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Dienstag
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Dritte Tagung zur christlichen Anthropologie

Sinn und Grenzen der menschlichen Freiheit

Konferenz
  • Datum00. 0000
  • Ort
      Pallottihaus in Wien-Lainz
  • Partner
      Johann Adam Möhler Institut für Ökumenik (Paderborn)
      Russländische Orthodoxe Universität zum hl. Johannes dem Theologen (Moskau)
  • SektionWien
  • StatusNicht öffentlich


Communique


Vom 12. bis 15. Oktober 05 hat die Stiftung PRO ORIENTE in Kooperation mit der Russländischen Orthodoxen Universität zum hl. Johannes (Moskau) und dem Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik (Paderborn) in Wien die dritte Tagung zur christlichen Anthropologie veranstaltet. Das Thema der Tagung war „Sinn und Grenzen der menschlichen Freiheit“. Unter den durchwegs jungen Referenten aus verschiedenen Universitäten und anderen wissenschaftlichen und geistlichen Institutionen befanden sich auch der Dekan der Fakultät für Psychologie der mitveranstaltenden Moskauer Universität, Priester Andrej Lorgus, und der Direktor am Paderborner Institut, Dr. Johannes Oeldemann. Der ebenfalls anwesende Rektor der Russländischen Orthodoxen Universität, Archimandrit Ioann Ekonomzev, hielt bei PRO ORIENTE in Wien und Graz öffentliche Vorträge über die „Russische Orthodoxe Kirche nach 1989“.

Das christliche Freiheitsverständnis wurde aus dogmen- und theologiegeschichtlicher Perspektive, in Blick auf seine biblischen Wurzeln sowie die pastoralen Konsequenzen erörtert. Dabei wurde deutlich, dass, ausgehend von den gemeinsamen Wurzeln in der hl. Schrift und in den Schriften der Kirchenväter, die Theologie in Ost und West sich im Laufe der Kirchengeschichte auseinander entwickelt hat, in jüngster Zeit jedoch wieder zunehmend die Gemeinsamkeiten im orthodoxen und katholischen Glaubens- und Freiheitsverständnis entdeckt werden.

In Folge der Auseinandersetzungen zwischen Augustinus und Pelagios und deren Schulen wurden in der Westkirche Gottes Gnade und die Freiheit des Menschen als zwei konkurrierende Prinzipien betrachtet, während die östliche Theologie stärker die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Gott und Mensch betonte.

Vertieft wurde die Entfremdung durch die Methodologie der westlichen Scholastik, die mehr mit ontologischen Kategorien arbeitete, während die östliche Theologie vorwiegend in relationalen Kategorien dachte. Die moderne katholische Theologie verwendet, in Aufnahme zeitgenössischer philosophischer Denkansätze, ebenfalls relationale Kategorien, so dass Gott und Mensch nicht länger als zwei konkurrierende Größen betrachtet werden: je größer die Gnade, desto größer die Freiheit. Gnade ist geschenkte Freiheit, d.h. innere und äußere Befreiung des Menschen von der Sünde (G. Greshake). Dadurch zeigt sich eine bemerkenswerte Konvergenz zwischen der zeitgenössischen katholischen Theologie und dem orthodoxen Verständnis der Freiheit.

Die Wege zur Verwirklichung der Freiheit erscheinen auf den ersten Blick unterschiedlich: in der westlichen Auffassung soll der Mensch sein wahres Menschsein finden, in der östlichen Auffassung soll er nach der Vergöttlichung streben. Beide Zugangsweisen widersprechen einander jedoch nicht, weil sie in der gemeinsamen Überzeugung gründen, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist.

Unterschiede zeigten sich im Umgang mit der hl. Schrift, die von orthodoxer Seite wörtlich und allegorisch gedeutet wird, und in der Verhältnisbestimmung zwischen dem christlichen und dem modernen säkularen Freiheitsbegriff, bei der von katholischer Seite Anknüpfungsmöglichkeiten gesehen werden, während die Orthodoxen das moderne Freiheitsverständnis eher kritisch betrachten. Sie sehen das westliche Menschenrechtsdenken als eine Konsequenz eines übertriebenen Individualismus, dem sie – in Übereinstimmung mit der katholischen Theologie - eine ganzheitliche, personale Sicht des Menschen entgegenstellen.

Freiheit, verstanden als rücksichtslose Willkür oder als Beliebigkeit, führt letztlich zur Unfreiheit: Wer das Christentum als äußerste Beschränkung der Freiheit verkennt, dem ist zu entgegnen, dass Freiheit nur durch die Liebe beschränkt wird. Liebe und Freiheit sind die Kernaussagen der Lehre Christi. Der christliche Glaube beschränkt daher nicht die Freiheit des Menschen, vielmehr ist das Christentum die Religion der Freiheit. Darin sind sich orthodoxe und katholische Glaubenstradition einig. In diesem Zusammenhang nahmen die orthodoxen Teilnehmer mit Interesse Kenntnis von den innerkatholischen Debatten über das Verständnis der Religionsfreiheit vor und während des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Übereinstimmung bestand ferner darin, dass Freiheit nicht definiert werden kann als Freiheit „von etwas“, sondern im christlichen Verständnis eine Freiheit „für etwas“ ist: eine Freiheit zur Liebe. Sowohl in der katholischen als auch in der orthodoxen Theologie sind heute Pesonalität, Liebe und Gemeinschaft zentrale Leitbegriffe der theologischen Anthropologie, vor deren Hintergrund von einem „Zusammenklang“ von göttlicher und menschlicher Freiheit gesprochen werden kann. Christen sind daher Anwälte der Freiheit – einer Freiheit freilich, die nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf - sondern die Verantwortung des Menschen vor Gott und für seine Mitmenschen betont.

Die Tagung wurde von beiden Seiten als außerordentlich fruchtbar und bereichernd empfunden, die Gespräche zur christlichen Anthropologie sollen fortgesetzt werden.

Programm

    Von russisch-orthodoxer Seite:

  • Andrej Tretjakov (Kandidat der Philosophie, Orthodoxe Geisteswissenschaftliche Universität zum hl. Tichon, Lehrstuhl für Biblistik, Liturgik und vergleichende Religionswissenschaft, stv. Chefredakteur der Radiostation "Radonesh" in Moskau)
    Thema: Die religionsphilosophische Tradition des östlichen Christentums in der Lehre von der Freiheit

  • Prof. Diakon Andrej Kuraev (Professor an der Moskauer Geistlichen Akademie, Kandidat der Philosophie)
    Thema: Der Pantheismus und das Problem der Freiheit

  • Prof. Priester Andrej Lorgus (Dekan der Fakultät für Psychologie, Russländische Orthodoxe Universität zum hl. Johannes dem Theologen)
    Thema: Die Freiheit als pastorale Aufgabe

  • Ilia Kokin (Dozent für Katechetik an der Russländischen Orthodoxen Universität zum hl. Johannes dem Theologen, Moskau)
    Thema: Sünde und menschliche Freiheit: im Paradies, unter dem Gesetz und in Christus"

    Von römisch-katholischer Seite:

  • Prof. Dr. Bertram Stubenrauch (Vorstand des Instituts für Dogmatische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien)
    Thema: Menschliche Freiheit. Göttliche Vorsehung. Modelle aus der Theologiegeschichte

  • Prof. Dr. Josef Pichler (Institut für Neutestamentliche Bibelwissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz)
    Thema: Menschenwege und göttlicher Heilsplan. Anthropologische Argumentation der Synoptiker

  • Dr. Johannes Oeldemann (Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik (Paderborn))
    Thema: Gottes Gnade und die Freiheit des Menschen. Eine vergleichende Skizze zeitgenössischer orthodoxer und katholischer Denkansätze

  • Dr. Pavel Mikluscak (Professor an der Religionspädagogische Akademie Wien)
    Thema: Freiheit als das Thema des Zweiten Vatikanischen Konzils