Pro Oriente Logo

Wenn wir uns nicht bald
einig werden, gehen wir
gemeinsam unter.

Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Griechisch-orthodoxes Patriarchat von Jerusalem

  • Gläubigeca. 120.000 Gläubige
  • SitzJerusalem (Israel)
  • Diözesen4 Diözesen in Israel, in den Palästinensischen Autonomiegebieten und in Jordanien; autonomes Erzbistum auf der Sinaihalbinsel
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheGriechisch und Arabisch
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenGriechisch-Orthodoxer Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem
  • e-mailsecretariat@jerusalem-patriarchate.info

Die „Heilige Stadt Jerusalem“ ist für das Christentum von großer Bedeutung: Die Stadt des Tempels, des Zentralheiligtums des Volkes Israels, die Stadt des Wirkens, Sterbens und Auferstehens Christi und nicht zuletzt die Stadt der christlichen Urgemeinde. Rein politisch gesehen ist die Bedeutung Jerusalems in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten jedoch eher bescheiden: Sind die vier alten Patriarchatssitze von Rom, Konstantinopel, Alexandrien und Antiochien in urbanen Metropolen beheimatet, ist Jerusalem nach der wiederholten Zerstörung durch die Römer (70 n.Chr.) und nach dem Bar-Kochbar-Aufstand (135 n.Chr.) eine römische Militärkolonie mit Namen Aelia Capitolina.

Weitere Informationen über das Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem

Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass Jerusalem zwar schon auf dem ersten Ökumenischen Konzil (Nikaia 325) ein besonderer Ehrenrang zugewiesen wird, aber nicht den Rang eines Patriarchats erhält. Erst auf dem vierten Ökumenischen Konzil (Chalkedon 451) wird Jerusalem zu einem eigenständigen Patriarchat erhoben, dessen Jurisdiktionsbereich dem Patriarchat von Antiochien ausgegliedert wird: Drei Metropolien mit etwa sechzig Diözesen muss das Patriarchat von Antiochien an das neue Patriarchat abtreten.

Theologie- und kirchengeschichtlich bedeutsam ist der Sonderweg, den das Patriarchat von Jerusalem im 5. Jahrhundert beschritt: In den benachbarten Patriarchaten von Alexandrien und Antiochien kam es zu Kontoversen und Spaltungen im Bezug auf Beschlüsse des Chalkedonense (451), in deren Folge eine Mehrheit der Hirten und Gläubigen sich in den anti-chalkedonensischen „Nationalkirchen“ formierte – die konfessionskundlich heute zu den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen gerechnet werden – während nur ein kleinerer Teil die Konzilsbeschlüsse mittrug. In Jerusalem hingegen wurden die Beschlüsse von Chalkedon von der überwältigenden Mehrheit der Christen anerkannt.

Ein wichtiger Grund hierfür dürfte die zentrale Rolle des pro-chalkedonensischen Mönchtums in Palästina gespielt haben: Schon ab dem 3. Jahrhundert siedelten sich eine Vielzahl von Mönchen vornehmlich in der Wüste zwischen Jerusalem und dem Toten Meer an. Durch ihre Klostergründungen wurde Jerusalem schon sehr bald ein wichtiger Ort christlicher Präsenz und Ziel zahlreicher Wallfahrten. Herausragende Bedeutung kommt im 5./6. Jahrhundert dem Mönch Sabas zu, der 483 das heute nach ihm benannte Kloster in der judäischen Wüste nahe bei Betlehem gründete. Er verteidigte die Beschlüsse von Chalkedon energisch.

Ein weiterer Grund dürfte sicher im regen Interesse von Kaiser Konstantin dem Großen und der Kaiserinmutter Helena an den Heiligen Stätten zu suchen sein, aus dem zum einen eine rege Bautätigkeit – die Anastasis-Basilika („Grabeskirche“, eigentlich „Auferstehungskirche“) in Jerusalem, die Geburtsbasilika in Betlehem und die Eleona-Basilika auf dem Ölberg entstanden im 4. Jahrhundert – und zum anderen ein besondere Bindung Jerusalems an die kaisertreue „Reichskirche“ herrührte. Die pro-chalkedonensischen Christen Jerusalems wurden daher von ihren Gegnern als Melkiten („Kaiserliche“) bezeichnet. Heute dient diese Bezeichnung ausschließlich als wertneutraler terminus technicus für die griechisch-katholischen Christen der arabischen Welt.

Im 7. Jahrhundert endete die „byzantinische Zeit“ in Palästina: Der überragende Teil aller archäologischen Ausgrabungen im Heiligen Land fördert Relikte und Monumente aus dieser Epoche zutage. Es ist heute kaum noch vorstellbar, mit wie vielen Kirchen und Klöstern das ganze Land im 6./7. Jahrhundert geradezu übersät war. Der erste große Einschnitt erfolgte 614 durch den Persersturm, der in Jerusalem große Zerstörungen hinterließ. Eine endgültige Zäsur markierte jedoch die Eroberung Jerusalems durch die Araber 638, die sich erst einige Jahre zuvor der neu in die Weltgeschichte getretenen Religion des Islam zugewandt hatten. Viele christliche Gebäude wurden zerstört und zahlreiche Christen konvertierten zum Islam. Als sinnenfälligen Zeichen der neuen Ära wurde auf dem Jerusalemer Tempelberg die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom errichtet. Aber auch unter islamischer Vorherrschaft war christliches Leben – unter Einschränkungen – möglich; einige Christen bekleideten sogar wichtige Posten im öffentlichen Leben. Der bekannteste unter ihnen dürfte der bedeutende Theologe und Mönch des bereits erwähnten Mar Saba-Klosters, Johannes von Damaskus (675–750), gewesen sein. Er stand im Dienst des Kalifen und setzte sich als Erster seiner Zeit theologisch ernsthaft mit dem islamischen Glauben auseinander.


Sind unter dem Schutz der Muslime ab dem 7. Jahrhundert zahlreiche orientalisch-orthodoxe Christen (Kopten, Syrer, Armenier und Äthiopier) ins Heilige Land gekommen, um sich dort anzusiedeln und Klöster zu gründen, spielte das abendländische Christentum eine bedeutende Rolle erst ab dem 12. Jahrhundert: 1099 wurde Jerusalem durch die Kreuzfahrer erobert, das Lateinische Königreich Jerusalem gegründet und der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Jerusalem floh in das Exil nach Konstantinopel; anstatt seiner wurde in Jerusalem ein Lateinischer (Römisch-Katholischer) Patriarch eingesetzt.

1187 ging diese Ära zu Ende, als die Seldschuken unter Saladin das Kreuzfahrerheer bei den Hörnern von Hattin vernichtend schlugen. Schon bald geriet Jerusalem daraufhin unter mamelukische Herrschaft bis es 1516 für 400 Jahre Teil des Osmanischen Reiches wurde. Bedingt durch das osmanische Millet-System, wurden die orthodoxen Christen des Heiligen Landes dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Jerusalem verlor in dieser Zeit fast vollständig seine Eigenständigkeit und residierte in Konstantinopel.

Zu großen Umbrüchen des kirchlichen Lebens in Jerusalem und im Heiligen Land kam es ab den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts: Franzosen (als Schutzmacht der Katholiken), Engländer (als Schutzmacht der Anglikaner), Russen (als Schutzmacht der Orthodoxen), Preußen (als Schutzmacht der Protestanten) und viele andere europäische Mächte „entdeckten“ die Region für ihre Kirchen- bzw. Machtpolitik: Es wurde ein „anglo-preußisches“ Bistum errichtet, dem zeitweilig alle Anglikaner und Lutheraner des Landes unterstanden, das Lateinische Patriarchat wurde 1847 „wiedererrichtet“, nachdem der Patriarchenstuhl ab dem 13. Jahrhundert wieder von Griechen besetzt war, und schließlich errichtete die Russische Orthodoxe Kirche eine Mission im Land, wobei der Zar den Griechisch-Orthodoxen Patriarchen von Jerusalem als Verwalter der Mehrheit der Heiligen Stätte großzügig unterstützte.

Die meisten ausländischen kirchlichen Stiftungen und Einrichtungen im Heiligen Land wurden in dieser Zeit gegründet, wie etwa auch das Österreichische Hospiz in der Jerusalemer Altstadt. Aus dieser Zeit des kirchlich-politischen Machtkampfes im Heiligen Land datiert auch der status quo, der im Detail die Besitzverhältnisse und Nutzungsrechte der einzelnen christlichen Konfessionen an den Heiligen Stätten regelt, vor allem in der Grabeskirche in Jerusalem, in der Geburtsbasilika in Betlehem, im Mariengrab im Kidrontal und in der Himmelfahrtskapelle auf dem Ölberg.

Die Gründung des Staates Israels 1948, mit der damit verbundenen Teilung Palästinas, und besonders die Eroberung Ostjerusalems 1967 stellen das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem vor vielfältige Herausforderungen. Die etwa 120.000 Gläubige leben nun in drei Staaten: Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten und in Jordanien. Nach dem in Israel immer noch geltenden osmanischen Religionsrecht braucht der jeweilige Patriarch die offizielle Anerkennung durch den Staat, und zwar von Seiten Israels, der Palästinensischen Autonomiebehörde und vom jordanischen Königshaus. Gerade Israel verweigert oft über Jahre diese Anerkennung, da es mit dieser gewisse Zugeständnisse erwartet. Das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat ist nämlich eines der wichtigsten Großgrundbesitzer im Heiligen Land. Wichtige öffentliche Gebäude des israelischen Staates, wie etwa das Parlament, die Knesset, oder das Israel-Museum stehen auf gepachtetem Grund des Patriarchats.

Neben der von staatlicher Seite immer wieder versuchten Einflussnahme auf innerkirchliche Angelegenheiten sieht sich das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat aber auch mit innerkirchlichen Herausforderungen konfrontiert. Das Zueinander und Miteinander der fast ausschließlich griechischen „Bruderschaft vom Heiligen Grab“, die die Heiligen Stätten verwaltet und aus deren Reihen der Patriarch von Jerusalem gewählt wird, und den fast ausschließlich arabischen Gläubigen und ihren verheirateten einheimischen Gemeindepriestern ist ein wichtiges Thema innerhalb der Orthodoxen Kirche von Jerusalem.

Die Orthodoxe Kirche ist immer noch die größte Kirche im Heiligen Land, auch wenn sich die Zahl ihrer einheimischen Gläubigen zugunsten der anderen christlichen Gemeinschaften, besonders der Griechisch-Katholischen Kirche („Melkiten“), der Römisch-Katholischen Kirche („Lateiner“), der Anglikaner und der Lutheraner im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verringert hat. Dies ist auch der Grund, warum das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem der Ökumene mit großer Reserviertheit begegnet. Gleichwohl ist das Jerusalemer Patriarchat immer noch Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und arbeitet aktiv am regionalen Kirchenrat mit.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB