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Seht, da ist der Mensch …

Die Ikone des Bräutigams antwortet auf die Frage vom Schmerz Gottes

Die Bilder von Braut und Bräutigam sowie vom Hochzeitsmal verwendet die Bibel um zu zeigen, wie eng Gott und Mensch einander verbunden sind. Paulus bezeichnet folgerichtig die christliche Gemeinde als Braut Christi*.

Im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen kommt Jesus als der eschatologische Bräutigam um Hochzeit zu feiern, trifft aber auf eine Hochzeitsgesellschaft, die auf ihn nur schlecht vorbereitet ist. (Mt 25, 1-13) Jesus, der kommt um die Seinen zum ewigen Hochzeitsmahl – der ewigen Gemeinschaft mit Gott – zu führen, ist in den Gottesdiensten der Ostkirche das Thema der ersten drei Tage der Heiligen Woche:

„Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht. Und selig der Knecht, den er wachend findet. Doch nichtswürdig ist, den er sorglos findet. Sieh zu, meine Seele, dass du dem Schlaf nicht verfällst, damit du nicht dem Tod übergeben wirst und ausgeschlossen vom Reich. Nein, sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist du, unser Gott. Ob der Gottesgebärerin erbarme dich unser.“ (Tropar, Montag, Dienstag und Mittwoch in der Karwoche)

Die Seinen nahmen ihn nicht auf
Vom Montag bis Mittwoch der Karwoche steht die Ikone des Bräutigams in der Mitte der Kirche. Doch stellt sie Jesus nicht als den strahlenden jungen Mann dar, der Hochzeit feiern möchte, sondern als den der Verspottung preisgegebenen Gefangenen; in wenigen Augenblicken muss er den Weg zur Kreuzigung gehen. Mit traurigem Blick und in sich gekehrt steht er vor uns. Wie die Evangelien überliefern trägt er den purpurroten Spottmantel und die Dornenkrone. Seine Hände sind gefesselt, in seiner rechten Hand, die sonst segnet, hält er das Spottszepter, den Rohrstab. Über seiner linken Schulter lesen wir die Worte, mit denen ihn Pilatus der aufgehetzten Menge präsentiert, um sie von ihrer Forderung, ihn zum Tod zu verurteilen, abzubringen: „Seht, da ist der Mensch“ (Joh 19, 2-5) Das Brautgemach, in das der Gottessohn kommt, ist keine Stätte froher Erwartung, herzlicher Freude und liebender Gemeinschaft, sondern eine des Hasses, der Intrigen und der Verlogenheit. Jesus, der nichts anderes möchte, als den Menschen die Botschaft von Gottes Liebe zu bringen, stößt auf eine Welle der Ablehnung. Statt auf ein bereites Volk, gerät er in eine Gesellschaft, die Gott aus der Welt schaffen möchte: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“. (Joh 1, 11)

Gott ist da in Schmerz und Leid
Die Hymnen halten der zur Feier der Karwoche versammelten Gemeinde einen Spiegel vor. Sie beziehen die Ereignisse von damals auf die Christen von heute und fragen, wie ernsthaft sie ihr Christ-sein leben. Deutlich sprechen sie von den Konsequenzen eines oberflächlichen Glaubenslebens für den Einzelnen: er weicht ab vom rechten Weg, gerät auf Irrwege und Abwege, erweist sich undankbar Gott gegenüber und schadet sich letztlich selbst. Die Ikone des Bräutigams zeigt, was es für Gott bedeutet, wenn sich die Menschen, die er liebt, ihm versperren. Er schickt nicht – wie oft behauptet wird – seinen Sohn in den Tod, um an ihm seinen Zorn über die Menschen auszulassen. Vielmehr leidet er darunter, dass sie sich von ihm abwenden, obwohl er sie mit so vielen Gaben und Talenten beschenkt hat. Doch anstatt damit Gutes zu tun verwenden sie für das Gegenteil. So haben die Menschen durch ihr Verhalten aus Gott, der sie wie ein Bräutigam zum Fest führen möchte, eine Spottfigur gemacht. Dennoch können sie dieser Spottfigur das Gott-Sein nicht nehmen. Der Gottesname „ho on“ (ich bin da) im Nimbus Jesu besagt dies. Er besagt aber auch, dass Gott selbst in Leid, Spott, Verhöhnung und allen Schrecklichkeiten, die sich Menschen für Menschen ausdenken, da ist, dass er mitgeht und mitleidet: „Die heiligen Leiden lässt er heutige Tag der Welt wie rettende Lichter aufleuchten. Denn Christus trachtet danach, aus Güte zu leiden. Der alles umschließt mit der Hand, nimmt es auf sich, am Kreuz zu hängen, um die Menschen zu retten.“ (Montag in der Karwoche, Kathisma)

Gott wandelt Schmerz und Leid
Nach eindringlicher Mahnung kommt die Gemeinde zur Einsicht. Sie sich reuig vor Jesus um ihn zu bitten: „Verschließe, Herr, mir deines Mitleids Güte nicht. Nein schüttle ab von mir den finsteren Schlaf, und wecke mich wieder auf. Und mit den klugen Jungfrauen führe mich in dein Brautgemach, wo rein das Licht der Feiernden erschallt, die ohne Ende rufen: Herr, Ehre sei dir!“ (Dienstag, Stichera zu Ps 148) Gott aber macht in seiner Barmherzigkeit den Abgrund, den die Menschen geschaffen haben, zu einem Brautgemach und die zur Besinnung gekommenen Menschen zu Lichtträgern: „Dein Brautgemach schau ich, mein Heiland, geschmückt. Ich habe kein Festgewand, dass ich eintreten darf. Lichtspender, mach leuchtend meiner Seele Gewand und sei mein Erretter.“ (Dienstag, Exapostilarion)

*Siehe: Jes 62,5; Mt 22 1-30; Eph 6, 27; 2 Kor 11,2

Text: Hanns Sauter