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Franz König

Pro Oriente

Syrien: Christen lassen sich nicht unterkriegen

„Fides“ und „Kirche in Not“-Informationsdienst berichten an Hand von konkreten Beispielen über die Bemühungen der Christen, nach der Vertreibung der Islamisten die Normalität wiederherzustellen

Damaskus, 17.04.18 (poi) Trotz der nach wie vor dramatischen Situation in Syrien gibt es dort Christen, die sich nicht unterkriegen lassen. Wie schwierig die Situation für sie ist, geht aus zwei jüngsten Berichten hervor, die von den katholischen Nachrichtenagenturen „Fides“ und „Kirche in Not-Informationsdienst“ verbreitet wurden. Der Mönch Jihad Yousef berichtet über die Entwicklung im syrisch-katholischen Kloster Der Mar Musa al-Habashi (rund 80 Kilometer nördlich von Damaskus), das von dem italienischen Jesuiten Paolo Dall’Oglio revitalisiert wurde. Dall’Oglio fiel 2013 in die Gewalt der Islamisten, als er versuchte, die beiden entführten Metropoliten von Aleppo – Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi – freizubekommen; seither fehlt auch von ihm jede Spur.

Der Mönch aus Der Mar Musa betont, dass es nach wie vor Gebiete gibt, in denen gekämpft wird. Aber auch in den befreiten oder nie in die Hände der „Opposition“ gefallenen Gebieten sei die soziale Situation überaus schwierig. Es gebe wenig Arbeitsplätze, die Preise seien sehr hoch, viele Familien seien in Schwierigkeiten. Daher gebe es vielfach den Wunsch nach Emigration, auch wenn viele Syrer „falsche Vorstellungen“ vom Leben in Europa, Nord- und Südamerika oder Australien hätten, so Fr. Jihad Yousef.

Das Kloster Der Mar Musa sei von den Kämpfen nicht betroffen gewesen, sagt der Mönch, aber die Aktivitäten seien vorübergehend sehr zurückgegangen, fast bis zum Nullpunkt. Seit rund zwei Jahren kehre das Leben langsam wieder in das Kloster zurück. Derzeit gebe es drei Mönche im Kloster und zwei Ordensleute, die als Gäste in Der Mar Musa leben. Der Zustrom der Gäste sei nicht mehr so groß wie vor dem Beginn des Syrien-Krieges, aber vor allem am Freitag (dem religiösen Wochenfeiertag der Muslime) fänden sich viele Menschen ein: „Große und kleine Gruppen kommen, um zu beten, zu meditieren, sie suchen einen Ort der Reflexion und der Besinnung“.

Die Mönche von Der Mar Musa haben ihren Lebensrhythmus nie unterbrochen, sie beten, feiern Gottesdienst, leisten manuelle Arbeit in der Landwirtschaft und bei der Erhaltung des Gebäudekomplexes, der in die Antike zurückreicht. Die Kommunität habe sehr gute Beziehungen mit den Bewohnern der Umgebung, sowohl Christen als auch Muslimen. Vor allem mit den Christen des nahen Städtchens Nebek gebe es eine sehr enge Kooperation, auch im Hinblick auf die Ausstattung des kleinen örtlichen Spitals mit moderneren medizinisch-technischen Einrichtungen und bei der Hilfe für die Armen, vor allem für die Vertriebenen aus Qaryatain (dort hatten die Islamisten das berühmte Kloster St. Elian zerstört und den Prior einer Tochtergründung von Der Mar Musa, P. Jakoub Mourad, entführt).

„Unsere Gegend ist ruhig“, stellt Fr. Jihad Yousef fest: „Aber die Zukunft ist unklar. Wir wissen, wie Syrien vor dem Krieg ausgeschaut hat. Aber wir wissen nicht, wie es nach dem Krieg sein wird“.

Ein paar Dutzend Kilometer weiter nordwestlich versucht der melkitische griechisch-katholische Pfarrer von Qalat al Hosn, Georges Maamary, seine zerstreute Herde wieder zu sammeln. Qalat al Hosn liegt zu Füßen des „Krak des Chevaliers“, einer der eindrucksvollsten Kreuzfahrer-Burgen im Nahen Osten, vor 2011 eine Attraktion für Touristen aus aller Welt. Vor dem Beginn des Syrien-Krieges gab es in Qalat al Hosn eine melkitische Gemeinde, deren Brennpunkt die Maria-Himmelfahrt-Kirche war. Das Miteinander von Christen und Muslimen im Städtchen sei gut gewesen, schildert der Pfarrer.

Aber 2012 kam eine Horde von Salafisten und islamistischen Extremisten über die nahe libanesische Grenze nach Qalat al Hosn, sie besetzten das Städtchen und die Kreuzfahrer-Burg, drangen mit Gewalt in die Kirche und das Pfarrhaus ein und nahmen den Pfarrer fest. Er wurde so schwer geschlagen, dass er später operiert werden musste. Zu seinem Glück wurde er schon nach relativ kurzer Zeit gegen einen Dschihadisten ausgetauscht, der sich in der Gewalt der Regierungstruppen befand.

Nach der Festnahme von Pfarrer Maamary flohen alle Christen aus dem Ort. Sie verstanden die Festnahme des Priesters als Warnung. Die Dschihadísten wollten den „Krak des Chevaliers“ zerstören, wie sie es später auch mit der antiken Wüstenstadt Palmyra taten. Aber der syrischen Armee gelang es 2014, Qalat al Hosn und die Kreuzfahrer-Burg wieder einzunehmen. Die Rache an den sunnitischen Einwohnern, die mit den Dschihadisten fraternisiert hatten, sei freilich grauenerregend gewesen. Georges Maamary bezeichnete die von den Dschihadisten geplünderten Häuser der Christen mit Kreuzen, um zu verhindern, dass sie in Brand gesteckt werden.

Auch wenn die Gegend jetzt sicher ist, sind die Christen noch nicht nach Qalat al Hosn zurückgekehrt; denn die Wasser- und Stromversorgung ist noch immer unterbrochen. Die Christen aus Qalat al Hosn hätten sich in das nahegelegene Wadi an-Nasara (Tal der Christen) geflüchtet, vor 2011 eine beliebte Sommerfrischengegend. Aber die Flüchtlinge aus Qalat al Hosn hätten es dort schwer, weil ihnen die Lebensgrundlagen fehlen, berichtet der Pfarrer. Immerhin werden in Qalat al Hosn einige Häuser von Christen im Viertel um die Maria-Himmelfahrt-Kirche wiederaufgebaut. Bassam Maamary, Cousin des Pfarrers und ebenfalls Priester, ist einer der Hausbesitzer, die auf eigene Kosten die devastierten Familienhäuser wieder in Stand setzen: „Ich möchte den Nachbarn zeigen, dass die Rückkehr möglich ist, dass es Hoffnung gibt“.

Ein anderer Einwohner, der immer wieder vorbeischaut, um an sein von den Islamisten ruiniertes Haus Hand anzulegen, ist Samir Bashur. Für ihn ist der Wiederaufbau der Pfarrkirche die Grundvoraussetzung, dass die Christen zurückkehren: „Das ist für uns der wichtigste Ort. Dort sind wir immer zusammengekommen, dort haben wir die Liturgie miterlebt, gebetet, die Feste gefeiert“. Die Notwendigkeit des Wiederaufbaus der Pfarrkirche hat auch Pfarrer Maamary einer französichen „Kirche in Not“-Delegation eindrucksvoll vor Augen geführt. (ende)

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