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Die Seele Europas wieder entdecken - Marienverehrung im Glauben der Völker in Ost und West (10/2005)
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DIE SEELE EUROPAS WIEDER ENTDECKEN - MARIENVEREHRUNG IM GLAUBEN DER VöLKER IN OST UND WEST (10/2005)
20 Jahre PRO ORIENTE Salzburg

Aus Anlass des 20. Jubiläumsjahres der Stiftung PRO ORIENTE-Salzburg veranstaltete diese am 7.-8. Oktober einen internationalen Kongress zum Thema„Die Seele Europas wieder entdecken – Marienverehrung im Glauben der Völker in Ost- und West“, verbunden mit einer Ökumenischen Marienvesper in der Franziskanerkirche und einem Festakt in der Bankhalle der dortigen Raiffeisen-Zentrale. In ihren Festreden unterstrichen DDr. Manfred Holztrattner, Alt-Landeshauptmann Dr. Hans Katschthaler und Erzbischof Dr. Alois Kothgasser die aktuelle europäische Bedeutung der Arbeit von PRO ORIENTE.

Die Muttergottes als verbindendes Element

Zwanzig Experten aus Russland, Rumänien, Griechenland, Belgien, Deutschland und Österreich, befassten sich mit der Marienverehrung als einem verbindenden Element der europäischen Kultur . „Sie ist kein Thema der hohen Theologie, wohl aber existenzieller Ausdruck des bedrängten und um Hilfe flehenden Menschen in Ost und West“ so Prof. Peter Hofrichter, Vorstandsmitglied von PRO ORIENTE und Tagungsleiter. „Der gelebte Glaube verbindet Orthodoxe und Katholiken weit mehr als offizielle Kirchenpolitik und theologische Dialoge.“ Die Referenten beider Glaubensrichtungen stellten viele Gemeinsamkeiten fest. So z.B. das Erbe der uralten Gebete und Lieder, in denen Maria angerufen wird. Etwa der berühmte orthodoxe„Hymnos Akathistos“, eine Marienhymne, die schon seit über 1200 Jahren in der östlichen Liturgie gesungen wird. Gemeinsam sind die vielen Bilder, in denen die Mutter Jesu als Wegweiserin dargestellt und verehrt wird. Nur die Darstellungsform hat sich in der westlichen Kunst verändert: das Marienbild hat seit der Renaissance – die den Menschen in den Mittelpunkt stellte – den sakralen, transzendenten Charakter von früheren Zeiten verloren. „Bei uns im Westen wuchs eine Hinwendung zum Irdischen, die in der philosophisch-kritischen Aufklärung im 18. Jh. kulminierte und uns bis zum heutigen Tag erfasst“ stellt Prof. Wolfgang Speyer fest. Anders verlief die Entwicklung im Osten: seit eh und je haben die Orthodoxen ihre Gottesmutter-Verehrung in der Ikone zum Ausdruck gebracht. Die Ikonen gehen immer auf ein Urbild des heiligen Lukas zurück, daher haben auch alle „Gottesgebärerinnen“ mehr oder weniger ähnliche Gesichtszüge. Da sie „einen Teil des ewigen Heilsplanes Gottes darstellt, soll die Ikone dieses unbegreifliche Mysterium ausdrücken. Das Irdische ist Träger des Mysteriums um das Überirdische darzustellen“ erläutert Erzpriester Chrysostomus Pijnenburg von der russisch-orthodoxen Kirche in Wien. Die Gottesmutter in der Ikone zeigt huldvoll auf ihr Kind und soll so den Weg zum urewigen Gott weisen.

Das Phänomen der Marienerscheinungen

Katholiken und Orthodoxe kennen gleichermaßen das wundersame Eingreifen der „himmlischen Frau“ bei Krankenheilungen, weinenden Bildern der Muttergottes und bei Marienerscheinungen. Diese wecken immer wieder den Glauben und das Vertrauen von Gläubigen und Ungläubigen. In diesem Zusammenhang kam während der Tagung auch die tiefe Marienfrömmigkeit von Johannes Paul II. zur Sprache, der alleine in Europa während seiner Amtszeit als Papst 35 Marienwallfahrtsorte besuchte! Sein Motto war: „ Totus tuus“ (‚Ganz der Deine’).
Von einer gewaltigen Muttergottes-Erscheinung in Ägypten 1968 vor einer Menschenmenge berichtet der koptisch-orthodoxe Anba Gabriel aus Wien. „Die Muttergottes konnte man im flammenden Licht über einer koptischen Kirche sehen. Vielleicht, um die Ökumene voranzutreiben?“ fragt sich heute der Bischof. Fest steht, dass seit jenem Tag die koptisch-orthodoxe Kirche eine totale Wiedergeburt erfahren hat. Mag. Georg Mayr-Melnhof, Salzburger Religionslehrer, berichtet über die Bekehrung etlicher junger Menschen - darunter vieler Skeptiker – im herzegowinischen Wallfahrtsort Medjugorje, dem „größten Beichtstuhl Europas“. Seit der ersten Marienerscheinung 1981 habe der Pilgerstrom nicht abgerissen: 30 Millionen Pilger in den letzten 24 Jahren.

„Maryam“ im Koran

Auch im Koran spielt die Maria („Maryam“) eine nicht unwichtige Rolle. Dipl.Päd. Iyman Salwa Alzayed aus Wien zitiert aus dem Qur’an und hob ihre menschlichen Seiten hervor, mit all den Zweifeln, die dazugehören. „Ach, wenn ich doch vor diesem (Geschehen) gestorben wäre…“ ein ungeheures Zitat Marias. Dazu Alzayed’s Kommentar: „Alle Last der Welt ergießt sich über sie genau in dem Moment, in dem sie sich von ihrem Kind im wahrsten Sinne „abzunabeln“ hat und nun „allein“ befürchtet, den Herausforderungen der Gesellschaft nicht mehr gewachsen zu sein.“ Gleichzeitig sei aber Maria - so Alzayed weiter - bei den Muslimen eine religionsübergreifende Friedensstifterin. Spontaner Publikumsapplaus im Tagungssaal.

Pastorin Reitz: „Nicht die Augen vor Maria verschließen!“

Grundlegende Aspekte der Marienverehrung werden auch von evangelischen Mitchristen geteilt: „ Der Glaube an die untrennbare Verbundenheit Mariens mit dem Gottessohn ist das Einheitsband aller Christen!“ konstatiert Pastorin Petra Reitz aus Grevenbroich. „Das Magnificat hat auch bei uns seinen festen Platz im Vesper-Gebet“ so die Pfarrerin weiter. „Auch wenn das Luthertum keine eigenständige Mariologie kennt, ist sie zumindest ein Bestandteil der Christologie. Protestantische ‚Mariologie’ lebt vornehmlich in der Dichtkunst und in den Liedern weiter, ähnlich wie die hymnische Theologie der Ostkirchen. Maria ist bei uns keine entrückte Übermutter, sondern fungiert eher als Identifikationsfigur eines jeden verlorenen Sünders, der auf die unverdiente Erhöhung und Rechtfertigung durch die Gnade Gottes hofft und pocht.“ Trotz der Unterschiede in der mariologischen Auslegung stellt Reitz fest, dass „die katholische und evangelische Theologie einander brauchen wie ein ungleiches Geschwisterpaar“. Und schliesst mit einem Satz, der alle Zuhörer aufhorchen ließ: „ Die evangelische Theologie sollte nicht die Augen davor verschließen, dass im Herzen mancher Protestanten ein Bild Mariens schlummert, das wachzurütteln sich lohnen würde.“

(Der Raifffeisenverband Salzburg unter der Leitung von Generaldirektor Dr. Günther Reibersdorfer stellte für den Festakt und für den Kongress seine Infrastruktur zur Verfügung und demonstrierte damit in vorbildlicher Weise das notwendige Zusammenwirken von Wirtschaft und Wissenschaft.)

 

Veranstaltung
20 Jahre PRO ORIENTE in Salzburg

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