CHRISTEN IM IRAK (04/2005) Vorträge über die Situation der Christen im Irak heute
Portrait von Erzbischof Kassab
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/KassabPortrait05.jpg
jpg, 105 kb, w:622px, h:836px, 96dpi
Weitere Bilder zum Downloaden siehe Seitenende!
Resümé des Vortrags von Erzbischof Kassab
Erzbischof Kassab dankte zunächst dem Wiener Erzbischof, Kardinal Schönborn, für dessen Gastfreundschaft und den mitwirkenden Organisationen für ihre Einladung nach Österreich. Er deutete an, dass er selber derzeit nur in einem kleinen Zimmer in seinem zerstörten Haus wohne.
Bezugnehmend auf den Titel der Veranstaltung „Christen im Irak – zwischen Hoffnung und Angst“ erklärte Erzbischof Kassab, dass die Situation für die Christen im Irak dieselbe sei wie für den Rest der irakischen Bevölkerung: Die Christen gehörten zum Irak wie die Muslime, Kurden und Turkmenen. Sie wollen nicht als Minderheit angesehen werden und betrachten sich als Ureinwohner des Irak. Die Liebe zu ihrer Heimat sehen sie als ihre heilige Pflicht.
Christen öfters Opfer von Entführungen
Terroranschläge, Entführungen und weitere Gewalttaten seien im Irak an der Tagesordnung, dementsprechend sei die Sicherheitslage. Im August und Oktober 2004 fielen Kirchen in Mossul und Bagdad Bombenexplosionen zum Opfer. Solche Attentate wurden allerdings auch auf Moscheen verübt. Kassab unterstrich, dass die Terroristen nicht zwischen Christen und Muslimen unterscheiden. Besonders hart treffe es Christen, da sie öfters Opfer von Anschlägen und Entführungen mit Gelderpressungen sind. Sie seien ein leichteres Ziel, da sie keine „Verteidiger“ hätten (d.h. keine großen Familien hinter ihnen stehen) und außerdem von ihnen generell ein höheres Lösegeld verlangen können. Die Attentate würden, so Kassab, vor allem von Nicht-Irakern aus armen Familien verübt, die sich von terroristischen Gruppierungen für wenig Geld leicht anwerben lassen.
Viele Christen verlassen den Irak
Angst und Sorgen dominieren die Menschen im Irak. Daher verlassen auch viele Christen ihre Heimat und suchen im Ausland Zuflucht und Arbeit. Auch an den religiösen Feiertagen – so etwa während der vergangenen Weihnachtsfeierlichkeiten - blieben viele Christen im Irak aus Angst vor Gewalttaten der Kirche fern. Kassab wies auch betrübt darauf hin, dass man heutzutage nirgendwo mehr die Iraker willkommen heiße und ihnen in vielen Ländern die Einreise bzw. eine Aufenthaltsgenehmigung verweigert wird.
Iraker wollen keine Besatzer mehr
Die Angst vor einer unsicheren Zukunft ist groß. Kassab betonte, dass dieses negative Gefühl keine Probleme löse. Er ist der Überzeugung, dass die Angst nur ein temporärer Zustand ist. Die meisten Christen seien, trotz allem, zuversichtlich. Oberste Priorität sei es, eine Demokratie aufzubauen, sowie Sicherheit und Stabilität im ganzen Land zu garantieren. Das heißt: die Bildung einer Regierung mit ehrlichen Menschen, die Verabschiedung einer Verfassung und eine gerechtere Verteilung der Einkommen. Dies erfordere aber noch Zeit und viel Geduld. Erst dann, erläuterte Kassab, würden die Besatzer endgültig das Land verlassen können, was auch dem Wunsch der gesamten Bevölkerung entsprechen würde.
Kassab rief schon mehrmals die Iraker dazu auf, in ihrer Heimat zu bleiben und sich am Wiederaufbau zu beteiligen. Die Christen im Irak seien, laut Kassab, aufrichtige, sehr gut ausgebildete Menschen und würden von allen Seiten respektiert.
Große Anteilnahme der Bevölkerung am Tod des Papstes
Der Tod von Papst Johannes Paul II. am 2. April 2005 hat auch das irakische Volk geeint. Am Tag der Beisetzung waren alle Straßen in den irakischen Städten mit Menschen gefüllt, die Bilder vom heimgegangenen Papst trugen. In die Kirchen kamen sogar muslimische Gläubige. Alle wurden dazu aufgerufen für den Papst zu beten, auch an muslimischen Schulen! Kassab schloss seine Ausführungen mit den Worten, dass die Reaktionen auf den Tod des Papstes ein Beweis für die Einheit des irakischen Volkes sei. Aus diesen Gründen sei er zuversichtlich, dass Fanatismus und Diskriminierung bald ein Ende haben werden. Er betonte, dass er an alle ehrlichen Menschen glaube, die Gutes für den Irak wollen.
*******
Äußerst rege war die Publikumsbeteiligung bei der anschließenden Diskussion!
Auf die Frage wie viele Christen aus dem Exil nach Irak zurückkehren würden bei einer Stabilisierung der Situation im Land, beteuert Kassab, dass schon etliche Iraker nach den Wahlen wieder in ihre Dörfer zurück seien. Die Voraussetzung dafür sei freilich, für diese Menschen konkrete Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In seiner Stadt Basra, so Kassab, hätten 20% seiner Gläubigen der Stadt den Rücken gekehrt. Er hilft vielen Familien so gut er kann, menschlich wie auch finanziell. Von der neuen Regierung wünscht er sich noch mehr Unterstützung, vor allem für obdachlose Familien. „Es sitzen auch Chaldäer im Parlament. Unter den Christen gibt es auch Journalisten, die sich für uns einsetzen“ teilt uns der Erzbischof erfreut mit. Überhaupt gibt es einen großen Zusammenhalt der Christen untereinander: „Wir sind für alle da und helfen uns gegenseitig! Wenn z.B. ein orthodoxer Priester nicht gerade da ist, um eine Taufe oder eine Messe zu feiern, springt einer von unseren Pfarrern ein. Wir zelebrieren dann einfach nach dem jeweiligen Ritus!“ Gelebte Ökumene, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist auch das Credo Kassabs.
Die irakische Elite ist großteils in christlichen Schulen ausgebildet. Die Christen selber – 20% der ausgebildeten Iraker - wollen sich nicht zu sehr exponieren, bleiben aus Sicherheitsgründen eher im Hintergrund. Ein nicht immer leichter Balanceakt, um des Friedens willen. Zur Frage der Gewährleistung des Religionsunterrichts im Irak bestätigt der Chaldäer: „Nur in jenen Schulen, wo Christen mehr als 25% ausmachen!“ Und wie sieht der Unterricht in Schulen und Universitäten aus? Die Institute seien zwar offen, so Kassab, aber es fehle oft an geeigneten Professoren, daher fallen regelmäßig Stunden aus. Hier wünscht sich der Erzbischof dringend Hilfe vom Ausland und richtet seinen innigen Wunsch ebenfalls an die Europäische Union, seine Sozialprojekte zu unterstützen und am Aufbau seines Landes weiterzuhelfen.
********************************************
Über den Referenten:
Geboren am 4. August 1938 in Telkeif (Nordirak). Studium im chaldäischen Priesterseminar in Mossul von 1952 bis 1961. Priesterweihe im Juni 1961, danach Dozent und Ökonom im Seminar bis 1965. Ab 1966 Pfarrer in der "Sacred Heart Church" in Baghdad. Ernennung und Weihe zum Erzbischof von Basra im Mai 1996.
Er arbeitete als Lehrer für Katechese in öffentlichen und privaten Schulen von 1960 bis 1983. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Katechese in den irakischen Grundschulen, aus denen seit 1973 bis heute gelehrt wird. Gleichzeitig ist er Vorsitzender Richter im kirchlichen Gericht in Baghdad und Vertreter der irakischen Kirchen im "Middle East Catholic Church Council of catechism". Er ist Präsident des Komitees "Life and Service" des "Middle East Council of Churches".
Bilder von Erzbischof Kassab und Basra (Irak):
Credit und Copyright: Dr. Eva-Maria Hobiger.
Frau Dr. Hobiger hat die Erlaubnis für den kostenfreien Abdruck der Bilder gegeben.
Erzbischof Gabriel Kassab
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/kassab.jpg
jpg, 92,3 kb, w:787px,h:780px,300dpi
Erzbischof Kassab mit Gläubigen
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/bischof.jpg
jpg, 1,45mb, w:1798px,h:1127px,200dpi
Kindergarten von Erzbischof Kassab in Basra
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/kassabkindergarten1.jpg
jpg, 909kb, w:2560px,h:1920px,300dpi
Menschen im Müll in Basra
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/KassabBasra4.jpg
jpg, 406kb, w:1794px,h:1197,300dpi
Kind in Basra
http://www.pro-oriente.at/dokumente/KassabBasra3.jpg
jpg, 151kb, w:1797px,h:1145px,300dpi
Zerstörte Häuser in Basra
http://www.pro-oriente.at/KassabBasra2.jpg
jpg, 186kb, w:1375px,h:916px,1200 dpi
Straße in Basra
http://www.pro-oriente.at/KassabBasra1.jpg
jpg, 186kb, w:1374px,h:913px,1200dpi
Kinder im Kindergarten von Basra
http://www.pro-oriente.at/KassabKindergarten.jpg
jpg, 199kb, w:2560px,h:1920px,300dpi
Vom 25.-28. April 2005 kommt der chaldäische Erzbischof von Basra (Südirak), Gabriel Kassab, auf Einladung der Stiftung PRO ORIENTE und als Gast von Kardinal Dr. Christoph Schönborn zum zweiten Mal nach Österreich. Das erste Mal kam er im Jänner 2003. Die öffentliche Veranstaltung am 26. April 2005 im Kolpinghaus in der Liechtensteinstrasse 100, 1090 Wien, wird von der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen http://www.saar.at/aladin/ (Generalsekretär Fritz Edlinger und Dr. Eva-Maria Hobiger) und Christian Solidarity International Österreich (CSI) http://www.csi.or.at mitveranstaltet.
Besuchsprogramm:
• 25.4.: Ankunft in Wien
• 26.4.: Öffentlicher Vortrag im Kolpinghaus, 1090 Wien
• 27.4.: Öffentlicher Vortrag im Bildungshaus Sodalitas in Tainach / Tinje
• 28.4.: Treffen mit Erzbischof Kothgasser in Salzburg
• 29.4.: Informationsabend in der Residenz des österreichischen Botschafters in Luxemburg
• 30.4./1.5.: kein Programm
• 2.5.: Treffen mit "Misereor" in Aachen (Deutschland)
Reisebericht (mit Bildern) "Ein neuer Irak - ein neues Leben?"
Von Dr. Eva-Maria Hobiger, Fachärztin für Strahlentherapie (Medizinische Projektleitung) über ihren Besuch in Basra vom 6.-13. Dezember 2004
Im Rahmen des Hilfsprojekts der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen „ALADINS WUNDERLAMPE HILFE FÜR KREBSKRANKE KINDER IN BASRA“ zur Unterstützung der Kinderkrebsstation des Ibn Ghazwan Mutter-Kind-Spitals in Basra
http://www.pro-oriente.at/dokumente/presse/Bericht_Hobiger_2005.doc
742kb, word-doc |
 |
| Erzbischof Kassab beantwortet die Fragen der Zuhörer |
|