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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Äthiopisch-Orthodoxe Kirche

  • Gläubigeca. 40 Millionen, fast ausschließlich in Äthiopien
  • SitzAddis Abeba (Äthiopien)
  • Diözesen47 Diözesen, davon 42 in Äthiopien, 2 in Europa und je eine im Nahen Osten (Jerusalem), in den USA und in Lateinamerika
  • StatusAutokephal
  • Ritusäthiopisch
  • LiturgiespracheGe´ez (alt-äthiopisch)
  • Kalenderjulianisch, mit einigen äthiopischen Besonderheiten
  • Titel des ErsthierarchenPatriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche

Äthiopisch-orthodoxer DiakonWohl keine andere Ostkirche strahlt auf Europäer so den Reiz des Exotischen aus wie die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche oder – ganz korrekt – die „Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche“ (“Tewahedo“ bedeutet „Einheit“ und unterstreicht so die göttliche und menschliche Natur in der Person Jesu Christi). Einige Besonderheiten sind die mikrotonale Kirchemusik, die Ikonen, auf denen die Menschen große offene Augen haben, liturgische Tänze und die runden Kirchenbauten. Die Kirche ist einen sehr eigenständigen Weg gegangen, der heute Zeugnis abgibt von einem genuin afrikanischen Christentum und von einer Kirche, die sich in unmittelbarer Nachfolge des biblischen Volkes Israel versteht.

Weitere Informationen über die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche

Der besondere Bezug der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche zum Alten Testament kommt dann zum Tragen, wenn man einen äthiopischen Gläubigen nach der Geschichte seiner Kirche fragt: Er wird höchstwahrscheinlich nicht mit der Eigentradition seiner Kirche beginnen, dass der in Äthiopien hoch verehrte Apostel Matthias ihnen den christlichen Glauben gebracht habe, sondern er wird zurückgehen bis zu König Menelik I., welcher einer äthiopischen Legende nach gezeugt wurde, als die Königin von Saba (welches mit Äthiopien gleichgesetzt wird) König Salomo in Jerusalem aufsuchte und dieser trickreich den anfänglichen Widerstand der Königin brechen konnte. Dieser Sohn König Salomos soll später seinem Vater die Bundeslade mit den Gesetzestafeln vom Sinai entwendet haben und sie an den äthiopischen Hof von Aksum gebracht haben, wo sie sich noch heute – streng bewacht von einem älteren äthiopischen Mönch – befinden sollen und verehrt werden. Interessant ist, dass, dieser häufig in Bildern zu sehenden berühmten Legende nach, König Salomo seinen Sohn Menelik I. mit Streitwagen nachgestellt haben soll bis dieser – wie Mose – unbeschadet durch das Rote Meer gezogen sei und Salomo dies als Willen Gottes deutete und ihn mit der Bundeslade ziehen ließ. Bis heute feiert die Äthiopische Kirche ein eigenes Fest zu Ehren der Bundeslade (Tabot-Fest) und neben der, der Tradition nach, originalen Bundeslade in Aksum (dem „Ur-Tabot“) findet sich heute im Zentrum jeder Kirche, wie bereits oben erwähnt, ein hölzerner Schrein (der Tabot), welcher als Allerheiligstes jedes Kirchenraums gilt. – Sakralisiert wurde die Gründungslegende der Äthiopischen Kirche erstmals durch den äthiopischen Kaiser Yekuno Amlak († 1283), der sich erstmals den Titel Der Löwe von Juda gab und sich als leiblicher Nachkomme Meneliks I. und damit auch von König Salomo und der Königin von Saba sah.

Tatsächlich muss man wohl davon ausgehen, dass es schon bereits ab dem sechsten Jahrhundert vor Christus zu einer sehr frühen jüdische Einwanderung ins äthiopische Hochland gekommen ist, die der historische Kern hinter dieser Legende sein könnte. Auch heute gibt es noch viele äthiopische Juden. Die zahlreichen jüdischen Elemente in der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche dürften ihren entscheidenden Impuls Ende des fünften Jahrhundert nach Christus empfangen haben, als das Christentum in Äthiopien bereits über 150 Jahre lang Staatsreligion war und syrische Mönche – wohl über den Weg der arabischen Halbinsel – ins Land kamen, missionarisch großen Erfolg hatten und dem äthiopischen Christentum sein spezifisches Gepräge gaben. Sie werden heute in der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche als die so genannten Neun römischen Heiligen hoch verehrt. Diese Mönche, die als Gegner der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) aus dem Oströmischen Reich fliehen mussten, bildeten wohl auch den Grundstock für das bis heute sehr lebendige äthiopische Mönchtum und verhalfen dem Alt-Äthiopischen (Ge´ez) zur Liturgie- und Literatursprache: Aus dem 6. Jahrhundert datiert die erste äthiopische Übersetzung des Neuen Testaments.

Da es für die Liturgie der Äthiopischen Kirche fast keine erhaltenen schriftlichen Zeugnisse aus dem ersten Jahrtausend gibt, spekuliert die Forschung bis heute, welcher Einfluss auf die äthiopische Liturgie der stärkere ist: jener der koptischen Mutterkirche oder jener der spätantiken syrischen Mission. In jüngster Zeit billigt die Forschung zunehmend dem syrischen Traditionsstrang ein größeres Gewicht zu.

Jurisdiktionell gesehen war die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche jedoch niemals Teil der Syrischen Kirche, sondern von ihrem Anbeginn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der Koptisch-Orthodoxen Kirche unterstellt, welche sich bis heute auch als Mutterkirche der Äthiopischen Kirche versteht. Als Schlüsseljahr dieser jurisdiktionellen Beziehung zwischen diesen beiden Kirchen kann das Jahr 332 ausgemacht werden: In diesem Jahr ernannte und weihte der große Kirchenvater und Patriarch von Alexandrien, Athanasius (292–373), den ehemaligen Sklaven Frumentius zum ersten Bischof der Äthiopier. Diese Tradition blieb bis ins Jahr 1959 bestehen: Das Oberhaupt der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche wurde jeweils vom Koptisch-Orthodoxen Patriarchen eingesetzt und geweiht, so dass die Äthiopische Kirche durch die Jahrhunderte hindurch de facto den Status einer Metropolie der Koptisch-Orthodoxen Kirche hatte. Diese enge Abhängigkeit der Äthiopischen Kirche von der Koptischen erklärt auch, warum die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche ebenfalls die Beschlüsse von Chalkedon (451) ablehnte.

Den Weg in die Selbständigkeit zu einer von der Koptischen Kirche völlig unabhängigen autokephalen Kirche verdankt die Äthiopische Kirche maßgeblich dem unermüdlichen Einsatz des äthiopischen Kaisers Haile Selassie (1930–1974), der auf dieses Ziel mit Nachdruck hinarbeitete. Es gelang ihm, dass 1951 der Koptische Patriarch erstmals einen Äthiopier, nämlich Abuna Baselios, zum Oberhaupt der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche ernannte. 1959 schließlich konnte Kaiser Haile Selassie erreichen, dass die Koptisch-Orthodoxe Kirche offiziell die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche anerkannte; mit der jurisdiktionellen Trennung dieser beiden Orientalisch-Orthodoxen Kirchen wurde zugleich Abuna Baselios vom Rang eines Erzbischofs in den eines Patriarchen erhoben. Seit dieser Zeit erst führt das Oberhaupt der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche den Titel Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche.

Bis zur jahrzehntelangen Ära des Staatskirchentums unter Kaiser Haile Selassie sind nur einige Etappen in der Kirchengeschichte Äthiopiens kurz stichwortartig zu nennen: Ab dem 8./9. Jahrhundert sah sich die Äthiopische Kirche einem zunehmenden Islamisierungsdruck ausgesetzt. Im Gegensatz zu ihrer Koptischen Mutterkirche, die in Ägypten zu einer Minderheitskirche in einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung wurde, schaffte die Äthiopische Kirche ab 1270 mit der so genannten Wiedereinsetzung der Salomonischen Dynastie unter Kaiser Yekuno Amlak eine Renaissance des kirchlichen Lebens und der theologischen Literatur in Äthiopien, welche dazu führte, dass die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche bis heute als Mehrheitskirche in Äthiopien einen volkskirchlichen Charakter hat. Neben der Armenisch-Apostolischen Kirche in Armenien ist sie damit die einzige Kirche der Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie die bis heute maßgeblich der Identitätsträger einer ganzen Nation ist.

Im 16. Jahrhundert kamen die Portugiesen ins äthiopische Hochland, was einerseits eine Befreiung von der muslimischen Vorherrschaft bedeutete, andererseits aber neue Fremdansprüche mit sich brachte, nämlich die äthiopischen Christen zu einer Union mit Rom zu bewegen – jedoch letztendlich relativ erfolglos. Nach der Vertreibung der Europäer aus Äthiopien erfolgte ab dem 18. Jahrhundert bis weit hinein ins 19. Jahrhundert das Zeitalter der streitenden Prinzen, in der es keine Zentralgewalt in Äthiopien gab, sondern Militärkommandeure und so genannte „Richter“ (Mesafent) die staatliche Autorität ausübten. Erst Kaiser Menelik II. (1889–1913) gelang es, Äthiopien wieder unter einer Herrschaft zu vereinen. Er errichtete auch die neue Hauptstadt Addis Abeba, in der heute der Äthiopische Patriarch seinen Sitz hat. Die Europäer versuchten jedoch noch einmal Äthiopien in ihre Gewalt zu bringen, als die Italiener 1889 zunächst die nördliche Provinz Eritrea – heute ein eigener souveräner Staat – und 1936 schließlich sogar ganz Äthiopien besetzten, bis Kaiser Haile Selassie 1941 das Land – mit britischer Hilfe – wieder befreien konnte. Es folgte eine Zeit des erwachenden Nationalbewusstseins in Äthiopien, in dessen Kontext auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Äthiopischen Kirche von ihrer Koptischen Mutterkirche einzuordnen sind.

Unter der langen Herrschaft Kaiser Haile Selassies, des Löwen von Juda und letzten Vertreter der wieder eingesetzten Salomonischen Dynastie wurde die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche zur Staatskirche Äthiopiens und erfuhr von staatlicher Seite vielfältige Förderungen. Kaiser Haile Selassie ist es auch namentlich zu verdanken, dass sich 1965 zum ersten Mal alle Ersthierarchen der Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie (Kopten, Syrer, Armenier, Malankaren und Äthiopier) zu einem Gedankenaustausch in Addis Abeba trafen.

Die Lage wendete sich für die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche um 180 Grad, als 1974 der greise Kaiser Haile Selassie von seinen eigenen Militärs unter der Führung von Major Mengistu gestürzt wurde. Mengistu Haile Mariam errichtete ein marxistisch-leninistisches Regime, das einen religiös neutralen Staat wollte und sogar einen dezidiert atheistischen Staat als Endziel anstrebte. Bereits 1975 wurde sämtlicher kirchlicher Grundbesitz enteignet, von dessen Bewirtschaftung die Priester und Klöster bislang gelebt hatten, so dass sie von nun an auf die Spenden der Gläubigen angewiesen waren. Das Mengistu-Regime schreckte in manchen Regionen des Landes auch nicht vor einer systematischen Christenverfolgung zurück, wobei es das heutige Eritrea am schlimmsten traf. Im Mai 1991 wurde nach 17-jähriger sozialistischer Zwangsherrschaft das Mengistu-Regime gestürzt und die Demokratische Republik Äthiopien ausgerufen. Durch die starke Solidarisierungsbewegung der Gläubigen mit ihrem Klerus in dieser schwierigen Epoche ging die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche jedoch gestärkt statt geschwächt daraus hervor und bildet heute eine der wichtigsten und stabilsten Größen in der äthiopischen Gesellschaft.

Auch wenn die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche heute eine vitale und prosperierende Glaubensgemeinschaft ist, die sich in Freiheit entfalten kann, so sind doch die Herausforderungen für sie am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht gerade wenige: Zum einen ringt sie um versöhnte Beziehungen zu ihrer Mutterkirche, der Koptisch-Orthodoxen Kirche, und zu ihrer Tochterkirche, der Eritreisch-Orthodoxen Kirche, welche immer noch schwer belastet sind, seitdem die Koptische Kirche im Juni 1994 die Eritreische Kirche – ohne Rücksprache mit der Äthiopischen Kirche – für autokephal erklärte und deren erste fünf Bischöfe weihte. Zum anderen sieht sich die Äthiopische Kirche zunehmend mit dem Phänomen der Globalisierung konfrontiert: Ihre Gläubigen leben längst nicht mehr nur in Äthiopien, sondern sind mittlerweile auf allen Erdteilen dieser Welt zu Hause; ein Aufbau von adäquaten seelsorgerlichen Strukturen in der Diaspora wird daher eine der großen Aufgaben in der nahen Zukunft sein. Damit einhergehend wird die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche immer mehr Teil des innerchristlichen ökumenischen Gesprächs vor Ort, so dass sie lernen muss, ihren enormen Schatz an kirchlicher, spiritueller und theologisch-liturgischer Tradition auch für den ökumenischen Austausch in der westlichen Welt fruchtbar zu machen.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB