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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel

  • Gläubigeca. 4 Millionen in der Türkei und Griechenland (Berg Athos, Inseln der Dodekanes und Kreta) und vor allem in der weltweiten Diaspora
  • SitzPhanar in Konstantinopel/Istanbul (Türkei)
  • Diözesen47, davon 9 in Westeuropa, 12 in Amerika (davon 9 in den USA) und je zwei in Ozeanien und Asien
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheGriechisch, aber auch die jeweiligen Landessprachen der Diaspora
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenErzbischof von Konstantinopel, des Neuen Roms, und Ökumenischer Patriarch
  • e-mailpatriarchate@ec-patr.org

Wie der Bischof von Rom sich in der Nachfolge des Apostels Petrus versteht, so sieht sich der Bischof von Konstantinopel in der Nachfolge des Apostels Andreas, der als erster Bischof dieser Stadt verehrt wird. Aus diesem Grund ist es in den letzten Jahrzehnten ein schöner Brauch geworden, dass zum Fest des Apostels Andreas der Römische Papst als Nachfolger Petri den Ökumenischen Patriarchen als Nachfolger des Andreas in Istanbul besucht – persönlich oder in Form einer Delegation –, während zum Fest der Apostel Petrus und Paulus der Ökumenische Patriarch dem Papst in Rom seinen Besuch abstattet.

Weitere Informationen über das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel

Trotz der engen und regelmäßigen Kontakte und Konsultationen zwischen Rom und Konstantinopel wäre es ein Missverständnis, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel von seiner Stellung und Funktion her als „Orthodoxen Papst“ zu verstehen. Ein solches universales Leitungsamt ist der Orthodoxen Kirche fremd: Sie versteht sich nämlich als eine Kirche, die aus verschiedenen gleichberechtigten Kirchen besteht, die jeweils ihr eigenes Oberhaupt besitzen, das seine Leitungsgewalt wiederum nur im Zusammenwirken mit der Ständigen Synode, dem aus Bischöfen bestehenden kollegialen Leitungsgremium einer Kirche, ausüben kann. Unter den Oberhäuptern dieser einzelnen Kirchen kommt dem Patriarchen von Konstantinopel gleichwohl ein Ehrenprimat zu; als primus inter pares ist er der erste Bischof und das geistige Oberhaupt der Gesamtorthodoxie. Bei der Ausübung seines Vorsitzes muss er als Erster unter Ranggleichen aber stets auf den Konsens mit den anderen autokephalen Kirchen achten. Dieser Vorrang unter den anderen Patriarchaten des Ostens kommt im Titel Ökumenischer Patriarch zum Ausdruck, den der Bischof von Konstantinopel seit 595 führt.

Historisch gesehen bildete sich diese Vorrangstellung für den Bischof von Byzanz im 4. Jahrhundert heraus, als Kaiser Konstantin im Jahr 330 Byzanz in Konstantinopel umbenannte und zur neuen Hauptstadt seines Reiches machte; die Stadt wurde zum Neuen Rom. Das zweite Ökumenische Konzil (Konstantinopel 381) regelt in seinem Kanon 3: „Der Bischof von Konstantinopel soll nach dem römischen den Ehrenprimat besitzen, denn diese Stadt ist das Neue Rom“. Auf dem vierten Ökumenischen Konzil (Chalkedon 451) wurde der Jurisdiktionsbereich des Patriarchats von Konstantinopel erweitert, indem er sich nun auch auf die Bischöfe der Diözesen „unter den Barbaren“ erstreckte (Kanon 28 des Konzils). Ferner wurde seine Stellung in der kirchlichen Reihenfolge nach der Kirche von Rom und vor den Patriarchaten Alexandrien, Antiochien und Jerusalem bestätigt und festgeschrieben und staatsrechtlich durch Kaiser Justinian I. (527–565) gesichert.

Die Regierungszeit Kaiser Justinians markierte auch den Beginn der Blütezeit für das Patriarchat von Konstantinopel. Durch den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches 476 sah sich das Oströmische Reich als einzige legitime Rechtsnachfolgerin das alten Imperium Romanum, was auch dazu führte, dass Konstantinopel immer mehr zum Zentrum der damaligen Christenheit avancierte. Für die nächsten Jahrhunderte wurde für das Byzantinische Reich eine fruchtbare Melange charakteristisch, bestehend aus römischen Staatswesen, griechischer Hochkultur und christlichem Glauben. Der monumentale Kirchbau der Hagia Sophia aus dem Jahr 537 hat diesen Dreiklang in Stein verewigt. Er wird zum Ausgangspunkt der Christianisierung der Völker Ost- und Südosteuropas werden.

Auch die Liturgie wie sie in Konstantinopel gefeiert wurde, entfaltete eine große Strahlkraft. Durch die Eroberungszüge der Araber ab dem 7. Jahrhundert, die das Byzantinische Reich in seinem Ostteil erheblich schwächten, und durch die vorausgehenden kirchlichen Spaltungen in diesem Teil des Reichs im 5. Jahrhundert wurde die Orthodoxe Kirche im Jurisdiktionsbereich der Patriarchate von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem in ihrer Existenz bedroht. Dies hatte zur Folge, dass diese Orthodoxen Patriarchate den engen Schulterschluss mit dem Patriarchat von Konstantinopel suchten und nicht nur dessen theologische Denken, sondern auch dessen Liturgie übernahmen, nämlich den byzantinischen Ritus, der heute der einzige und charakteristische Ritus der Orthodoxen Kirche weltweit ist. (Wenn man einmal von dem noch jungen Phänomen „Orthodoxer Gemeinden des westlichen Ritus“ absieht.)

Durch das Auseinanderfallen der Einheit zwischen West- und Ostkirche, zwischen Alt-Rom und Neuem Rom, das in der älteren Literatur häufig in das Jahr 1054 datiert wird und als das so genannte Morgenländische Schisma bezeichnet wird – Patriarch Michael Kerullarios und der päpstliche Legat, Kardinal Humbert da Silva Candida, exkommunizierten sich in diesem Jahr gegenseitig – rückte das Ökumenische Patriarchat an die erste Stelle unter den Orthodoxen Kirchen.

Aus heutiger Sicht muss aber konstatiert werden, dass sich diese Kirchenspaltung nicht auf ein punktuelles Ereignis reduzieren lässt, sondern es sich bei ihr um einen langwierigen Prozess des gegenseitigen Missverstehens und Auseinanderlebens handelte, der nicht selten mit (kirchen)politischen Implikationen verbunden war. Als bitterer Tiefpunkt muss wohl der 4. Kreuzzug von 1204 genannt werden, als das westliche Kreuzfahrerheer Konstantinopel plünderte und den Patriarchenstuhl von Konstantinopel mit einem Lateiner besetzte. Der byzantinische Kaiser und der Ökumenische Patriarch gingen ins Exil nach Nikaia. 1261 konnte Kaiser Michael VIII. Palaiologos dem lateinischen Kaiserreich ein Ende bereiten

Die Epoche von 1261 bis 1453, die so genannte Palaiologen-Zeit – benannt nach der Herrscherdynastie der in dieser Zeit regierenden Kaiser – vermochte nicht, den Glanz des alten Byzantinischen Reiches wieder erstehen zu lassen. Zum einen standen nämlich weite Teile Griechenlands bis ins 14. Jahrhundert hinein unter lateinischer Herrschaft, zum anderen wuchs seit dem 14. Jahrhundert auch immer mehr das Herrschaftsgebiet der Osmanen, die Schritt für Schritt fast ganz Kleinasien und Südosteuropa unter ihre Gewalt bringen konnten, so dass zu Beginn des 15. Jahrhunderts das Oströmische Reich nur noch einen Reststaat um die Stadt Konstantinopel selbst bildete.

Aufgrund der prekären politischen Situation suchte das Oströmische Reich die Nähe zum Westen. Kirchlicherseits war das Ökumenische Patriarchat sogar zu einer Union mit Rom bereit und nahm daher mit einer großen Delegation am Unionskonzil von Ferrara-Florenz 1438/39 teil – nachdem 1274 ein ähnliches Konzil in Lyon gescheitert war. Der in Ferrara-Florenz erzielte Unionsabschluss wurde von den orthodoxen Mönchen und den Gläubigen in Konstantinopel jedoch nicht mitgetragen. Als 1453 Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde und die erhoffte militärische Unterstützung des Westens ausblieb, war der endgültige Untergang des Oströmischen Reiches besiegelt.

Paradoxerweise wuchs durch den Untergang des Byzantinischen Reiches die Bedeutung des Patriarchen von Konstantinopel. Im Osmanischen Reich gab es nämlich eine gewisse Autonomie für die nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften. Dieses so genannte Millet-System unterstellte die jeweiligen Minderheitsreligionen einem so genannten Ethnarchen. Dieser Ethnarch unterhielt für seine „Volksgruppe“ (Millet) – die sich nicht über Sprache oder Nation, sondern allein durch die Religionszugehörigkeit definierte – eine Art Eigenverwaltung: Er genoss Kultusfreiheit, sprach Recht in kirchlichen Angelegenheiten, war Schiedsinstanz bei Streitigkeiten innerhalb seiner Millet und war auch zuständig für den Einzug der Steuern von den Angehörigen seiner Religionsgemeinschaft. – Als Ethnarch für alle Orthodoxen des Osmanischen Großreiches setzte der Sultan den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel ein, der damit auch die kirchliche Jurisdiktion über die Gläubigen der anderen drei östlichen Orthodoxen Patriarchate (Alexandrien, Antiochien und Jerusalem) gewann, die ja alle innerhalb des osmanischen Territoriums lagen. Auch die orthodoxen Christen auf dem Balkan unterstanden dadurch seiner Jurisdiktion.

Durch den Umstand, dass der Ökumenische Patriarch für den Einzug der Kopfsteuer der Angehörigen seiner Millet verantwortlich war und durch die Tatsache, dass die Phanarioten, das heißt die Griechen, die am Sitz des Patriarchen im Istanbuler Stadtteil Phanar (heute das türkische Fener) lebten und arbeiteten, eine privilegierte Stellung im Osmanischen Reich genossen, regte sich im Laufe der Zeit eine Oppositionsbewegung mit dem Ziel der Unabhängigkeit unter den orthodoxen Christen des Osmanischen Reiches. Als im 19. Jahrhundert das einst mächtige Osmanische Reich immer mehr zum „kranken Mann am Bosporus“ mutierte, waren diese nationalen und kirchlichen Unabhängigkeitsbestrebungen kaum noch aufzuhalten: 1833 erklärte sich die Orthodoxe Kirche von Griechenland für autokephal, 1855 bestätigte das Ökumenische Patriarchat die Autokephalie der Rumänischen Orthodoxen Kirche, 1870 errang die Bulgarische Orthodoxe Kirche eine weitgehende Autonomie und 1879 errichtete das Ökumenische Patriarchat die autokephale Metropolie Belgrad, die 1922 zum Patriarchat erhoben wurde. 1929 erklärte sich schließlich die Albanische Orthodoxe Kirche für autokephal.

Durch den auf den Ersten Weltkrieg folgenden türkisch-griechischen Krieg (1920–1922) erfuhr das Ökumenische Patriarchat eine gewaltige Erschütterung: Nach dem Ende des Krieges vereinbarten die Türkei und Griechenland einen Bevölkerungsaustausch, durch den etwa zwei Millionen Griechen Kleinasien verließen und nach Griechenland umsiedelten. Nur einige wenige Tausende Griechen blieben auf türkischem Boden zurück, fast ausschließlich in Istanbul und auf den so genannten „Prinzeninseln“ im Marmara-Meer.

In der kemalistischen Türkei verlor das Ökumenische Patriarchat seine gesicherte Rechtsstellung und sieht sich bis heute mit zahlreichen Repressalien konfrontiert. 1971 schloss der türkische Staat z. B. die Theologische Hochschule und das Priesterseminar auf der Prinzeninsel Chalki, um deren Wiedereröffnung das Patriarchat bis heute ringt, auch wenn in jüngster Zeit Bewegung in diese Angelegenheit zu kommen scheint. Die Türkei verbietet dem Ökumenischen Patriarchen sich „Ökumenisch“ zu nennen, auch darf er die Bezeichnung „Konstantinopel“ nicht in seinem Namen führen. Er wird lediglich als eine Art „Oberpfarrer“ für die kleine Zahl der Griechisch-Orthodoxen Christen Istanbuls behandelt. Die Möglichkeit eines Art „griechischen Vatikanstaates“ auf dem Territorium der Türkei wird oftmals als Schreckgespenst von laizistischen Kreisen heraufbeschworen. Das größte Problem ist aber, dass der türkische Staat nur einen Bürger mit türkischem Pass auf dem Patriarchenstuhl akzeptieren will: Bei den noch wenigen verbliebenen Griechen in der Türkei ist dies keine einfache Situation für die Zukunft des Patriarchats. Die vor einigen Jahren einmalig erfolgte Verleihung der türkischen Staatsbürgerschaft an mehrere Griechisch-Orthodoxe Bischöfe in der Diaspora vonseiten der türkischen Regierung gibt jedoch Anlass zur Hoffnung und zeugt – neben einigen anderen Gesten des Wohlwollens in jüngster Zeit – von einer sich sanft anbahnenden Entspannung und Verbesserung der Beziehungen zwischen den politischen Autoritäten in der Türkei und dem Ökumenischen Patriarchat.

Weitaus unproblematischer stellt sich die Situation für den Ökumenischen Patriarchen in seiner internationalen Rezeption dar. Er ist nicht nur das Oberhaupt von etwa vier Millionen orthodoxen Christen in einigen Gebieten Griechenlands und vor allem in der weltweiten Diaspora, sondern wird er auch als Ehrenoberhaupt innerhalb der Gesamtorthodoxie geachtet. In dieser Funktion hat sich der Patriarch von Konstantinopel als wichtiger Promotor der innerchristlichen Ökumene und auch des interreligiösen Dialogs erwiesen. Außerdem tritt er als unermüdlicher Mahner für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung und vor allem für die Bewahrung der Schöpfung ein, weshalb ihm durch die internationalen Medien bereits der Beiname „Grüner Patriarch“ verliehen wurde. Die Verbesserung der ökologischen Situation des Goldenen Horns in Istanbul geht namentlich auf seine Initiative zurück.

Im Bereich der innerchristlichen Ökumene hat das Ökumenische Patriarchat einige sehr wichtige Wegsteine gesetzt. Von ihm ging die Idee zur Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) aus. Im Jänner 1920 sandte die Synode des Patriarchats an alle christlichen Kirchen der Welt eine Enzyklika, in der die Schaffung eines „Kirchenbundes“ nach dem Vorbild des Völkerbundes angeregt wurde, dessen oberstes Ziel die Suche nach der Einheit aller Christen sein sollte. Als schließlich 1948 der ÖRK gegründet wurde, war das Ökumenische Patriarchat Gründungsmitglied.

Ein weitere wichtige Wegmarke ist der Dialog der Liebe zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche, der vom Ökumenische Patriarchen Athenagoras I. (1948–1972) zusammen mit Papst Paul VI. (1963–1978) begründet wurde und der am 7. Dezember 1965 in einer gemeinsamen Erklärung seinen Höhepunkt fand, die verkündete, dass die gegenseitigen Exkommunikationen aus dem Jahr 1054 „dem Vergessen anheim zu geben“ seien.
Mit der Errichtung des Orthodoxen Zentrums 1966 in Chambésy bei Genf in der Schweiz bemüht sich das Ökumenische Patriarchat außerdem, den Austausch zwischen den einzelnen autokephalen Orthodoxen Kirchen zu verbessern. Dort befindet sich auch das Sekretariat zur Vorbereitung eines panorthodoxen Konzils.

Der Heilige Berg Athos

Wenn man auf den Heiligen Berg zu sprechen kommt, ist für jeden orthodoxen Christen klar, dass es um den Berg Athos geht, und zwar nicht nur um den Berg selbst, sondern um den gesamten östlichen Ausläufer der Halbinsel Chalkidie im Nordosten Griechenlands. Dieses Gebiet, das seit 1312 der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen untersteht, ist ein Phänomen sui generis innerhalb der Gesamtorthodoxie.

Der Athos, die „Akropolis der Orthodoxie“, ist bis heute eine Art Mönchsrepublik geblieben: Er umfasst 20 Großklöster und eine Vielzahl von Sketen, die den jeweiligen Großklöstern zugeordnet sind. Die 20 Großklöster sind in vier Gruppen zu jeweils fünf Klöstern zusammengefasst, aus deren Reihen ein Vorsteher gewählt wird. Diese vier Vorsteher und die jeweiligen Äbte der Großklöster bilden zusammen das oberste Leitungsgremium der Mönchsgemeinschaft auf dem Heiligen Berg. Vom 9. bis zum 19. Jahrhundert gab es zudem noch das Amt des Protos, dessen Funktion vergleichbar dem Oberhaupt einer autokephalen Orthodoxen Kirche gewesen ist. Die „Hauptstadt“ des Athos ist seit dem 10. Jahrhundert Karyes, wo sich auch heute noch der angesprochene Rat versammelt.

Seit 1912 ist der Athos Teil des griechischen Staatsgebietes, was international völkerrechtlich durch den Vertrag von Lausanne 1923 anerkannt wurde. Griechenland hat sich 1926 jedoch verpflichtet, das neu erarbeitet Typikon (Klosterstatut) des Heiligen Berges von 1924 anzuerkennen. Dies bedeutet für die Regierung Griechenlands nur eine beschränkte Einflussnahme auf die Mönchsrepublik durch einen Generalgouverneur, der die Unverletzlichkeit der Klosterregeln zu respektieren und garantieren hat.

Frauen ist das Betreten des Heiligen Berges nach dem Avaton – eine auf die byzantinische Gesetzgebung im 6. Jahrhundert zurückgehende Regel – untersagt. Männliche Pilger benötigen zum Betreten des Gebiets das Diamonitirion, eine auf einige Tage begrenzte stark kontingentierte Aufenthaltsgenehmigung, die man beim Pilgerbüro des Heiligen Berges beantragen muss. Beide Maßnahmen verfolgen den Zweck, dass der spezifisch mönchische Charakter des Heiligen Berges gewahrt bleibt.

Zu dem, was der Athos heute ist, hat er sich ab dem 9. Jahrhundert entwickelt, als immer mehr Mönche sich als Einsiedler in diesem Gebiet niederließen, oftmals geflüchtet vor den Bilderstürmern (Ikonoklasten) dieser Zeit oder den muslimisch besetzten Gebieten. 963 gründete Athanasios Athonites die Megisti Lavra, das erste Kloster auf dem Athos, womit die Phase des Koinobitentums (Gemeinschafts-Mönchtum) begann, das im Laufe der Zeit vorherrschend gegenüber dem Eremitentum (Einsiedlertum) auf dem Heiligen Berg wurde.

Bereits im 11. und 12. Jahrhundert wuchs die Zahl der Großklöster beträchtlich. Lebten zu Beginn fast nur Griechen und Georgier auf dem Athos, wurde er im Laufe der Zeit immer internationaler: Auch russische, serbische und bulgarische Mönche gründeten Großklöster. Ihre heutige Vollzahl von 20 erreichten sie im 16. Jahrhundert.

Ende des 16. Jahrhunderts entstanden auch die ersten Sketen, die als Gegenbewegung zu der seit dem 15. Jahrhundert vorherrschenden Idiorrhythmie gegründet wurden. Während das idiorrhythmische Mönchtum außer bei der Feier der Liturgie keine gemeinsame Lebensführung mehr kannte und auch Privatbesitz zuließ, betonten die kleinen Mönchsgemeinschaften der Sketen das gemeinsame Leben nach dem Vorbild der frühen ägyptischen Mönchssiedlungen. Ende des 18. Jahrhunderts gab es eine allgemeine Rückkehr zur koinobitischen Lebensform auf dem Athos.

Die große Bedeutung des Athos liegt nicht zuletzt darin begründet, dass von ihm immer wieder wichtige Impulse und Erneuerungsbewegungen für die gesamte Orthodoxe Kirche ausgingen. Sehr bedeutsam wurde z. B. im 14. Jahrhundert der Hesychasmus, als dessen wichtigster Vertreter Grigorios Palamas (1296–1359) genannt werden muss. Der Hesychiasmus stellte das Streben nach vollkommener innerer Ruhe (Hesychia) in das Zentrum des geistlichen Lebens. Durch diese Herzensruhe sei sogar die Anschauung des „unerschaffenen göttlichen Taborlichts“ möglich. Das Herzensgebet oder Jesusgebet, das dem Geist des Hesychiasmus entsprungen ist, ist heute auch vielen Christen des Abendlandes vertraut.

Auch aktuell erhebt die Mönchsgemeinschaft vom Heiligen Berg immer wieder ihre Stimme zu Fragen von Theologie und Kirche. Dabei setzt sie sich mitunter auch sehr kritisch mit den Oberhäuptern der Orthodoxen Kirche auseinander. Besonders im Bezug auf den ökumenischen und interreligiösen Dialog können die Kommentare sehr pointiert ausfallen.

Die Orthodoxe Kirche von Kreta

Die Kirche von Kreta hat einen kirchenrechtlichen Sonderstatus innerhalb der Gesamtorthodoxie: Sie ist eine semi-autonome Kirche, und zwar unter der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats. Von einer autonomen Kirche – wie die Orthodoxe Kirche von Finnland oder die Erzdiözese am Sinai – unterscheidet sie, dass sie ihren Ersthierarchen nicht selbst wählen kann. Ansonsten ist sie jedoch völlig frei in der Regelung ihrer eigenen kirchlichen Angelegenheiten, ähnlich den Kirchen mit autonomen Status.

Die Kirche von Kreta kann auf eine lange kirchliche Tradition zurückblicken: Der Apostel Paulus wird als ihre Gründergestalt verehrt (vgl. Apg 27) und auch von dem der Tradition nach ersten Bischof der Insel, dem Apostelschüler Titus, legt das Neue Testament Zeugnis ab (vgl. Tit 1,5). Nach einer bewegten Geschichte, die nicht selten durch Fremdherrschaften geprägt war (Sarazenen, Kreuzfahrer, Venezianer, Türken), konnte die Insel erst 1898 die völkerrechtliche Autonomie erlangen, wurde aber 1913 durch den Frieden von Bukarest mit Griechenland vereinigt, wobei sie kirchenrechtlich beim Ökumenischen Patriarchat verblieb.

Der heutige halbautonomen Status geht auf das Jahr 1961 zurück: Er wurde in einer Grundsatzung festgelegt, die zuvor zwischen dem griechischen Staat und dem Ökumenischen Patriarchat ausgehandelt worden war und in den Jahren 1967 und 1974 leicht modifiziert wurde. Die Synode der Kretischen Orthodoxen Kirche – mit Sitz in Herakleion – besteht aus den sieben Metropoliten (vormals Bischöfen) der Insel und dem Erzbischof (vormals Metropoliten) als Vorsitzender an ihrer Spitze. Werden die Metropoliten der kretischen Diözesen von der eigenen Synode gewählt, ist die Wahl des Erzbischofs von Kreta in einem komplizierten Verfahren geregelt: Das griechische Bildungsministerium erstellt eine Dreier-Kandidatenliste, das tripósôpon, aus den amtierenden Metropoliten der Kirche von Kreta. Der Ökumenische Patriarch ernennt dann aus dieser Dreierliste das neue Oberhaupt der Kirche von Kreta.

Die Kretische Orthodoxe Kirche ist heute eine sehr vitale Kirche mit zahlreichen Klöstern, zwei Priesterseminaren und 700 Pfarren. Aus ihrer Reihe sind zahlreiche Patriarchen von Konstantinopel und Alexandrien hervorgegangen. In hohen Ehren hält man aber auch die großen christlichen Künstler der Insel: den heiligen Hymnographen Andreas von Kreta und den im Westen wohl noch berühmteren Maler Dominikos Theotokopoulos („El Greco“).

Eine herausragende Bedeutung kommt der 1968 gegründeten Orthodoxen Akademie von Kreta zu, die sich sowohl in panorthodoxer als auch in ökumenischer Hinsicht zu einem sehr aktiven wissenschaftlichen und geistlichen Zentrum entwickelt hat.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB