INTERVIEW: DAS FASZINIERENDE AN ERZBISCHOF ELIAS CHACOUR UND DIE ARBEIT AN EINER BIOGRAPHIE
Interview mit Pia de Simony, Autorin und Medienreferentin von „Pro Oriente“
WIEN - Die Beschäftigung mit dem Leben von Elias Chacour, Erzbischof von Galiläa, zeigt nach Pia de Simony, dass der Glaube tatsächlich „Berge versetzen“ kann.
Zusammen mit der Journalistin Marie Czernin hat de Simony, Medienreferentin der Wiener Stiftung Pro Oriente, in der vergangenen Woche in Österreich und Deutschland das gemeinsame Buch "Elias Chacour – Israeli, Palästinenser, Christ" vorgestellt, das im Herder-Verlag erschienen ist.
De Simony, die federführende Autorin der Biographie über den katholischen Erzbischof, der dreimal zum Friedensnobelpreis nominiert wurde, beleuchtet im vorliegenden Interview mit ZENIT die Persönlichkeit von Elias Chacour und seinen unermüdlichen Einsatz für den Frieden im Nahen Osten. Darüber hinaus gewährt sie Einblick in die Freuden und Nöte eines Biographen.
ZENIT: Wie haben Sie Elias Chacour kennen gelernt und was hat Sie an ihm so fasziniert?
-- Pia de Simony: Ich habe ihn ausgerechnet am 2. April 2005, am Todestag von Papst Johannes Paul II., noch als Landpfarrer seiner melkitischen Gemeinde in Ibillin, Galiläa und Umgebung, kennen gelernt, nicht als Erzbischof (Erst im Februar 2006 wurde er geweiht). So hatte ich, gottlob, keinerlei Erwartungshaltung! An diesem Tag hatte er gerade seine neue Prachtkirche in Ibillin eingeweiht. Im Anschluss daran empfing er unsere österreichisch-deutsche Gruppe, die im Rahmen einer Pilgerreise von „Pro Oriente“ unterwegs war, und erzählte uns von den Höhen und Tiefen seines Lebens, von den unzähligen Hürden (angefangen als Flüchtlingskind), die er als Palästinenser, sprich: als diskriminierter „Bürger 2. Klasse“, in seinem zerrissenen Land bewältigen musste.
Ich erlebte ein Energiebündel, das nichts im Leben erschüttern konnte; einen tief im Glauben verankerten Menschen, mit scharfem Intellekt, der unbeirrbar seinen Weg geht: mutig, zuversichtlich, schlagfertig. In seiner Erzählung spürte ich deutlich, wie sein ganzes Leben auf eine Versöhnung zwischen Palästinensern und Juden ausgerichtet ist – trotz der vielen Stolpersteine, die er immerzu auf seinem Weg vorfand…
Als ich zu unserem Reisebus zurückkehrte, wurde mir klar: Dieser Pfarrer hatte im buchstäblichen Sinn Berge versetzt mit der Verwirklichung seiner Friedensvision: die Errichtung einer Schule und Hochschule für Christen, Muslime und Juden auf israelischem Boden!
Inzwischen lernen in seinem „Mar Elias Educational Institutions“ – vom Kindergarten bis zur Hochschule – rund 4.500 Schüler und Studenten. 60 Prozent davon sind Muslime und Frauen. 2003 konnte er unter den schwierigen Umständen, die im Buch beschrieben sind, die erste christlich-arabische Universität in Israel gründen.
Sein Lebensweg bezeugte mir: Hass kann in Frieden umgewandelt werden. Ich fand: Er war genau der richtige Mann am richtigen Platz zum richtigen Zeitpunkt! Schon im Bus teilte ich meine Eindrücke dem Verlegerehepaar Hermann und Mechtild Herder aus Freiburg mit, die ebenfalls von dieser Persönlichkeit stark beeindruckt waren. Ich sagte ihnen, man solle die Friedensvision dieses Mannes einer breiteren Öffentlichkeit auch im Ausland bekannt machen! Spontan sagte dann Dr. Herder zu mir: „Nachdem Sie Journalistin sind, obendrein Medienreferentin von „Pro Oriente“ und sich in ihrer Arbeit auch mit religiösen Problemen im Nahen Osten auseinandersetzen, schreiben doch Sie eine Biographie über ihn, und wir verlegen sie!“ Darauf war ich nicht gefasst gewesen. Monate später kam ich auf die Anregung zurück.
ZENIT: Wie ist die Arbeit am Buch vorangegangen?
-- Pia de Simony: Die politischen Ereignisse in Israel machten deutlich, wie dringlich im Heiligen Land die Perspektiven eines realistischen Friedens sind. Das Buchprojekt sollte daher rasch verwirklicht werden. Wie konnte ich das in einem zeitlich begrenzten Rahmen – neben Kind und Arbeit – bewerkstelligen? Ich brauchte eine Mitarbeiterin, mit der ich bei unseren Recherchen vor Ort und bei der redaktionellen Arbeit zusammenarbeiten konnte.
Ich fand Marie Czernin, eine Journalistin, die ich vorher schon gekannt hatte und die mein Interesse am Heiligen Land teilte. Sie hat mir mit großem Einsatz zugearbeitet: Vor allem hat sie die verfügbaren Unterlagen (Bücher, unzählige Zeitungsartikel über und Newsletters von Chacour sowie etliche Tonband- Interviews mit Chacour) für mich ausgewertet. Dank ihrem Engagement konnte ich im zeitlich sehr begrenzten Rahmen das Buch verfassen und mit Herz, Seele und Verstand gründlich in die komplexe Rolle des Friedensstifters schlüpfen.
ZENIT: Wie ist das, eine Biographie zu schreiben?
-- Pia de Simony: Es ist ein großer Kraftakt, der von einem viel abverlangt: vor allem totale Konzentration! Ich habe im Grunde ein Jahr lang in Wien nur äußerlich mein normales Leben gelebt. Gedanklich war ich ein palästinensischer Flüchtling aus Galiläa, ein Priester, der das ganze Leben seinem diskriminierten palästinensischen Volk gewidmet hat, mit dem Ziel, ihm die Würde, das Selbstwertgefühl durch Bildung zurückzugeben und in ihm Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu wecken.
Um dies zu erreichen, hat Erzbischof Chacour eine „via dolorosa“ durchlitten – und ich erlebte sie mit ihm. Diesen Leidensweg konnte ich sehr gut nachvollziehen, nachdem ich in vier Ländern aufgewachsen bin und mir die Problematik der Heimatlosigkeit sowie der Diskriminierung – auch von der psychologischen Seite her – immer schon vertraut war. Wenn man ähnliche Gefühle nicht selber erlebt und menschlich positiv bewältigt hat, kann man sich schwer in eine andere komplexe Persönlichkeit hineinversetzen.
ZENIT: Womit hatten Sie bei der Verfassung der Biographie vor allem zu kämpfen?
-- Pia de Simony: Mit der Gratwanderung zwischen objektiver Berichterstattung der Tatsachen bezüglich Juden und Arabern, Christen und Muslimen, und den subjektiven Empfindungen Chacours. Vor dem Druck habe ich ihm das Manuskript zukommen lassen – er versteht sehr gut Deutsch! – und ihn ausdrücklich gebeten, auch jene Passagen genau anzuschauen, wo es um den Ausdruck seiner ganz persönlichen geistigen und emotionalen Empfindungen geht. Ich wollte mögliche Interpretationsfehler vermeiden.
Am Ende war ich jedoch verblüfft, als er mir sagte: „Wie können Sie sich als Frau so gut in die Gefühlswelt eines Priesters – noch dazu in einem zerrissenen Land wie Israel – hineindenken? Mein ‚nihil obstat‘ zum Druck!“
ZENIT: In wiefern kann uns Erzbischof Chacour auch hierzulande ein Vorbild sein?
-- Pia de Simony: Das ist genau der Punkt, warum ich den Lebensweg von Elias Chacour unbedingt schreiben wollte: Sein Leben zeigt uns deutlich, wie auch wir in anderen Teilen der Welt in unserem Alltag konstruktiv Probleme angehen und lösen können – egal welcher Natur sie sind.
Chacour zeigt uns, wie der echt gelebte christliche Glauben, selbst unter schwierigsten Bedingungen, tatsächlich „Berge versetzen“ kann. Er gibt uns Kraft, mit Würde, Haltung und einer Prise Humor die Bewährungsproben des Lebens zu bestehen, den Egoismus zu bekämpfen und sich aktiv für seine Mitmenschen einzusetzen. Ist das nicht letztlich der eigentliche Sinn des Lebens? ZG07042609ZENIT Erscheinungsdatum 26.04.2007
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