friedens, die auch heute gesetzt werden. Diese Gesten zu würdigen und zu feiern, sei heute notwendiger denn je. Notwendig sei es aber auch, den „Anderen“ anzunehmen, das sei von entscheidender Bedeutung für den Frieden.

Mittlerweile hat eine einstimmig angenommene Resolution des „Likud“-Zentralkomitees, in der die offizielle israelische Annexion aller jüdischen Gemeinschaften in Cisjordanien gefordert wird, neue Diskussionen ausgelöst. Damit seien die Zwei-Staaten-Lösung und die Ziele der Oslo-Vereinbarungen hinfällig, erklärte der frühere Direktor der Caritas Jerusalem, P. Raed Abusahlia, am Dienstag. Nach Ansicht des Priesters muss das auch das PLO-Zentralkomitee bei seiner bevorstehenden Sitzung am 14. Jänner zur Kenntnis nehmen. Seit der Erklärung von US-Präsident Trump über Jerusalem als „Hauptstadt Israels“ sei es zu einer Eskalation gekommen. Auch das israelische Parlament habe jetzt Jerusalem als „ewige und unteilbare Hauptstadt“ Israels festgeschrieben.

Einer der Sprecher der israelischen Friedensorganisationen, Amit Gilutz von „B’tselem“, bedauerte, dass die Politik der letzten Jahrzehnte, „Land und Ressourcen ohne Rücksicht auf die Rechte der Palästinenser zu nutzen“, mit der „Likud“-Resolution konsolidiert werde. Bereits jetzt nutze Israel in den in Oslo als „Bereich C“ definierten Gebieten seine Möglichkeiten, um Dutzenden palästinensischen Gemeinden „zwanghafte Lebensbedingungen“ aufzuerlegen und sie aus ihrer Heimat zu vertreiben.

Derzeit leben in Cisjordanien (im israelischen Sprachgebrauch: Judäa und Samaria) rund 400.000 Juden und 2,8 Millionen Palästinenser. (ende)
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