Pro Oriente Logo

Wenn wir uns nicht bald
einig werden, gehen wir
gemeinsam unter.

Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Eritreisch-Orthodoxe Kirche

  • Gläubigeca. 2 Millionen, fast ausschließlich in Eritrea
  • SitzAsmara (Eritrea)
  • Diözesen11 Diözesen, davon je 1 in Europa und den USA
  • Ritusäthiopisch
  • LiturgiespracheGe'ez (alt-äthiopisch)
  • Kalenderjulianisch, mit einigen äthiopischen Besonderheiten
  • Titel des ErsthierarchenPatriarch der Eritreisch-Orthodoxen Kirche

Die Eritreisch-Orthodoxe Kirche ist die jüngste unter den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen. Sie ist erst seit 1998 eine autokephale Patriarchatskirche, und seitdem jurisdiktionell völlig eigenständig und unabhängig von ihrer Mutterkirche, der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, von der sie in Liturgie und Lehre aber nahezu ununterscheidbar ist.

Weitere Informationen über die Eritreisch-Orthodoxe Kirche

Wie die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche nennt sich die Eritreisch-Orthodoxe Kirche selbst „Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche“, womit sie die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur in der Person Jesu Christi besonders hervorhebt („Tewahedo“ bedeutet „Einheit“). Der Eritreischen Kirche deswegen jedoch eine monophysitische Christologie unterstellen zu wollen, zeugt von historischer und theologischer Unkenntnis und sollte tunlichst vermieden werden: Spätestens seit der Wiener Christologischen Formel von 1971 ist ins allgemeine ökumenische Bewusstsein gerückt, dass die Orientalisch-Orthodoxen Kirchen keine monophysitische Christologie vertreten und diese auch nie vertreten haben.

Die Geschichte der Eritreischen Kirche ist auf das Engste mit den politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts verknüpft. Seit 1890 war die heutige Republik Eritrea eine italienische Kolonie bis sie 1914 unter britische Verwaltung kam. 1952 wurde sie durch UNO-Beschluss eine „autonome Einheit in Förderation mit Äthiopien“. Dieser Sonderstatus wurde durch den äthiopischen Kaiser Haile Selassie beendet, als er Eritrea 1962 annektierte und das Land zur 14. Provinz Äthiopiens herabsank. Diese Annexion legte den Grundstein für einen lang anhaltenden Unabhängigkeitskrieg Eritreas gegen Äthiopien, der 1975 zu eskalieren begann, als nach einem Militärputsch das marxistische Mengistu-Regime die Macht in Äthiopien an sich riss.

Das Regime unter Mengistu Haile Mariam überzog das ganze Land mit einer systematischen Christenverfolgung, die je nach Region unterschiedlich brutal ausfiel. Am schlimmsten traf es die „Unruheprovinz“ Eritrea: 1980 war kein eritreischer Bischof mehr am Leben. 1991 konnte das Mengistu-Regime gestürzt werden und der blutige Bürgerkrieg fand ein Ende. Am 24. Mai 1993 rief Eritrea die staatliche Unabhängigkeit aus, nachdem im Vorfeld freie Wahlen und ein Referendum stattgefunden hatten, in der sich die große Mehrheit der Eritreer für einen solchen Schritt ausgesprochen hatte.

In dem neuen Staat, dessen politische Führung bis heute in einem gespanntes Verhältnis zum ehemaligen verfeindeten Äthiopien steht, sah sich die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche in Eritrea zu einer jurisdiktionellen Loslösung von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche in Äthiopien veranlasst. Diese Unabhängigkeitsbestrebungen fanden die Unterstützung der Koptisch-Orthodoxen Kirche: Der Koptische Papst Schenuda III. weihte im Juni 1994 fünf Äbte eritreischer Klöster zu Bischöfen und verabschiedete ein Protokoll, in dem der Eritreisch-Orthodoxen Kirche die Autokephalie unter dem Ehrenprimat des Koptischen Papstes von Alexandrien bestätigt wurde.

1998 erhob Schenuda III. die Eritreisch-Orthodoxe Kirche von Asmara in den Rang einer autokephalen Patriarchatskirche. Der hoch betagte, 1905 geborene, Bischof Abuna Philippos wurde zum ersten Patriarchen gewählt, am 8. Mai 1998 in der Markuskathedrale von Papst Schenuda III. – in Gegenwart von 61 Bischöfen – zum Patriarchen erhoben und am 29. Mai 1998 in Asmara inthronisiert. Er übte dieses Amt bis zu seinem Tod im Sommer 2002 aus. Am 29. August 2003 wurde die Eritreisch-Orthodoxe Kirche Vollmitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK).

In Eritrea gehören ca. 45 % der Einwohner der Eritreisch-Orthodoxen Kirche an, genauso viele bekennen sich zum Sunnitischen Islam, 10 % sind Anhänger einer traditionellen afrikanischen Religion oder Mitglieder anderer christlicher Kirchen. Im Gegensatz zum Nachbarland Äthiopien, in der die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche – bei etwa 50 % Kirchenzugehörigkeit – eine prägende Rolle in der Gesellschaft spielt, hat die Eritreisch-Orthodoxe Kirche unter zum Teil schweren Restriktionen von staatlicher Seite zu leiden. Die eritreische Staatsführung unterstützt offen Bestrebungen, die dem Islam die Rolle einer alleinigen Staatsreligion geben wollen und alles daran setzen, um den Einfluss der Kirche zurückzudrängen. Der im Frühjahr 2004 zum Eritreisch-Orthodoxen Patriarchen gewählte Abuna Antonios, steht seit Jänner 2006 wegen seiner Proteste gegen die Regierungspolitik unter Hausarrest. Da Eritrea eine rigide Abschottungspolitik gegenüber dem Ausland verfolgt und Ausländer äußerst selten über die Hauptstadt Asmara hinaus Zugang zum Land gewährt bekommen, kann man über das wahre Leid dieser noch so jungen Kirche leider nur spekulieren.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB