Pro Oriente Logo

Wenn wir uns nicht bald
einig werden, gehen wir
gemeinsam unter.

Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Kirche von Griechenland

  • Gläubigeca. 10 Millionen (ausschließlich in Griechenland)
  • SitzAthen (Griechenland)
  • Diözesen81, einschließlich 36 Diözesen in den „Neuen Ländern“, die formell dem Ökumenischen Patriarchat unterstehen
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheGriechisch
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenErzbischof von Athen und ganz Griechenland
  • e-mailcontact@ecclesia.gr

Die Kirche von Griechenland gehört zum „apostolischen Urgestein“ des Christentums: Der Apostel Paulus wirkte sowohl in Philippi als auch in Saloniki (Thessaloniki), Athen und Korinth. Das Neue Testament ist überreich an Zeugnissen über die ersten christlichen Gemeinden auf heutigem griechischen Boden. In diesem Gebiet wurden vermehrt Nicht-Juden zum christlichen Glauben bekehrt, was die junge Kirche vor ihre erste große Inkulturationsaufgabe stellte, die nicht ohne Bewältigung von ernst zu nehmenden Konflikten gelöst werden konnte.

Weitere Informationen über die Kirche von Griechenland

Trotz den Herausforderungen dieser jungen Gmeinde konnte schließlich ein konstruktives Miteinander von Juden-Christen und Heiden-Christen errungen werden, woraus sich eine fruchtbare Missionstätigkeit entfalten konnte: Nicht nur Jerusalem – und damit das Judentum – sondern auch Athen – und damit die hellenistische Philosophie – ist ein Eckstein für die christliche Theologie geworden!

Die heutige autokephale Orthodoxe Kirche von Griechenland – auch als Kirche von Hellas in der Fachliteratur zu finden – hat hingegen eine relativ junge Geschichte: Ihre Anfänge liegen erst im Beginn des 19. Jahrhunderts. In den ersten Jahrhunderten war der Metropolit von Thessaloniki für das griechische Gebiet verantwortlich, ab dem 5. Jahrhundert übte er diese Funktion als Vikar des römischen Papstes aus. Im Zuge des Bilderstreits des 8. Jahrhunderts unterstellte der Oströmische Kaiser Leon III. das gesamte Gebiet Ostillyriens und Griechenlands dem Patriarchen von Konstantinopel. An dieser Zuständigkeit änderte sich über 1000 Jahre nichts, auch nicht während der osmanischen Herrschaft.

Eine Zäsur bildete der panhellenische März-Aufstand von 1821: An diesem griechischen Befreiungskampf gegen die Herrschaft des Sultans spielten kirchliche Würdenträger eine Schlüsselfunktion. Da nach dem Millet-System der Osmanen alle orthodoxen Christen des Reichs der direkten Verantwortung des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstanden, wurde dieser für die Revolte haftbar gemacht und am Ostertag 1821 hingerichtet. In der Folge dieses Ereignisses sah das Ökumenische Patriarchat sich genötigt, die Unabhängigkeitsbestrebungen des griechischen Volkes zu verurteilen. Die griechischen Bischöfe unterstützten diese Bestrebungen jedoch weiterhin massiv, bis ein Bruch zwischen Konstantinopel und dem Episkopat Griechenlands unausweichlich wurde: Die Glaubens- und Kommuniongemeinschaft wurde kurzzeitig aufgekündigt.

Durch den Friedensvertrag von Adrianopel schlug 1829 die Geburtsstunde des jungen souveränen griechischen Staates, der aber nur den Peloponnes, Euböa und kleine Teile Mittelgriechenlands umfasste. 1833 erklärte sich die Orthodoxe Kirche von Griechenland für autokephal, wobei zu ihrem Oberhaupt der kurz zuvor gewählte König von Griechenland, Otto I., Sohn des Bayernkönigs Ludwig I., erkoren wurde. Diese einseitige Autokephalie-Erklärung, vor allem das damit verbundene staatskirchliche Konzept, führte innerhalb der griechischen Orthodoxie zu heftigen Diskussionen, die sich im Juni 1850 beruhigten: Das Ökumenische Patriarchat bestätigte von seiner Seite aus die Autokephalie der Orthodoxen Kirche von Griechenland und ihr Oberhaupt wurde der Bischof von Athen, der aus Rücksichtsnahme gegenüber dem Ökumenischen Patriarchen bis heute nur den Titel eines Erzbischofs führt.

Auch wenn der König von Griechenland seit 1850 nicht mehr Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Griechenland war, blieb der Einfluss des Staates auf innerkirchliche Angelegenheiten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht unerheblich; so musste etwa bei den Bischofssynoden immer ein Staatsprokurator anwesend sein, ohne den die Synode keine Beschlüsse fassen konnte. Im 19. Jahrhundert wurden aber auch – nach deutschem Vorbild – staatliche Universitäten in Athen und Thessaloniki mit Theologischen Fakultäten errichtet, die bis heute zum exzellenten Bildungsniveau des Griechischen Orthodoxen Klerus beitragen.

Durch die Balkankriege Anfang des 20. Jahrhunderts vergrößerte sich das griechische Staatsterritorium nach Norden hin. Diese so genannten Neuen Länder gehören zwar seit 1928 formell zur Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchat, werden jedoch von der Synode der Orthodoxen Kirche von Griechenland unter der Leitung des Erzbischofs von Athen verwaltet: Ihr „spirituelles Oberhaupt“ ist der Ökumenische Patriarch, ihr „administratives Oberhaupt“ der Erzbischof von Athen.

Die etwas komplizierte jurisdiktionelle Situation in Griechenland stellt sich heute wie folgt dar: Der Peloponnes, Euböa und Mittelgriechenland unterstehen voll dem Erzbischof von Athen; die Neuen Länder im Norden Griechenlands unterstehen zwar geistlich dem Patriarchen von Konstantinopel aber rechtlich dem Erzbischof von Athen; die Kirche von Kreta hat einen semi-autonomen Status in Hinordnung auf das Ökumenische Patriarchat – ist also außerhalb des Einflussbereichs des Erzbischofs von Athen –; der Heilige Berg Athos, die Insel Patmos, die Dodekanes und zwei Klöster in Nordgriechenland unterstehen direkt der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats – wie auch alle orthodoxen Griechen außerhalb Griechenlands.

Wenngleich die Kirche Griechenlands niemals systematisch staatlich unterdrückt wurde – wie etwa in den kommunistisch regierten Nachbarländern – konnte sie sich dennoch erst in jüngster Zeit wirklich in Freiheit und Eigenständigkeit gegenüber dem griechischen Staat entfalten. Vor der griechischen Verfassung von 1975 waren die staatlichen Eingriffe in die innerkirchlichen Belange keineswegs marginal: Während der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 setzte der Staat z. B. die Bischöfe ein, die er jeweils aus einem Dreiervorschlag der Synode auswählte. Seit 1977 genießt die Griechische Orthodoxe Kirche in Griechenland den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, die in ihren inneren Angelegenheiten weitgehend unabhängig vom Staat agieren kann – und umgekehrt. Auf nicht ungeteilte Zustimmung innerhalb der Griechischen Orthodoxen Kirche trafen die Einführung der Zivilehe 1982 und die Streichung des religiösen Bekenntnisses aus den Personalausweisen im Jahr 2000.

Die Orthodoxe Kirche von Griechenland ist in vielfältiger Sicht eine Ausnahmeerscheinung. Keine andere Orthodoxe Kirche ist so fest in einer Gesellschaft verankert wie sie: 95% der Einwohner Griechenlands sind Griechen von denen 97% orthodoxen Bekenntnisses sind! Auch keine andere Orthodoxe Kirche hat sich so früh dem Westen gegenüber öffnen müssen wie sie: Griechenland ist als erstes orthodox geprägtes Land bereits 1981 Vollmitglied der Europäischen Union geworden und war schon seit Ende der 1970-er Jahre integraler Bestandteil der westlichen Bündnispolitik. Und keine andere Orthodoxe Kirche hat wohl das Bild der Orthodoxie im Westen so sehr geprägt wie sie: Griechenland war und ist nach wie vor eines der beliebtesten Touristenziele für Westeuropäer, die durch ihren Griechenlandaufenthalt meist auch erstmals in unmittelbare Berührung mit orthodoxer Frömmigkeit und Kirchlichkeit kommen.

Die Griechische Orthodoxe Kirche sieht sich aktuell mit nicht wenigen Herausforderungen konfrontiert, die aus den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umbrüchen des 21. Jahrhunderts erwachsen, wobei die aktuell immer noch andauernde dramatische Finanzkrise des griechischen Staatshaushalts diese Entwicklungen in eklatanter Weise beschleunigt. Während einige Kirchenvertreter auf die sich verändernde Situation mit Reserviertheit reagieren, sind andere darum bemüht, diese Prozesse kritisch zu begleiten und den Dialog zu suchen. – Hinsichtlich der soliden theologischen Bildung des Klerus scheint die Griechische Orthodoxe Kirche jedoch gut gerüstet zu sein für die anstehenden Aufgaben der Zukunft.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB