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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Koptisch-Orthodoxe Kirche

  • Gläubigeca. 11 Millionen, davon etwa 1,5 Millionen in der weltweiten Diaspora
  • SitzKairo (Ägypten)
  • Diözesen63 Diözesen, davon 47 in Ägypten, 3 weitere auf dem afrikanischen Kontinent, 8 in Westeuropa, 3 in den USA und 2 in Australien
  • StatusAutokephal
  • RitusKoptisch
  • LiturgiespracheKoptisch (bohairsch)/Arabisch
  • KalenderJulianisch
  • Titel des ErsthierarchenSeine Heiligkeit Tawadros II., Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhles des hl. Markus in ganz Afrika und dem Orient.
  • e-mailcoptpope@copticpope.org oder
    coptpope@tecmina.com

Ein Blick durch die Jahrhunderte der koptischen Kirchengeschichte zeigen, dass die Koptisch-Orthodoxe Kirche stets mit zwei wichtigen Lungenflügeln geatmet hat, die beide auf ihre Weise immer wieder zu einer Revitalisierung und Renaissance des kirchlichen Lebens am Nil geführt haben: Während der eine Lungenflügel das ägyptische Mönchtum ist, kann als anderer Lungenflügel die ägyptische Theologie benannt werden, und zwar allen voran die Theologenschule von Alexandrien.

Koptisch-orthodoxe Kirche von DamietteKloster Amba BishoiKoptisches Kloster Wadi NatrunKoptisch-orthodoxes Kloster Wadi Natrun

Weitere Informationen über die Koptisch-Orthodoxe Kirche

Dem Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhles des Heiligen Markus kommt als Oberhaupt der Koptisch-Orthodoxen Kirche eine wichtige Rolle zu. Er ist nicht nur Ersthierarch der mit Abstand größten Kirche in der Arabischen Welt, sondern auch Oberhaupt der als älteste – und damit als ehrwürdigste – geltende Kirche innerhalb der Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie. In der Regel gibt er daher auch Takt und Tempo vor, mit der sich die Orientalisch-Orthodoxe Kirchenfamilie auf dem ökumenischen Parkett bewegt. Als wichtige Meilensteine müssen dabei einerseits die Wiener christologische Formel genannt werden, durch die 1971 im Wiener Bezirk Lainz die Grundlagen gelegt werden konnten, die Jahrhunderte währenden christologischen Streitigkeiten nach dem Konzil von Chalkedon von 451 zwischen Römisch-Katholischer Kirche und Koptisch-Orthodoxer Kirche (und damit auch in der Folge mit allen Kirchen der Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie) offiziell beizulegen, so dass es in Fragen der Christologie zwischen Katholischer Kirche und den Kirchen der Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie keine kirchentrennenden Kontroversen mehr gibt, – und andererseits die 2003 offiziell gegründete Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen, der seit ihrem Bestehen, neben dem jeweiligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, ein Koptisch-Orthodoxer Bischof als Co-Präsident vorsteht. – An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass vor allem der Stiftung PRO ORIENTE der Verdienst zukommt, das Fundament für diesen Dialog gelegt zu haben, auf dem die Internationale Dialogkommission nun weiterbauen kann, indem sie in den 1970-er- und 1980-er-Jahren durch die so genannten Altorientalenkonsultationen orientalisch-orthodoxe und römisch-katholische Theologen zu inoffiziellen Gesprächen an einen Tisch gebracht hat!

Den Titel Patriarch von Alexandrien tragen neben dem Koptisch-Orthodoxen Patriarchen auch der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Alexandrien, der Koptisch-Katholische Patriarch und der Melkitische Griechisch-Katholische Patriarch, welcher diesen Titel in Personalunion mit den beiden anderen Titeln der Patriarchatssitze in der Arabischen Welt, Antiochien und Jerusalem, führt. Während die Gläubigen des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats und des Melkitischen Griechisch-Katholischen Patriarchats sich fast ausschließlich auf die griechischsprachige Bevölkerungsminderheit, die so genannten Aigyptiotes, in den beiden Metropolen Alexandria und Kairo beschränkt, umfassen die beiden Koptischen Patriarchate die arabischsprechenden Christen in ganz Ägypten, welche sich in der direkten Nachfolge der Bewohner des Alten Ägyptens und deren faszinierender Hochkultur sehen. Tatsächlich ist das – nur noch als liturgische Sprache verwendete – Bohairisch (der wichtigste Dialekt des Koptischen neben dem nicht mehr verwendeten Sahidisch) sprachwissenschaftlich als letzter Ausläufer der ägyptischen (hamitischen) Sprache zu charakterisieren. Nach der arabischen Eroberung Ägyptens wurde es jedoch immer mehr durch das Arabische verdrängt. Heute wird es nicht mehr gesprochen, genießt aber in der Liturgie und im christlichen Bildungsbereich einen ungebrochenen hohen Stellenwert, etwa vergleichbar mit dem Lateinischen im Abendland. Der Terminus „Kopten“ selbst, ist nichts anderes als die aus dem Arabischen (kibti oder kubti) stammende Fremdbezeichnung für „Ägypter“!

Während sich zur Koptisch-Katholischen Kirche und zu allen anderen Kirchen, die nicht dem Koptisch-Orthodoxen Patriarchen unterstehen, insgesamt nicht einmal 0,5 Prozent der Einwohner Ägyptens bekennen, umfasst die Koptisch-Orthodoxe Kirche etwa 10 Prozent aller Einwohner des Landes und damit mehrere Millionen Gläubige. So ist es nicht verwunderlich, dass der koptische Baba („Vater“/„Papst“) – so der bereits altkirchlich bezeugte griechische Titel Papas für den Patriarchen von Alexandrien (der Koptisch-Katholische und der Melkitische Griechisch-Katholische Patriarch tragen diesen Titel übrigens nicht, wohl aber der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Alexandrien) – sowohl vonseiten der Kopten wie aber auch vonseiten der muslimischen Ägypter höchste Anerkennung und Beachtung genießt. In der Tat spielt der Koptische Papst-Patriarch eine zentrale Rolle in Kirche und Staat: Zum einen besitzt er eine große innerkirchliche Machtfülle, so unterstehen ihm etwa alle Bischöfe seiner Kirche direkt – „Metropolit“ ist eine reine Ehrenbezeichnung in der Koptisch-Orthodoxen Kirche – und zum anderen kommt ihm bis heute im gesellschaftlichen und staatlichen Bereich, als Fortführung des von den Osmanen eingeführten Millet-Sytems, die Rolle des „Sprechers der koptischen Millet („Nation“)“ zu.

Die Theologenschule von Alexandrien, die auf dem Nährboden eines der wichtigsten Zentren – wenn nicht sogar des wichtigsten Zentrums – hellenistischer Kultur und Bildung des gesamten Mittelmeerraums entstehen konnte – man denke etwa nur an deren berühmte Bibliothek oder an Denker wie Philo von Alexandrien –, sind so herausragende Namen wie Klemens von Alexandrien († um 215), Origenes († um 254), Athanasius († 373) oder Kyrill von Alexandrien († 444) verbunden, die als hoch verehrte Kirchenväter in allen Kirchen des Westens wie Ostens bis heute ausgiebig erforscht und rezipiert werden. Ein wichtiges Merkmal der Theologenschule von Alexandrien war, dass sie nicht nur dem theologischen Denken auf Jahrhunderte hin zentrale Anstöße gab, sondern von Anfang an sich auch um den Wissenstransfer zu den Gläubigen bemühte. Die Katechese spielte eine zentrale Rolle: So gab es in Alexandrien die erste institutionalisierte Schule für Taufbewerber. Alexandrien darf wohl für sich in Anspruch nehmen, mit seiner Theologenschule nicht nur die erste „Theologische Fakultät“ der Welt gehabt zu haben, sondern zugleich auch den schulischen Religionsunterricht erfunden zu haben.

Die Abwendung vom Imperium Romanum durch die überwältigende Mehrheit der ägyptischen Christen nach der Ablehnung der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) und die frühe Eroberung des Landes am Nil durch die muslimischen Araber bereits 639 bis 642 führte die koptischen Christen in eine prekäre Situation, in der sie keine Hilfe von außen erhoffen konnten. In den folgenden Jahrhunderten mussten die Kopten sich fortan mit den wechselnden muslimischen Herrscherdynastien arrangieren, welche die Kopten lediglich als eine Religionsgemeinschaften unter Auflagen duldeten: Neben einem latenten Islamisierungsdruck, der zeitweise immer wieder in antichristliche Gewalt ausuferte, mussten die Kopten bis ins 19. Jahrhundert hinein eine spezielle Sondersteuer entrichten und bis heute können sie ihre Religion nicht völlig frei ausüben, so sind etwa Kirchenneubauten durch die damit verbundenen Verwaltungshürden fast unmöglich. Ohne das durch die Jahrhunderte hindurch in Treue gepflegte hervorragende koptische Unterrichtswesen stünde die Koptisch-Orthodoxe Kirche sicher nicht so gut dar, wie sie sich heute präsentieren kann. Namentliche Verdienste kommen hierbei Patriarch Kyrill IV. (1854–1861) zu, der durch eine regelrechte Bildungsoffensive die Kopten in Ägypten zu höchster gesellschaftlicher Anerkennung führte, nachdem unter der Herrschaft General Muhammad Alis (1805–1849) Ägypten eine quasi staatliche Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangt hatte und die Koptische Kirche im Zuge dieser Entwicklung größere Freiheiten erlangte.

Die zweite wichtige Kraftquelle der Koptisch-Orthodoxen Kirche war und ist ihr bedeutendes Mönchtum. Die gesamte Bewegung des Mönchtums nahm in Ägypten ihren Anfang: So gilt Antonius von Ägypten als erster Mönch, Paul von Theben als erster Anachoret (Einsiedler) und Pachomius als Erfinder des koinobitischen Mönchtums, um lediglich nur drei Namen zu nennen, die auch im Westen bekannt sind und verehrt werden (Schenute, die drei Makarioi, Johannes Kolobos, Evagrios Pontikos, Mose der Schwarze oder Johannes Klimakos wären andere herausragende Gestalten des ägyptischen Mönchtums). Während die Theologenschule von Alexandrien sich um eine intensive intellektuelle Durchdringung des christlichen Glaubens bemühte, suchte das ägyptische Mönchtum nach einer radikalen existentiellen Antwort auf den Anruf zur Nachfolge Christi. Diese beiden avantgardistischen Strömungen der christlichen Antike in Ägypten befruchteten sich gegenseitig, aber rieben sich auch aneinander: Während die einen im mondänen urbanen Milieu sich dem Dialog mit der Philosophie ihrer Zeit stellten, verweigerten die anderen sich radikal den gesellschaftlichen Ansprüchen und Erwartungen ihrer Zeitgenossen und gingen als Aussteiger in die Wüste, in die Gebiete jenseits der Zivilisation, um Gott zu suchen. Im Laufe der Zeit wurden die Rückzugsorte dieser Aussteiger zu wichtigen geistlichen, aber auch sozial-karitativen Zentren für die Gläubigen ihrer Kirche – bis heute.

Das koptische Mönchtum erlebt zurzeit eine regelrechte Renaissance: Die vier großen Mönchsklöster in der nitrischen Wüste, im Wadi Natrun, nämlich Deir Amba Makar, Deir Amba Bischoi, Deir Amba Surian und Deir Amba Baramus, und die beiden großen Mönchsklöster in der thebaischen Wüste, nämlich das des heiligen Mönchsvaters Antonius und das des ersten Einsiedlers, des heiligen Paulus von Theben, – um damit nur die sechs wichtigsten Mönchsklöster genannt zu haben – erfreuen sich seit Jahren vieler geistlicher Berufungen, vor allem unter Akademikern. So findet man unter den mittlerweile wieder mehr als Tausend Mönchen zahlreiche Apotheker, Ärzte und Ingenieure, von denen nicht wenige sogar promoviert haben. „Wer Mönch werden will, muss vorher im Leben in der Welt seinen Mann gestanden haben!“, hört man bei Nachfrage häufig als Erklärung für dieses auffällige Phänomen. Mit dieser Revitalisierung des Mönchslebens ist zugleich eine Erneuerung des pastoralen und geistlichen Lebens der Gläubigen verbunden, da jeden Tag mehrere Tausend Kopten diese Klöster aufsuchen, die sich dadurch zu lebendigen geistlichen Großzentren für die gesamte Koptisch-Orthodoxe Kirche in Ägypten entwickelt haben. Gleiches lässt sich, in etwas abgestufter Weise, auch für die nicht ganz so vielen Frauenklöster konstatieren.

Die beeindruckende Vitalität der Koptischen Kirche in Ägypten kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Koptisch-Orthodoxe Kirche mit enormen Herausforderungen konfrontiert sieht. Die mit den Schlagworten Arabellion oder Arabischer Frühling bezeichneten dramatischen politischen Veränderungsprozesse in der Arabischen Welt, allen voran in Ägypten selbst, haben unmittelbare Auswirkungen auf die etwa zehn Prozent umfassende koptische Bevölkerungsminderheit am Nil. Übergriffe von islamischen Fundamentalisten gegen Leib und Leben von Kopten nehmen zu, ebenso kommt es auch immer wieder zu blutigen Anschlägen gegen christliche Gotteshäuser, welche von staatlicher Seite nur unzureichend aufgeklärt werden. Aufgrund des wachsenden Einflusses islamistischer Kräfte am politischen Geschehen in Ägypten fürchten immer mehr Kopten um die Zukunft eines gleichberechtigten gelingenden Miteinanders der muslimischen und christlichen Bevölkerungsteile. Verschärft werden diese Zukunftsängste durch die demographische Entwicklung am Nil, da die koptischen Familien seit Jahren eine signifikant geringere Kinderzahl aufweisen als die muslimischen, so dass ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung stetig sinkt.

Angesichts dieser Situation und erleichtert durch ihr exzellentes Bildungsniveau haben daher in den letzten Jahren Tausende von Kopten den Weg in die weltweite Diaspora gesucht und sich dort eine neue Existenz aufgebaut. Ihre Zahl wird mittlerweile auf 1,5 Millionen geschätzt. Um auf diese Entwicklung zu reagieren, war es eine der großen Aufgaben des über vierzigjährigen Pontifikats Papst Schenudas III. (1971–2012) pastorale Strukturen in der Diaspora, vor allem in der westlichen Welt, aufzubauen: Er errichtete mehrere Diözesen und über 120 Pfarren im Ausland und weihte zahlreiche Kirchen und Klöster auf dem gesamten Globus.

Als innerkirchliche Herausforderungen der Koptisch-Orthodoxen Kirche wird von koptischer Seite zum einen – nach der erfolgreichen Revitalisierung des monastischen, geistlichen und pastoralen Lebens der Kirche – die Belebung der Erforschung des großartigen Erbes der ägyptischen Theologie und deren Erneuerung und Fortführung und zum anderen die Klärung der Frage des Zu- und Miteinanders von Klerus und Laien in der Kirche genannt. Es bleibt zu hoffen, dass die Koptisch-Orthodoxe Kirche nicht nur in der weltweiten Diaspora wächst und sich entfalten kann, sondern auch weiterhin in ihrem historischen Kernland, im Land der Pharaonen am Nil.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB