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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Lateinische Kirche

  • Titel des ErsthierarchenSeine Seligkeit Erzbischof Fouad Twal (seit 2008), Lateinischer Patriarch

    P. Pierbattista Pizzaballa, Kustos der Franziskaner (seit 2004), Kustodie des Heiligen Landes

Mit Lateinern bezeichnet man in der arabischen Welt die Christen der Römisch-Katholischen Kirche in dieser Region. Unter den Rum-Katholiken versteht man dagegen die Melkitischen Griechisch-Katholischen Gläubigen, so wie mit den Rum-Orthodoxen die Griechisch-Orthodoxen Christen der arabischen Welt gemeint sind. „Rum“ (Rom) bezieht sich nämlich hier im Arabischen auf Ost-Rom, Konstantinopel.

Weiter Informationen über die Lateinische Kirche

Streng genommen ist die Lateinische Kirche keine Katholische Ostkirche, da sie ja dem römischen Ritus folgt und ihre Gläubigen kirchenrechtlich – wie alle Römisch-Katholischen Christen – unter die Maßgaben des CIC (Codex Iuris Canonici) und nicht unter das Ostkirchenrecht fallen, wie es im CCEO (Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium) kodifiziert ist. Durch Jahrhunderte hindurch rekrutierten sich ihre Gläubigen auch ausschließlich aus dem Westen: Im ersten Jahrtausend aus Mönchen und Pilgern aus dem Abendland, zu Beginn des zweiten Jahrtausends aus den Kreuzfahrern und später aus westlichen Missionaren.

Dennoch ist es angebracht die Lateinische Kirche – im weiteren Sinne – auch als eine Katholische Ostkirche zu verstehen, und zwar aus zweierlei Gründen: aus einem kirchenrechtlichen und aus einem soziologischen Grund.

1. Die Kongregation für die orientalischen Kirchen (lat. Congregatio pro Ecclesiis Orientalibus) der Römischen Kurie ist nämlich nicht nur zuständig für alle Belange der Katholischen Ostkirchen, sondern auch für die Gläubigen des römischen Ritus in Ägypten und auf der Sinai-Halbinsel, in Eritrea und im Norden Äthiopiens, in Südalbanien, Bulgarien, Zypern, Griechenland, Iran, Irak, Libanon, Palästina, Syrien, Jordanien und in der Türkei. Die Römisch-Katholischen Gläubigen in den genannten Ländern werden also vom Heiligen Stuhl administrativ als ein Teil der orientalischen katholischen Welt behandelt.

2. Die Lateinische Kirche hat sich spätestens im 20. Jahrhundert zu einer echten Ortskirche gewandelt, deren Gläubige zum überwiegenden Teil aus der heimischen Bevölkerung stammen, deren Gottesdienste in der Landessprache gefeiert werden und die sich als Kirche durch mehrere Generationen hindurch in die heimische Kultur eingewurzelt hat. Die Bischöfe und der Diözesanklerus werden mittlerweile auch fast ausnahmslos von den einheimischen Gläubigen gestellt. – Auch wenn in diesen Ländern immer noch viele ausländische Ordenschristen pastoral und diakonisch aktiv sind, vor allem im Erziehungs- und Bildungsbereich, kann man die Lateinische Kirche längst nicht mehr als eine „Ausländer-“ oder „Missionskirche“ charakterisieren. Vielmehr hat sich eine fruchtbare Verzahnung zwischen Welt- und Ortskirche entwickelt. Die ausländischen Christen, meist Ordensleute, und die muttersprachliche Ortskirche arbeiten in vielen Bereichen vertrauensvoll und eng zusammen. Es hat sich ein starkes Bewusstsein für ein gegenseitiges Aufeinanderangewiesensein entwickelt.

Eine gewisse Vorrangstellung innerhalb der Lateinischen Kirche in der arabischen Welt nimmt der Römisch-Katholische Erzbischof von Jerusalem ein, der den Ehrentitel Lateinischer Patriarch führt. Die Erzdiözese von Jerusalem, dessen Gebiet Israel, die Palästinensischen Autonomiegebiete, Jordanien und Zypern umfasst, trägt den Titel Lateinisches Patriarchat. Dieses Lateinische Patriarchat wurde erst 1847 „restauriert“, im Rückgriff auf die Kreuzfahrerzeit als der Patriarchenstuhl von Jerusalem mit einem Lateiner besetzt war; dies geschah vor allem als Reaktion auf die Gründung eines anglikanisch-lutherischen anglo-preußischen Bistums in Jerusalem 1841. Das Lateinische Patriarchat zählt heute etwa 70.000 Gläubige. Der Lateinische Patriarch ist Vorsitzender der 1967 gegründeten Lateinischen Bischofskonferenz der arabischen Region (CELRA), der 14 Bischöfe aus zwölf Ländern des Vorderen Orients angehören. Außerdem ist er als einziger Römisch-Katholischer Bischof Mitglied des 1990 gegründeten Rates der katholischen Patriarchen des Orients, dem neben ihm selbst die sechs orientalischen Patriarchen der Region angehören (nämlich der Melkitische, Maronitische, Syrisch-Katholische, Chaldäische, Koptisch-Katholische und Armenisch-Katholische Patriarch).

Eine weitere wichtige Bedeutung innerhalb der Lateinischen Kirche kommt der internationalen Franziskanerprovinz im Nahen Osten, der Kustodie des Heiligen Lande zu. Diese 1342 von Papst Clemens VI. errichtete Kustodie umfasst heute das Gebiet des Staates Israel, die Palästinensischen Autonomiegebiete, Jordanien, Libanon, Syrien, Zypern, den Norden Ägyptens und die Insel Rhodos, wobei sich darüber hinaus einzelne Klöster der Kustodie des Heiligen Landes auf der ganzen Welt finden, so etwa in Washington D.C. oder auf Sizilien. Die Franziskaner der Heilig Land-Kustodie wurden von den Päpsten mit der Pflege der 50 Heiligen Stätten im oben genannten Gebiet beauftragt. An den Heiligen Stätten, wie etwa der Geburtsbasilika in Betlehem oder der Anastasis in Jerusalem ist daher der Franziskaner-Kustos des Heiligen Landes und nicht der Lateinische Patriarch der offizielle und höchste Vertreter der Lateinischen Kirche, der nach Maßgabe des Status quo dort auch die Hausherrenrechte wahrnimmt. Dieser herausgehobenen Stellung der Kustodie des Heiligen Landes trägt auch das Päpstliche Jahrbuch, das Annuario Pontificio Rechnung, indem es die Kustodie des Heiligen Landes direkt nach den Diözesen eigens aufführt. An den Heiligen Stätten kommt dem Kustos des Heiligen Landes auch das Privileg des Gebrauchs von Pontifikalinsignien zu. Neben der Betreuung der Heiligen Stätten und der Pilgerseelsorge engagieren sich die etwa 300 Franziskaner der Kustodie im Heiligen Land auch in der Pfarrseelsorge (fast 30 Pfarren), im sozial-karitativen Bereich, im Bildungssektor durch den Unterhalt zahlreicher Schulen und nicht zuletzt im ökumenischen und interreligiösen Dialog und in der Wissenschaft, vor allem durch die renommierte Institution des Studium Biblicum Franciscanum.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB