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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Armenisch-Apostolische Kirche

  • Gläubigeca. 7 Millionen, davon fast zwei Drittel in der weltweiten Diaspora außerhalb Armeniens
  • SitzEtschmiadzin (Armenien)
  • Diözesen42 Diözesen im Katholikosat von Etschmiadzin (9 in Armenien, 15 in Europa, 7 in Amerika, je 3 in Afrika und im Nahen Osten, 4 im Fernen Osten und 1 in Australien); 10 Diözesen, 3 Prälaturen und 1 Vikariat im Katholikosat von Kilikien; das Patriarchat von Jerusalem und das Patriarchat von Konstantinopel
  • StatusAutokephal
  • RitusArmenisch
  • LiturgiespracheGrabar (alt-armenisch)
  • KalenderGregorianisch (im Armenischen Patriarchat von Jerusalem: julianisch)
  • Titel des ErsthierarchenOberster Patriarch und Katholikos aller Armenier

Bild des Chor Virap in ArmenienDie Armenier dürfen von sich behaupten, das älteste christliche Staatsvolk der Welt zu sein. Während in weiten Teilen West- und Mitteleuropas, die in unseren Tagen gerne mit dem sogenannten christlichen Abendland identifiziert werden, der christliche Glaube noch nicht vorgedrungen war, erhob der armenische König Trdat III. im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion. Die Bekehrung des Königs wird Gregor Lusaworitsch dem Erleuchter zugeschrieben. Kirchlicher Tradition nach sollen jedoch schon im 1. Jahrhundert die beiden Apostel Judas und Thaddäus das Christentum nach Armenien gebracht haben, daher bezeichnet sich die Kirche selbst als Armenisch-Apostolische Kirche.

Weitere Informationen über die Armenisch-Apostolische Kirche

Gregor Lusaworitsch wurde 314 von Leontios von Caesarea in Kappadokien zum ersten Bischof der jungen Kirche geweiht und unterstellte sie zunächst dem byzantinischen Einflussbereich. Wenig später kam es aber auch zu starken syrischen Einflüssen auf die Kirche von Armenien, besonders im Süden von Antiochien aus. Die in manchen älteren konfessionskundlichen Werken zu findende Bezeichnung Gregorianische Kirche, die auf Gregor den Erleuchter abhebt, ist eine westliche Fremdbenennung, die vermieden werden sollte.

406 schuf der Mönch Mesrop Mashtoz ein eigenes armenisches Alphabet, wodurch der Grundstein für zahlreiche Übersetzungen liturgischer und biblischer Texte in eine armenische Schriftsprache gelegt wurde. Es entwickelte sich eine eigene armenische Literatur. Viele philosophische und literarische Werke der Griechen, Kopten und Syrer wurden ins Armenische übersetzt und manche dieser Werke sind heute nur noch in ihrer armenischen Übersetzung erhalten. Am bekanntesten unter ihnen ist das so genannte Armenische Lektionar von 430, dessen griechische Vorlage verschollen ist und dem eine zentrale Bedeutung für die Erforschung des Festkalenders der Kirche von Jerusalem zukommt.

Nicht zuletzt die eigene Schrift trug maßgeblich dazu bei, dass die Armenische Kirche eine eigene unverwechselbare Identität ausformte, obwohl sie im persischen Sassanidenreich, in das Armenien Ende des 4. Jahrhunderts einverleibt worden war, stark unter den zunehmenden Einfluss des Christentums in seiner ostsyrischen Tradition geriet. Die Armenische Kirche konnte sich auch im Sassanidenreich eine selbständige Kirchenstruktur unter der Führung eines obersten Bischofs bewahren, für den sich seit dem 7. Jahrhundert der Titel Katholikos durchsetzte.

Am Konzil von Chalkedon (451) konnten lediglich vier armenische Bischöfe aus dem äußersten westlichen Gebiet teilnehmen: Der großen Mehrheit der armenischen Bischöfe war eine Teilnahme hingegen nicht möglich, da in dieser Zeit sie so genannten Vardan-Kriege um Armeniens Unabhängigkeit gegenüber Persien tobten. Dieses Kriegsgeschehen schnitt den Großteil des armenischen Gebiets vom Römischen Reich ab, so dass die Armenische Kirche zwangsisoliert war von den kirchlichen Entwicklungen, die im Imperium Romanum in dieser Zeit vor sich gingen.

506 fand am Sitz des Armenischen Katholikos in Dwin (20 km südlich der heutigen armenischen Hauptstadt Eriwan gelegen) ein Konzil aller armenischen Bischöfe statt, an dem auch 24 Bischöfe der Georgischen Kirche teilnahmen, mit der die Armenische Kirche zu dieser Zeit noch sehr eng durch eine gesamtkaukasische Tradition verbunden war. Auf diesem 1. Konzil von Dwin wurde die Lehre des Nestorianismus verurteilt und damit die Lehren des Konzils von Ephesus (431) bestätigt. Diese Entscheidung bedeutete einen Bruch mit der Ostsyrischen Kirche, der bedeutendsten Kirche im Sassanidenreich.

Auf dem 2. Konzil von Dwin (555) erließ die Armenische Kirche schließlich am 21. März eine Erklärung, die die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) verurteilte, wodurch sich die Armenische Kirche von der Römischen Reichskirche trennte. 610 kam es dann zum offiziellen Bruch zwischen der Georgischen Kirche – welche die Beschlüsse von Chalkedon annahm – und der Armenischen Kirche: Seither zählt die Georgische Orthodoxe Kirche zur byzantinischen Orthodoxie, während die Armenisch-Apostolische Kirche zu der Kirchenfamilie der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen gehört, obgleich es in ihrer Geschichte nicht an Unionsversuchen zuerst mit der Griechischen und später mit der Römischen Kirche mangelt. Jeder dieser Unionsversuche mit Konstantinopel oder Rom provozierte aber zugleich ein Hauatarmat in der Armenischen Kirche, das heißt eine Besinnung auf die „Wurzel des Glaubens“, zu dem wesentlich die Verurteilung des Chalkedonense gehörte.

Ab dem 7. Jahrhundert wurde Armenien zum politischen Spielball wechselnder nichtchristlicher Herrscher. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts besetzten zunächst die Araber Armenien, bevor sie zu Beginn des 11. Jahrhunderts von den Seldschuken vertrieben wurden, die ihrerseits im 13. Jahrhundert den mongolischen Heeren weichen musste. Diese wechselnden Fremdherrschaften verwandelten Armenien zu einem dauernden Kriegsschauplatz und zwangen den Katholikos zu einer häufigen Verlegung seines Sitzes: Neben der Anfang des 7. Jahrhunderts erbauten Residenz Etschmiadzin („Der Eingeborene ist herabgestiegen!“) in der alten nördlichen Königsstadt Vagharschapat, dienten zeitweise auch die Festungen von Dwin, Van, Aghtamar und Ani als Residenzstädte des Katholikos.

Durch den Einfall der seldschukischen Türken wichen die Armenier zur östlichen Mittelmeerküste aus, wo 1080 das Fürstentum von Kilikien gegründet wurde, das 1198 vom Römischen Kaiser zum Königreich Kilikien (so genanntes Klein-Armenien) erhoben wurde. Ab 1292 wurde Sis (heute Kozan in der Türkei), die Hauptstadt des Kilikischen Königreichs, Sitz des Armenischen Katholikos.

In dieser Zeit suchte die Armenische Kirche den Schulterschluss mit Rom, da sie auf militärische Hilfe gegen die immer weiter nach Norden vordringenden ägyptischen Mameluken hoffte. Zeitweise wurde auf einer Synode in Sis 1307 sogar eine Union mit der Römischen Kirche beschlossen, die aber auf einer nachfolgenden Synode in Sis 1361 jedoch widerrufen wurde. Die erhoffte militärische Hilfe blieb aus und 1375 konnten die Mameluken endgültig Klein-Armenien erobern. Viele Armenier flohen nach Europa.

Neben dem Katholikosat von Kilikien gab es ab 1113 ein eigenes Katholikosat auf der Insel Aghtamar im Van-See, das den Annäherungskurs der Armenischen Kirche gegenüber Rom ablehnte. Dieses Katholikosat existierte in ununterbrochener Sukzession bis 1895. Durch die blutigen Pogrome von 1894–1896 gegen die christlichen Armenier vonseiten der türkischen Osmanen, in denen 300.000 Armenier ermordet wurden, wurde das Katholikosat von Aghtamar unwiederbringlich ausgelöscht.

Auch nach dem Untergang des Königreichs Kilikien durch die Mameluken blieb Sis weiterhin der Sitz des Armenischen Katholikos des Großen Hauses von Kilikien. Auch als Kilikien 1516 unter osmanische Herrschaft fiel, konnte das Katholikosat in Sis fortbestehen. Aufgrund des Untergangs des Kilikischen Königreichs und des Dekrets Exultate Deo 1439 auf dem Konzil von Ferrara-Florenz über eine Union mit den Armeniern, befürwortete ein großer Teil der Armenier die Verlegung des Katholikosats 1441 von Sis zurück an seinen alten Sitz nach Etschmiadzin. Da aber ein Teil der Armenier in Kilikien diese Übersiedelung ablehnten, kam es zur Entstehung zweier getrennter Katholikosate in Etschmiadzin und Sis, die bis heute in ununterbrochener Sukzession bestehen.

Durch die Errichtungen der beiden Patriarchate von Jerusalem (1311) und Konstantinopel (1461) stellte sich die kirchliche Situation der Armenisch-Apostolischen zu Beginn der Neuzeit relativ komplex dar, da drei Katholikosate (Etschmiadzin, Kilikien, Aghtamar) und zwei Patriarchate (Jerusalem, Konstantinopel) bestanden, deren jeweilige jurisdiktionellen Zuständigkeiten sich erst im Laufe der Zeit klären konnten. Verstehbar wird diese Entwicklung jedoch nur vor dem beständigen politischen Druck, der auf die Armenische Nation und Kirche von außen ausgeübt wurde und der immer wieder zu Unterdrückungen und blutigen Verfolgungen geführt hat. So muss man etwa bedenken, dass Sis und der Westen Armeniens unter der Besatzung des Osmanischen Großreichs standen, während Etschmiadzin und der Osten Armeniens der Herrschaft des Persischen Reichs unterworfen waren. Ohne das einigende Band der Armenischen Kirche wäre wahrscheinlich das armenische Volk nach Verlust seiner politischen Unabhängigkeit zwischen den feindlichen politischen Blöcken zerrieben worden. Die Armenisch-Apostolische Kirche hat dem armenischen Volk einen Lebensraum geschaffen, der ihm oft verweigert wurde.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann für die Armenische Kirche und die armenische Nation die schwärzeste Periode in ihrer Geschichte: Die zunehmenden Repressionen im Osmanischen Reich gegen die Armenier gipfelten 1894–1896 in eine erste Welle blutiger Pogrome, in denen 300.000 Armenier ermordet wurden. Die türkischen Machthaber reagierten damit brutal auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Armenier. Als sich in Kilikien die Pogrome in den Massakern von 1909 wiederholten, verlegte der Katholikos von Kilikien 1915 zunächst seinen Sitz von Sis nach Aleppo und von dort aus 1930 nach Antelias bei Beirut in den Libanon. 1914/15 kam es schließlich zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts: In Anatolien wurden 1,5 Millionen christliche Armenier ermordet. Bis auf eine kleine Kolonie in Istanbul wurden alle Armenier aus dem heutigen türkischen Staatsgebiet vertrieben oder flohen in die weltweite Diaspora: Europa, Amerika, Syrien und der Libanon waren die Hauptziele.

Die Repressionen setzten sich für die Armenisch-Apostolische Kirche in der Sowjetunion fort. Erst nach dem Tode Stalins konnte der Armenische Katholikos von Etschmiadzin Vasken I. das kirchliche Leben in der damaligen Sowjetrepublik Armenien schrittweise stabilisieren und erneuern. Mit der staatlichen Unabhängigkeit der Republik Armenien am 21. September 1991 konnte sich die Armenische Kirche in Armenien wieder frei entfalten und gewann ihre führende Stellung zurück.

Der Katholikos von Etschmiadzin trägt den Titel Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier, wodurch seine Vorrangstellung in der Armenisch-Apostolischen Kirche zum Ausdruck kommt. Er ist Oberhaupt von etwa sieben Millionen Gläubigen in Armenien selbst und in der weltweiten Diaspora. In der 1869 gegründeten Georgian-Akademie in Etschmiadzin befindet sich auch die wichtigste Ausbildungsstätte für den Priesternachwuchs der Armenisch-Apostolischen Kirche. Das hervorragende Ausbildungsniveau der Armenischen Kirche trägt maßgeblich dazu bei, dass armenische Bischöfe und Theologen eine führende Rolle im ökumenischen Gespräch einnehmen.

Dem Katholikos des Großen Hauses von Kilikien mit Sitz in Antelias im Libanon kommt die jurisdiktionelle Oberhoheit über alle Gläubigen der Armenisch-Apostolischen Kirche im Libanon, Syrien und auf Zypern zu. In der Zeit des Kalten Krieges errichtete dieses Katholikosat aber auch in der weltweiten Diaspora Parallelstrukturen zu den Diözesen und Gemeinden des Katholikosats von Etschmiadzin. Durch die Wahl des vormaligen Katholikos Karekin II. von Kilikien zum Katholikos von Etschmiadzin 1995 scheint aber die Entflechtung dieses Problems Fortschritte zu machen. Das Katholikosat von Antelias bildet seinen Klerus in einer eigenen Akademie aus, die 1930 in Bikfaya im Libanon gegründet wurde.

Das Armenische Patriarchat von Jerusalem ließen 1311 die ägyptischen Mameluken errichten. Seit dieser Zeit kann es eine ungebrochene Sukzession nachweisen und genießt den Status einer autonomen Kirche unter der Jurisdiktion des Katholikosats von Etschmiadzin. Sein Jurisdiktionsgebiet umfasst die Länder Israel und Jordanien und die Palästinensischen Autonomiegebiete. Die Zahl der Gläubigen in diesen Gebieten beträgt zwar nur etwa 4.000, von denen allein 1.500 im Armenischen Viertel der Jerusalemer Altstadt leben, in dessen Zentrum auch der Sitz des Patriarchats liegt, aber an dieser Zahl allein ist die Bedeutung dieses Patriarchats für die Armenisch-Apostolische Kirche nicht zu ermessen. Für viele westlichen Christen führt meistens eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zur ersten Begegnung mit der Armenisch-Apostolischen Kirche, was daran liegt, dass die Armenische Bruderschaft vom Heiligen Grab neben der Griechisch-Orthodoxen Bruderschaft und den Franziskanern einer der drei Hüter der Heiligen Stätten ist: So begegnet man armenischen Mönchen und armenischer Liturgie nicht nur in der Anastasis, der Grabeskirche, sondern auch in der Geburtsbasilika in Betlehem, im Mariengrab im Kidrontal und in der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg. Seit 1925 bildet das Patriarch seinen eigenen Priesternachwuchs in einer sehr renommierten theologischen Bildungsstätte in der Jerusalemer Altstadt aus: Die Schüler und Studenten kommen aus der ganzen Welt. Große Bedeutung besitzt auch die Bibliothek des Armenischen Patriarchats von Jerusalem, die unter anderem 4.000 alte armenische Handschriften besitzt. Während die Armenisch-Apostolische Kirche in der ganzen Welt den gregorianischen Kalender übernommen hat, folgt das Patriarchat von Jerusalem aus historischen Gründen weiterhin dem julianischen Kalender.

Das Armenische Patriarchat von Konstantinopel ließ 1461 der türkische Sultan als Gegenpol zum Griechisch-Orthodoxen Patriarchat von Konstantinopel errichten. Es kann wie das Patriarchat von Jerusalem ebenfalls auf eine ungebrochene Sukzession zurückblicken und genießt gleich diesem einen autonomen Status unter der Jurisdiktion des Katholikosats von Etschmiadzin. Sein Jurisdiktionsgebiet umfasst die Türkei und die Insel Kreta. Durch den Genozid an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts beträgt die Gesamtzahl seiner Gläubigen in der Türkei nur noch 70.000. Das Armenische Patriarchat von Konstantinopel befindet sich rechtlich in einer ähnlich prekären Situation wie das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel. So schloss der türkische Staat 1969 die – erst 1953 errichtete – theologische Ausbildungsstätte des Patriarchats, die bislang nicht wiedereröffnet werden konnte. Auch verlangt die Türkei, dass ausschließlich ein Armenier mit türkischer Staatsbürgerschaft zum Armenischen Patriarchen gewählt werden darf. Als größte Belastung erweist sich für die Armenier in der Türkei jedoch, dass der türkische Staat den Genozid an den Armeniern weiterhin beharrlich leugnet und sich einer vorurteilsfreien historisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung der damaligen Ereignisse verweigert. Viele junge Armenier bemühen sich jedoch dieses Thema als „Nachgeborene“ mit den Türken ihrer Generation neu zur Sprache zu bringen, ohne dabei gegenseitige Schuldzuweisungen zu verbinden.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB