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Griechisch-orthodoxes Patriarchat von Antiochien

  • Gläubigeca. 750.000 Gläubige im Libanon, Syrien, Irak, Iran und in der weltweiten Diaspora (vor allem USA, Lateinamerika und Australien)
  • SitzDamaskus (Syrien)
  • Diözesen26 (Erz-)Diözesen, vor allem in Syrien und im Libanon, außerdem im Irak, in den USA (7) und in Lateinamerika (5)
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheArabisch
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenRum-Orthodoxer Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient
  • e-mailinfo@antiochpat.org

„Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Antiochien“ ist eine konfessionskundliche durchaus richtige Bezeichnung für die autokephale Orthodoxe Kirche von Antiochien. Als „Griechisch-Orthodoxe“ Patriarchate werden auch die autokephalen Kirchen von Konstantinopel, Alexandrien und Jerusalem bezeichnet. Die sogenannten vier griechisch-orhodoxen Patriarchate, die in der Osthälfte des römischen Reichsgebietes lagen, bildeten zusammen die Reichskirche. Entgegen der anderen Patriarchate hören die Gläubigen der Kirche von Antiochien die Bezeichnung „Griechisch-Orthodox“ nur ungern. Sie ziehen die Bezeichnung „Rum-Orthodox“ vor.

Weitere Informationen über das Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Antiochien

Rum-urthudhuks ist Arabisch und die gängige Selbst-Bezeichnung für die drei in der arabischen Welt liegenden Orthodoxen Patriarchate von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Das arabische Wort rum ist ein Lehnwort aus dem Griechischen: rhomaios, also „Römisch“, womit das „Neue Rom“, Konstantinopel, gemeint ist. Während aber die Orthodoxen Alexandriens und Jerusalems rum-urthudhuks stets mit „Griechisch-Orthodox“ übersetzen, ziehen es die Antiochener vor, das Wort in nichtarabischen Texten als terminus technicus unübersetzt zu lassen. Damit dokumentieren sie ihr Selbstverständnis als arabischsprachige autokephale Orthodoxe Kirche. Im Gegensatz nämlich zu Alexandrien und Jerusalem, deren Patriarchenstühlen mit Griechen besetzt sind, sitzt seit 1899 auf dem Stuhl von Antiochien ein Araber. Auch werden sämtliche Gottesdienste des Patriarchats (Göttliche Liturgie, sakramentliche Feiern und die Gebetshoren) in arabischer Sprache gefeiert.

Das betont arabische Selbstbewusstsein der Rum-Orthodoxen Kirche hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert, als es auf kulturellem, literarischem und politischem Gebiet zu der so genannten „arabischen Renaissance“ (an-nahda) kam, die zu einer Emanzipation gegenüber der türkischen Herrschaft führte. Die Nahda entwickelte die Idee einer „arabischen Nation“, die in einem laizistischen Staatswesen organisiert sein sollte, in dem Muslime wie Christen gleiche staatsbürgerliche Rechte wie Pflichten zukämen. Die Nahda wurde maßgeblich durch die rum-orthodoxe Intelligenz getragen.

Das derzeitige Erstarken islamistischer Bewegungen in der arabischen Welt, die Arabisch-Sein mit Muslimisch-Sein identifizieren, ist eine Quelle für große Besorgnis, die allenthalben unter den arabischen Christen der Region greifbar ist. Immer mehr rum-orthodoxe Christen emigrieren: Während ihre Zahl im Nahen Osten stetig abnimmt, wächst ihre Zahl in der Diaspora. Bereits jeder dritte Rum-Orthodoxe lebt heute auf dem amerikanischen Kontinent.

Gerade weil die christliche Präsenz im Nahen Osten bedroht ist, ist es wichtig, an das reiche Erbe des Rum-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien zu erinnern. Antiochia am Orontes – das heute im Südosten der Türkei gelegene Antakya – ist um 300 v. Chr. von den Seleukiden gegründet worden und entwickelte sich rasch zu einer der wichtigsten Handelsmetropolen des Römischen Weltreiches: Nur Rom und Alexandrien übertrafen sie an Größe. Stolz sind die Christen der Kirche von Antiochien darauf, dass Antiochien der Überlieferung nach der erste Bischofssitz des Apostels Petrus gewesen ist, noch lange bevor er Bischof von Rom wurde. Doch die Kirche von Antiochien ist nicht nur eine petrinische Gründung, sondern hier nannte man die Anhänger Jesu auch zum ersten Mal „Christen“ (vgl. Apg 11,26).

Antiochiens herausragender politischen und kirchlichen Bedeutung wurde auch auf dem Ökumenischen Konzil von Nikaia (325) Rechnung getragen. Gemäß Kanon 6 dieses Konzils hat das Patriarchat von Antiochien nach den Sitzen von Rom und Alexandrien die gleichen Würden. Ihm wurden die Christen des gesamten östlichen Teils des Römischen Reiches unterstellt und darüber hinaus auch alle christlichen Gemeinden jenseits der römischen Ostgrenzen. Dazu gehörte im 4. Jahrhundert die Kirchen in Syrien, Palästina, Zypern, Armenien, Georgien und Persien. In der Folgezeit verringerte sich jedoch der Einflussbereich des Patriarchats von Antiochien sehr rasch: Auf dem Konzil von Ephesus (431) erlangte die Kirche von Zypern ihre Selbständigkeit und auf dem Konzil von Chalkedon (451) wurde das Patriarchat von Jerusalem ausgegliedert. Durch die politisch instabile Lage in Armenien, Georgien und Persien aufgrund der beständigen Sassaniden-Einfälle verlor Antiochien seine Einflussmöglichkeiten auch auf die Christen in diesen Gebieten, die in der Folgezeit ihre eigenen Wege gingen.

Antiochien war in der frühen Kirche ein Mittelpunkt theologischen Denkens, welcher der Theologenschule von Alexandrien um nichts nachstand. Viele Glaubensaussagen der ersten Jahrhunderte wurden gerade im Dialog zwischen den oftmals unterschiedlichen Positionen dieser beiden theologischen Zentren errungen. Zu den berühmtesten Köpfen der antiochenischen Schule gehören wohl Johannes Chrysostomus, der von 398 bis 404 Patriarch von Konstantinopel war, und Nestorius, der ihm auf diesem Patriarchenstuhl in den Jahren 428 bis 431 nachfolgte. Während Johannes Chrysostomus als Kirchenlehrer bis heute in der gesamten Christenheit höchstes Ansehen genießt, wurde Nestorius auf dem Ökumenischen Konzil von Ephesus 431 als Irrlehrer verurteilt, da er Maria nur als Christotokos („Christus-Gebärerin“) verehrte, ihr aber absprach Theotokos („Gottes-Gebärerin“) zu sein.

Ähnlich wie in Alexandrien kam es im Zuge der Auseinandersetzung um die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) zur Spaltung der Kirche von Antiochien: Die Mehrheit der Gläubigen, welche die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon ablehnten, gingen ihren Weg als „Nationalkirche“ weiter, nämlich in der heutigen Syrisch-Orthodoxen Kirche, die konfessionskundlich gesehen zu den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen gehört. Eine Minderheit trug die christologischen Entscheidungen von Chalkedon jedoch mit und bekannte sich damit zugleich zum Verbleib bei der „Reichskirche“. Diese „kaisertreuen“ Christen leben im Rum-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien fort, das konfessionskundlich gesehen zur Orthodoxie gehört. – Beide Kirchen hatten in dieser frühen Zeit eine sie noch verbindende Liturgie: die westsyrische, die sich jedoch nur in der Syrisch-Orthodoxen Kirche bis heute erhalten hat, während in der Griechisch-Orthodoxen Kirche ab dem 10. Jh. die westsyrische Liturgie schrittweise durch die byzantinische ersetzt wurde.

Eine große Erschütterung für die Christen des Patriarchats von Antiochien war das 7. Jahrhundert: Zunächst eroberten die Perser das Gebiet bis zur Mittelmeerküste und verdrängten die byzantinischen Herrscher, dann folgten kurz nach ihnen die muslimischen Araber, die 637 Antiochia eroberten. 661 wurde Damaskus zur Hauptstadt des Omajjaden-Großreichs. Der Arabisierungs- und Islamisierungsdruck auf die griechisch-orthodoxen Christen wuchs enorm, so dass nicht wenige Christen zu der neuen Religion konvertierten. Ab dem 8. Jahrhundert konnte der Patriarchenstuhl von Antiochien daher auch lange Zeit nicht besetzt werden.

969 wird Antiochien vom byzantinischen Kaiser Johannes I. wieder zurückerobert, was für das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat eine Zeit der Restituierung einläutete. Diese Ruhephase währte aber nicht sehr lange, da schon Ende des 11. Jahrhunderts Antiochia von den Seldschuken eingenommen wurde, die wiederum 1098 von den Kreuzfahrern besiegt und abgelöst wurden. Im nun neu errichteten Lateinischen Fürstentum Antiochia musste der Griechisch-Orthodoxe Patriarch ins Exil nach Konstantinopel gehen und der Patriarchenstuhl wurde mit einem Lateiner besetzt, ebenso wie viele Bischofsstühle des Patriarchats.

1268 wurde Antiochia schließlich von den ägyptischen Mameluken erobert, die die lateinische kirchliche Hierarchie beseitigten. 1269 konnte der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochien – dank des Verhandlungsgeschicks des byzantinischen Kaisers mit den Mameluken – sein Exil in Konstantinopel verlassen und seine Residenz wieder in Antiochien nehmen. Im 14. Jahrhundert verlegte der Patriarch von Antiochien jedoch sein Sitz nach Damaskus, da aufgrund vieler Erdbeben Antiochia einerseits stark beschädigt war und es andererseits immer mehr zu einer bedeutungslosen Kleinstadt, fern des politischen Zentrums Damaskus, herabgesunken war.

1517 löste eine Fremdherrschaft die nächste ab: Die osmanischen Türken brachten das Gebiet unter ihre Gewalt und unterstellten – gemäß ihrem Millet-System – alle Orthodoxen dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochien verlor seine Selbständigkeit und unterstand nunmehr dem Ökumenischen Patriarchen. Dieser besetzte ab 1724 den Patriarchenstuhl von Antiochien ausschließlich mit Griechen, wie auch die überwiegende Mehrzahl der Bischofsstühle. Die daraus resultierenden Spannungen zwischen der in der kirchlichen Hierarchie repräsentierten griechischsprachigen Minderheit und der nicht vertretenen Mehrheit der arabischsprachigen Gläubigen konnten ab 1899 überwunden werden, als erstmals ein Araber zum Griechisch-Orthodoxen bzw. Rum-Orthodoxen Patriarchen von Antiochien gewählt wurde.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war für die Rum-Orthodoxe Kirche von Antiochien eine beschwerliche aber letztendlich zum Guten führende Zeit: Die Rum-Orthodoxen Patriarchen mussten die griechisch- und arabischsprachigen Gläubigen und vor allem den gemischtsprachigen Klerus miteinander versöhnen, wobei es ihnen gelang, eine dezidiert arabische Identität ihrer Kirche aufzubauen und gleichzeitig die Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel zu normalisieren. Heute sind die Beziehungen zwischen Konstantinopel und Antiochien von einem positiven und freundschaftlichen Klima geprägt.

In den 1940-er Jahren kam es zu einer wahren Renaissance des kirchlichen Lebens der Rum-Orthodoxen Kirche, die ihre Wurzeln in der kirchlichen Jugendbewegung hatte. Das Patriarchat von Antiochien gehört zu den Gründungsmitgliedern des 1948 gegründeten Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und kann zu Recht als eines der größten Promotoren des ökumenischen Dialogs von orthodoxer Seite bezeichnet werden.

Sein geistliches und wissenschaftliches Zentrum hat die Rum-Orthodoxe Kirche in Balamand nahe Tripoli im Libanon: Dort befindet sich neben dem großen Kloster auch die Rum-Orthodoxe Theologische Fakultät.

Wenn auch die rum-orthodoxen Christen in Syrien die größte christliche Gruppe bilden und sie im Libanon zu den Eliten des Landes zählen und gemäß der Verfassung den stellvertretenden Parlamentspräsidenten stellen, kann man nicht darüber hinwegsehen, dass das Alltagsleben vieler ihrer Gläubigen – vor allem im Irak und im Iran und durch die „Arabellion“ aber auch zunehmend in Syrien – von großer Unsicherheit und Angst vor der Zukunft bestimmt ist. Nicht wenige haben sich daher eine neue Existenz im Exil aufgebaut.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB