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Franz König

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Ninive-Ebene: Befürchtungen über Versuche zur Veränderung der Bevölkerungsstruktur

Sollen Christen zu Gunsten von Schiiten zurückgedrängt werden? – Sorge im chaldäisch-katholischen Patriarchat, aber der Provinzrat der Ninive-Ebene beruhigt

Bagdad-Mosul, 05.02.18 (poi) In der Ninive-Ebene zeichnet sich ein neuer politischer Konflikt um die Zusammensetzung der Bevölkerung ab. Laut Khalil Jamal Alber, Leiter der christlichen Abteilung im kurdischen Stiftungsministerium, versuchen schiitisch geprägte „Volksbefreiungsmilizen“ mit Unterstützung aus Bagdad, die multireligiöse und multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung der Ninive-Ebene zum Nachteil der Christen zu verändern. Dabei würden Schiiten aus dem Südirak in die Ninive-Ebene umgesiedelt; es gebe Einschüchterungsversuche gegen christliche Einwohner einschließlich der illegalen Aneignung von Immobilien christlicher Familien. Laut Khalil Alber waren an den Einschüchterungsversuchen auch Shabak-Kämpfer beteiligt (die Shabak sind eine minoritäre synkretistische Gruppierung in Mesopotamien, einige Führungspersönlichkeiten der Shabak betreiben in den letzten Jahren – möglicherweise aus politischen Erwägungen – eine schiitische Neuorientierung ihrer Anhänger). Außerdem wolle man Christen, die vor dem Vormarsch des IS geflohen waren, dazu bringen, ihre Häuser zu verkaufen, um eine Rückkehr in die Ninive-Ebene definitiv auszuschließen. Die Befürchtungen über Versuche zur Veränderung der multireligiösen, aber deutlich christlich geprägten Struktur der Bevölkerung der Ninive-Ebene haben auch im chaldäisch-katholischen Patriarchat Sorge ausgelöst. Der Provinzrat der Ninive-Ebene versicherte allerdings, dass die multireligiöse und multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung der Ebene nach wie vor geschützt werde. Dazu trage auch das Engagement vieler Organisationen bei, die christlichen Familien bei der Rückkehr helfen. In vielen Kleinstädten und Dörfern würden Geschäfte und Werkstätten wieder eröffnet und die verwüsteten Wohnungen und zerstörten Kirchen restauriert.

Die Geber-Konferenz in Kuwait

Möglicherweise geht es im Hintergrund des Tauziehens um die Ninive-Ebene auch um die Verteilung der Hilfsgelder, über die ab 12. Februar in Kuwait eine Internationale Konferenz für den Wiederaufbau des Irak entscheiden wird. Die USA hätten beschlossen, mindestens 75 Millionen Dollar für den Wiederaufbau von Wohneinheiten und Infrastrukturen in der befreiten Ninive-Ebene bereitzustellen, bekräftigte der US-Botschafter in Bagdad, Douglas Seelman, im Gespräch mit dem Nachrichtenportal „ankawa.com“. Die USA würden eine prioritäre Rolle bei der Konferenz in Kuwait spielen, sagte Seelman. Washington gehe es in erster Linie darum, den christlichen und jesidischen Flüchtlingen zu helfen, die in ihre Heimatorte zurückkehren wollen.

Der Generalsekretär des irakischen Ministerrates, Mahdi al-Allaq, teilte unterdessen mit, dass für den Wiederaufbau der nach den Jahren der IS-Terrorherrschaft zurückeroberten Gebiete des Irak finanzielle Mittel im Umfang von mindestens 100 Milliarden Dollar erforderlich sein werden. Zu der Konferenz in Kuwait, die drei Tage dauern soll, werden Vertreter der Weltbank und Delegationen aus 70 Ländern erwartet.

Am 25. Oktober des Vorjahrs hatte US-Vizepräsident Michael Pence angekündigt, dass die USA nicht mehr die „unwirksamen Maßnahmen“ der Vereinten Nationen im Irak unterstützen möchten, sondern über USAID die Hilfe direkt den am meisten verfolgten Gemeinschaften (wie den Christen und den Jesiden) zugute kommen lassen wollen. In der Folge kam es zu Verhandlungen zwischen USAID und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), damit Hilfsmaßnahmen für die „verletzlichen ethnischen und religiösen Gemeinschaften im nördlichen Irak“ gestartet werden. (forts mgl)

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