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Wenn die großen nichts
machen, dann sollen die
kleinen beginnen.

Kardinal Franz König

Pro Oriente

Vortrag von Bischof Armash Nalbandian (November)

Es geschah 1915 und es ward 2015

Bischof Armash Nalbandian, armenisch-apostolische Diözese von Damaskus Syrien sprach in seinem Vortrag „Armenier Genozid und deutsche Kirche“ am 11.November 2015 vor interessiertem Publikum an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg über die Rolle der deutschen Kirche in diesen 100 Jahren sowohl als Mitwisser aber auch als treibende Kraft der letzten Jahre in der offiziellen Diskussion und Anerkennung in Deutschland. Und wie es dazu gekommen ist, und wie man es verstehen soll, dass die armenische Kirche 2015 alle 1,5 Mio armenischen Opfer des Genozid heiliggesprochen hat.

Es gilt nachzudenken, was das Wort Märtyrer in der heutigen Zeit bedeutet und welche deutliche Aussage die armenische Kirche mit dieser Heiligsprechung gesetzt hat. Nicht nur, um die natürlich bestehende religiöse Dimension des Genozids zu unterstreichen, sondern auch um den Nachfahren und dem armenischen Volke die Möglichkeit zu gewähren, den Schmerz zu überwinden und das Schreckliche aufzuarbeiten – „das Gedächtnis der Ermordeten wach zu halten und ihnen in christlicher Gemeinschaft nahe zu sein“. Auch sei der armenische Genozid als Mahnung zu verstehen, und er erinnert nur allzu lebendig an die heutigen Opfer von Verfolgung, Ermordung und Flucht in Syrien, im Irak und im Nahen Osten. 100 Jahre nach dem Genozid geschieht den Christen und auch anderen Gruppen Ähnliches. Viele Armenier fanden in den arabischen Staaten, in Syrien, im Libanon, eine neue Heimat, konnten sich dort etwas aufbauen und die neue arabische Heimat auch kulturell, oft sogar politisch mitgestalten. Nun stehen sie, 100 Jahre nach dem Genozid wieder vor der Entwurzelung und der Frage, nun auch wieder diese neue Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen. Unter den Armeniern, den Nachfahren der Überlebenden des armenischen Genozids im Nahen und Mittleren Osten ist ein Satz sprichwörtlich geworden „Barfuss sind wir hier angekommen, barfuss werden wir wieder von hier fortgehen“.
In der dem Vortrag folgenden Diskussion wurde auch der Begriff des Völkermords hinterfragt. Es sei für ihn nicht nur die Ermordung von Menschen, sondern auch Menschen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Kinder in der eigenen Sprache und Religion zu erziehen, Menschen ihre Identität, ihre Kulturgut zu nehmen und sie zu zwingen, Haus und Hof zu verlassen. Bischof Armash erzählte auch über die Situation in Damaskus, über die Hilflosigkeit der Menschen und den täglichen Kampf ums Bleiben oder Gehen. Natürlich sei die Bewahrung der Existenz der Christen in Syrien von großer historischer Wichtigkeit und die Zukunft und das Bestehen des orientalischen Christentums im Nahen Osten liege auch in der Verantwortung Europas. Der Westen sollte den Menschen vor Ort helfen, ihnen neue Perspektiven geben und sie stärken. Dies sei bis jetzt verabsäumt worden. Es solle daher hier in Europa eher entschieden werden, den Menschen vor Ort die notwendige, konkrete materielle und moralische Unterstützung zukommen zu lassen und nicht durch falsch verstandene mediale Einladungen oder Versprechungen die Menschen in Syrien quasi einzuladen, auszuwandern. Er sagte „Es ward 2015“, 100 Jahre später – was hat man gelernt, was ist geschehen?
In der anschließenden ökumenischen Vesper in der ukrainisch-katholischen St. Markus-Kirche gemeinsam mit Pf. Vitaliy Mykytyn, Diakon John Reves, V. Andreas Bonenberger und Bischof Armash wurde auch der 1,5 Mio Opfer gedacht. Bischof Armash dankte für die Möglichkeit des gemeinsamen Gebetes. In seiner Ansprache griff Bischof Armash auf den Bericht über die ersten Jünger Jesu aus dem Beginn des Johannesevangelium zurück. Als die Jünger Jesu fragten “Wo wohnst du?“. In der heutigen Zeit stelle man sich angesichts der traurigen Ereignisse oft die Frage, wo Gott sei, wo er wohne. Das sei weder wissenschaftlich zu ergründen, noch könne man ihn an anderen Orten finden. Nur in den eigenen Herzen. Und daran zu denken, wenn man anderen Menschen begegnet, dass auch in ihnen Gott wohnt.
Bericht: Jasmine Dum-Tragut


Sektion: Salzburg