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Ich stehe vor der Tür …

Begegnung mit Jesus

Jesus, der an die Tür klopft, ist im Advent in der Christenheit des Westens ein verbreitetes Thema. Im Osten ist es unbekannt, doch gibt es Parallelen in der Karwoche.

In der Vesper des Palmsonntags wird Sacharja 9,9-15 gelesen: „Siehe dein König kommt zu dir“ – das bekannte Adventlied „Macht hoch die Tür“ ist dazu eine Paraphrase. Weiters wird an den ersten Kartagen vom Bräutigam gesungen, der unerwartet kommt. Aus den Texten spricht einerseits Ernst, andererseits Erwartung und Hoffnung. Wie aber kann man sich das Kommen des Erlösers vorstellen? Was wird dabei geschehen? Gott – so die Überzeugung der Hl. Schrift und die Erfahrung vieler Menschen – kommt unvermutet, anders als erwartet. Er reitet nicht auf einem Pferd, wie es für Herrscher üblich ist, sondern auf dem Esel der Lastträger. Er kommt nicht als der strahlende Bräutigam, sondern – wie es die Karwoche herausstellt – als der, der sich mit den Menschen im Leid und in der Erniedrigung verbindet. Er kommt auch nicht laut fordernd, sondern zurückhaltend: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an, wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ (Offb 3,20) Dieser Vers, der auf das Kommen Jesu zu allen Zeiten und zu allen Menschen verweist, hat einen Ikonenmaler unserer Tage zur Darstellung des an die Tür klopfenden Jesus angeregt.

Jesus macht ein Angebot
Jesu Anliegen war es, Gott als einen Gott, der für die Menschen da ist, zu verkünden. Mit ihm hat er sich so sehr identifiziert, dass er im Titusbrief als „Gnade Gottes“, die auf Erden erschienen ist, um alle Menschen zu retten, bezeichnet wird. (vgl. Tit 2,11) Vor seinem Weggang hat er den Aposteln sein Werk übergeben. Sie sollten diese Botschaft weiter zu den Menschen bringen, bis er wiederkommt. Seither haben sich ihr viele Menschen geöffnet, viele verschlossen. Wieder andere haben sie zwar angenommen, aber „ihre erste Liebe verlassen“ (Offb 2,14), obwohl es von Jesus heißt, er sei denen, die im Dunkel lebten als Licht erschienenen. (vgl. Mt 4,16) Jesus möchte den Menschen das Gottesreich eröffnen und fordert sie deshalb auf, die Voraussetzungen dazu zu schaffen: Glauben und Umkehr. Jene, die bereits zum Glauben gekommen sind, erinnert er daran, im Glauben nicht nachlässig zu werden, ihn zu vertiefen und für sein – Jesu – Kommen bereit zu sein.
Dieses Kommen zeigt die Ikone. In der Mitte steht Jesus. Er ist auf dem Weg zu den Menschen. Dabei „schreit und lärmt“ er nicht, sondern kommt behutsam. (Jes 42,2) Er klopft an ihre Türen und bittet um Aufnahme. Der Nimbus zeigt ihn als Licht, das unter den Menschen erschienen ist. Der Weg zu den Menschen ist offensichtlich mühevoll. Jesu Gesicht verrät Müdigkeit, Erschöpfung, ja Enttäuschung. „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1, 5.11) In gebückter Haltung klopft Jesus an ein Tor. Es ist fest verschlossen. Wo hinein führt dieses Tor? Ist es das Tor einer Stadtmauer? Das Tor eines Hauses? Eines Palastes? Einer Kirche? Einer Werkstatt? Eines Gefängnisses? Eines Klosters? Meines Hauses? Wer dahinter auch wohnt, wer sich dahinter auch verbirgt – Jesus geht auf ihn zu. Vielleicht hat er nur wenig Hoffnung, dass sich auf sein Klopfen hin das Tor öffnet; er versucht es trotzdem. Jesus kommt nicht mit leeren Händen. Er hat für die, die sich eingeschlossen und damit ihr Haus zu ihrem Gefängnis gemacht haben, eine Botschaft: das Evangelium. Die Schriftrolle in seiner Hand deutet es an. Er möchte denen, die sich abschließen, die Angst nehmen und Mut machen: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen … sagt den Verzagten: habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! … Er selbst wird kommen und euch retten!“ (Jes 35,1-5) Wenn Tür und Fenster verschlossen bleiben, bleibt es in einem Haus finster und muffig. Wenn Fenster und Türe offen stehen, kann Wärme, Licht und Luft eindringen. Wer Jesus öffnet, öffnet dem Licht. Seine Nähe lässt aufblühen. Die Pflanzen, die aus dem trockenen Wüstenboden wachsen, deuten darauf hin.

Jesu Angebot und ich
Jesus klopft an und schaut dabei auf mich, den Betrachter der Ikone. Jesus klopft bei mir an. Er macht mir das Angebot „mit ihm Mahl zu halten“, mit ihm in Gemeinschaft zu leben. Ist er deshalb so müde, weil er spürt, dass so viele Menschen sein Angebot ablehnen? Dass sie ihre Türen lieber verschießen? Dass sie mit sich und ihrer engen Welt zufrieden sind, statt sich auf offene Türen einzulassen, auf ein „mehr“ an Leben? Jesus steht vor meiner Türe. Vor der Tür zu meiner Wohnung und vor der Tür zu meinem Innersten mit einer Frage, mit einer Zusage, mit einem Angebot. Wie oft mag er schon an meine Türe geklopft haben und ich sein Klopfen überhört haben? Jesus möchte mein Leben bereichern. Er möchte mir helfen, mein Leben auf einen festen Grund zu stellen. Lasse ich ihn vor der der Türe stehen? Öffne ich Fenster, Tor und Tür um ihn wenigstens anzuhören? Bitte ich ihn herein? Warte ich vielleicht sogar auf ihn, weil ich ahne und hoffe: Er kommt, um die zu heilen, deren Herz zerbrochen ist, er kommt um den Gefesselten und Gefangenen Befreiung zu verkünden, die Trauernden zu trösten, die Ängstlichen aufzumuntern? Eines ist sicher: Fenster, Tür und Tor verschließen, bedeutet Angst, Finsternis, Einsamkeit. Fenster, Tür und Tor öffnen aber Licht, Wärme, Aufatmen – Leben in Fülle.

Text: Hannes Sauter