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Pro Oriente

Malankara Orthodox-Syrische Kirche

  • Gläubigeca. 1,5 Million, fast ausschließlich im südindischen Bundesstaat Kerala
  • SitzKottayam, Kerala (Indien)
  • Diözesen21 Diözesen, davon 19 in Indien und 2 in den USA
  • StatusAutokephal
  • Rituswestsyrisch
  • LiturgiespracheAramäisch und Malayalam (südindische Sprache)
  • Kalendergregorianisch
  • Titel des ErsthierarchenSeine Heiligkeit Moran Baselios Thoma Mathews II. (geb. 1915), seit 1991 Katholikos des Ostens und des apostolischen Thrones des hl. Thomas

Die Malankara Orthodox-Syrische Kirche ist eine der großen Ostkirchen der so genannten Thomaschristen, welche ihr Hauptsiedlungsgebiet im heutigen südindischen Bundesstaat Kerala haben. Sie ist – im Unterschied zu den anderen großen Ostkirchen des Subkontinents – die einzige autokephale Kirche Indiens, die jurisdiktionell also völlig unabhängig und selbständig ist. Um dieses Alleinstellungsmerkmal zu betonen, verwendet die Malankara Orthodox-Syrische Kirche in jüngster Zeit als Selbstbezeichnung immer öfter den Namen Indisch-Orthodoxe Kirche.

Weitere Informationen über die Malankara Syrisch-Orthodoxe Kirche

Als Orientalisch-Orthodoxe Kirche der west-syrischen Tradition muss sie zunächst einmal grundsätzlich von den Kirchen ost-syrischer Tradition in Indien unterschieden werden, nämlich zum einen von der Syro-Malabarischen Kirche, welche eine Katholische Ostkirche ist, und zum anderen von den Gläubigen der indischen Metropolie der Apostolischen Kirche des Ostens, welche in der Literatur unter dem Stichwort Mellusianer zu finden sind.

In einem nächsten Schritt muss die Malankara Orthodoxe Syrische Kirche von den anderen Kirchen west-syrischer Tradition auseinander gehalten werden, die nicht wie sie zur Kirchenfamilie der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen gehören. Da sind zum einen die drei Evangelischen Ostkirchen zu nennen, die mit der Anglican Communion in voller Glaubens- und Kommuniongemeinschaft stehen, nämlich die – nach ihrer Größe absteigend aufgezählt – Malankara Mar Thoma Syrian Church of India, die St. Thomas Evangelical Church of India und die Malabar Independent Syrian Church. Zum anderen ist auf die Syro-Malankarische Kirche zu verweisen, welche die zweite Katholische Ostkirche auf dem Subkontinent ist, die aber im Gegensatz zur ostsyrischen Syro-Malabarischen Kirche der westsyrischen Tradition folgt.

Die komplizierteste Unterscheidung – welche sich auch im konkreten kirchlichen Leben in Kerala mit Abstand am schwierigsten gestaltet –, ist schließlich die zwischen der Malankara Orthodoxen Syrischen Kirche und der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Malankara. Beide Kirchen sind nämlich Kirchen west-syrischer Tradition und gehören auch beide zur Orientalisch-Orthodoxen Kirchenfamilie und stehen damit auch in voller Glaubens- und Sakramentengemeinschaft miteinander! Der Unterschied liegt lediglich darin, dass es sich bei der Malankara Orthodoxen Syrischen Kirche – oder eben auch Indisch-Orthodoxen Kirche – um eine autokephale Kirche handelt, während die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Malankara eine Kirche autonomen Status’ ist, welche jurisdiktionell dem Syrisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien untersteht.

Beide letztgenannten Kirchen sind eine unmittelbare Reaktion auf die unsensiblen Latinisierungsbestrebungen der portugiesischen Missionare im 16. und 17. Jahrhundert, welche ihren tragischen Höhepunkt in den Beschlüssen der Synode von Diamper 1599 fanden. Da die Gläubigen und Bischöfe ihrer ost-syrische Mutterkirche, der Heiligen Apostolischen Katholischen Assyrischen Kirche des Ostens, seit dem Ende des 14. Jahrhunderts immer mehr in Bedrängnis geraten waren – dies begann damit, dass die seit 1368 in China herrschenden Kaiser der Ming-Dynastie der Apostolischen Kirche des Ostens ihre Unterstützung entzogen und gipfelte in den systematischen Christenverfolgungen eines Timur-Leng (1360–1405), der in Zentralasien sein neues Mongolenreich aufbaute – und sich in das heutige türkisch-irakische Grenzgebiet geflüchtet hatten, konnten die damals allesamt ost-syrischen Thomaschristen von dort keinen Beistand mehr erwarten. In ihrer Not wandten sich die ost-syrischen Thomaschristen an das west-syrische Syrisch-Orthodoxe Patriarchat von Antiochien, welches 1665 Hilfe und Apostolische Sukzession für die einheimischen Bischöfe einer von Rom unabhängigen, nun west-syrischen, Kirche gewährten.

Diese nun entstandene west-syrische Kirche Indiens, welche man als Malankarische Kirche bezeichnen kann, erfuhr ihre ersten Abspaltungen Ende des 18. und Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts, und zwar maßgeblich durch den Einfluss der britischen Kolonialherrschaft in Indien, namentlich durch die Church Missionary Society: Aus dieser Zeit datieren die Gründungen der drei oben genannten Evangelischen Ostkirchen.

Zur inneren Spaltung der beim Syrisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien verbliebenen Malankaren kam es ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, die sich 1912 erstmals verfestigte: Während die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Malankara aus denjenigen west-syrischen Malankaren hervorgegangen ist, welche die erst Ende des 19. Jahrhunderts wiederhergestellte enge Bindung an das Patriarchat von Antiochien befürwortete („Patriarchats-Partei“), hat die Malankara Orthodoxe Syrische Kirche ihren Ursprung in der gegnerischen Fraktion, welche die Autokephalie der indischen Kirche unter einem eigenen, in Indien residierenden, Katholikos anstrebte („Katholikats-Partei“). Als die Katholikats-Partei 1912 mithilfe eines Syrisch-Orthodoxen Altpatriarchen das 1859 erloschene Amt des Maphrian – so der seit dem 12. Jahrhundert auch als Katholikos bezeichnete Titel des Syrisch-Orthodoxen Metropoliten von Tagrit im Norden des heutigen Irak – in Indien wiedererstehen ließ, kam es zum offiziellen kirchlichen Bruch zwischen den beiden angesprochenen Parteien, da sich von nun an zwei orthodoxe west-syrische Jurisdiktionen in Malankara gegenüberstanden. Zwischenzeitlich gelang es ab 1958 eine Aussöhnung und Wiedervereinigung beider Parteien unter der Jurisdiktion des Syrisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien zu erreichen, doch 1975 kam es offiziell zum erneuten Bruch und zur Wiedererrichtung paralleler jurisdiktioneller Strukturen.

Durch die zahlenmäßige Stabilisierung ihrer Gläubigen – in etwa jeweils 1,5 Millionen in beiden Kirchen – und die Errichtung und Etablierung jeweils eigener, voneinander völlig unabhängiger, gut funktionierender Strukturen und Einrichtungen für alle Bereiche des kirchlichen Lebens, scheint eine erneute Aussöhnung und Wiedervereinigung zurzeit nicht mehr die dringlichste Aufgabe für beide Kirchen zu sein.

Zu einer dritten Spaltung innerhalb der Malankaren kam es 1930: Die Synode der Malankara Orthodoxen Syrischen Kirche suchte ab 1926 den Kontakt zu Rom, um mit Rom über eine Vereinigung der beiden getrennten Orientalisch-Orthodoxen Kirchen west-syrischer Tradition auf dem indischen Subkontinent zu einer einzigen Kirche, welche mit der Römisch-Katholischen Kirche in voller Communio stehen sollte, zu verhandeln. Da die römische Seite sich sehr verhandlungsbereit zeigte und alle Eigentraditionen der Malankaren vorbehaltlos anerkannte, kam es 1930 bereits zu einer Einigung. Obwohl viele Kleriker und Gläubige beider Kirchen sich der nun entstandenen Syro-Malankarischen Kirche anschlossen, erfüllte sich die Vision nicht, dass die beiden Streitparteien durch eine vollständige Union mit Rom zu einer geeinten Kirche wieder zusammenfinden würden. Stattdessen gibt es seit 1930 nicht nur drei Evangelische Ostkirchen und zwei Orientalisch-Orthodoxe Kirchen, sondern zusätzlich auch noch eine Katholische Ostkirche mit heute fast einer halben Millionen Gläubigen, auf die sich die Malankaren seitdem aufteilen.

Blickt man heute auf die Thomaschristen Südindiens bietet sich aus konfessionskundlicher Perspektive ein höchst kompliziertes Panorama dar, da die knapp neun Millionen Thomaschristen in acht verschiedenen voneinander getrennten Kirchen organisiert sind. Wohlgemerkt machen die Thomaschristen jedoch nur etwa ein Viertel aller Christen auf dem indischen Subkontinent aus! Dieses Bild gewinnt noch zusätzlich an Komplexität, wenn man weiß, dass es bis heute immer wieder zu zahlreichen Übertritten einzelner Gläubigen – darunter auch Priester und Bischöfe –, ganzer Familien oder auch gesamter Pfarren von der einen Kirche zur anderen kommt. Das christliche Abendland muss heute in Demut bekennen, dass es maßgeblich Schuld an dieser zersplitterten Situation hat: Bis zur Ankunft der Portugiesen an der Malabarküste gehörten alle Thomaschristen Jahrhunderte lang zu einer einzigen Kirche! Daher ist zu wünschen, dass gerade der Westen sich an der notwendigen Aufarbeitung einer Reinigung des Gedächtnisses im Bezug auf die neuzeitliche Kirchengeschichte Indiens aktiv beteiligt. Erste vorsichtige Schritte auf diesem wohl längeren Weg sind zum Glück bereits gegangen worden.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB