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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Melkitische Griechisch-Katholische Kirche

  • Gläubigeca. 1,6 Millionen in Syrien, Libanon, Israel, Palästina, Jordanien und Ägypten; große Diasporadiözesen in Amerika (Brasilien: 420.000 Gläubige; Argentinien: 300.000) und Australien (50.000 Gläubige)
  • SitzDamaskus (Syrien)
  • Diözesen19 (Erz-)Diözesen und 4 Exarchate
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheArabisch
  • Kalendergregorianisch (in Syrien wird das Osterfest jedoch seit 2002 gemeinsam mit den Orthodoxen nach julianischem Kalender gefeiert)
  • Titel des ErsthierarchenPatriarch von Antiochien und dem Ganzen Orient, von Alexandrien und von Jerusalem

Die Bezeichnung Melkit ist in jüngerer Zeit zu einem feststehenden terminus technicus für einen arabischsprachigen Katholiken des byzantinischen Ritus geworden. Wenn im Nahen Osten heute von der Melkitischen Kirche die Rede ist, besteht bei allen Gesprächsteilnehmern kein Zweifel daran, dass damit die Griechisch-Katholische Kirche in der arabischsprachigen Welt gemeint ist. Dies war nicht zu allen Zeiten so; denn ursprünglich wurden mit melkitisch alle Anhänger der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon (451) bezeichnet.

Weitere Informationen über die Melkitisch Griechisch-Katholische Kirche

Der Oströmische Kaiser war Protektor des Konzils von Chalkedon, seine Befürworter wurden von den Gegnern als kaisertreu beschimpft, wie man das syrisch-arabische Lehnwort melkitisch treffend übersetzen kann. Heute sind mit dem Wort keinerlei abwertende Konnotationen verbunden: Es ist zu einer wertneutralen Konfessionsbezeichnung geworden.

Die Anfänge der Melkitischen Kirche können bereits im 12. Jahrhundert verortet werden. In dieser Zeit wurde im Griechisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien dem Griechischen als Liturgiesprache schrittweise das Arabische an die Seite gestellt und es kam zu einer gewissen Absetzbewegung des Griechischen-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Interessanterweise entwickelten sich gute Beziehungen zwischen der Orthodoxen Kirche von Antiochien und den lateinischen Kreuzfahrern, die zu dieser Zeit den Nahen Osten beherrschten. Besonders dem von den Lateinern eingesetzten Patriarchen – der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochien lebte ja während der Kreuzfahrerherrschaft im Exil in Konstantinopel (bis 1268) – wurde großes Wohlwollen entgegengebracht.

Im 17. Jahrhundert konnte an diese weiter bestehende Offenheit gegenüber der westlichen Kirche angeknüpft werden, als immer mehr Ordensgemeinschaften aus Europa (besonders Kapuziner, Karmeliter und Jesuiten) auf dem Gebiet des Patriarchats von Antiochien tätig wurden und für eine Union mit Rom warben. Sie stießen bei nicht wenigen Hierarchen des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats auf offene Ohren. Namentlich muss Bischof Euthymios as-Saifī, der Erzbischof von Tyrus und Sidon genannt werden, der sich auf orthodoxer Seite ab 1700 sehr dafür einsetzte, eine Vereinigung mit Rom voranzubringen.

Ein gewichtiger Grund für die positive Einstellung gegenüber einer Union mit Rom von nicht wenigen Bischöfen, Priestern und Gläubigen des Patriarchats von Antiochien lag in dem politischen Millet-System des Osmanischen Reiches: Alle orthodoxen Gläubigen galten als eine Millet, eine Volksgruppe, die dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstanden und von ihm abhängig waren. Von einer Union mit Rom erhoffte man sich nicht nur größere politische und kirchliche Freiheiten, sondern auch eine Loslösung von der griechischen Kultur und Sprache. Es gab aber auch eine große Gruppe innerhalb des Patriarchats von Antiochien, die genau letzteres ablehnten, da sie eine weiter zunehmende Arabisierung ihrer Kirche verhindern wollten; sie kamen meist aus dem griechischen Sprachraum.

Zum eigentlichen Bruch zwischen der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und den Anhängern einer mit Rom in Gemeinschaft stehenden Kirche kam es im August 1724: Athanasios, der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochien, verstarb und es musste ein Nachfolger gefunden werden. In Damaskus versammelten sich die Bischöfe, die einer Union mit Rom positiv gegenüberstanden, und wählten den Neffen von Bischof Euthymios, Seraphim Tanas, einen klaren Befürworter der Unionspläne, zum neuen Patriarchen Kyrillos VI. In Aleppo versammelten sich zur gleichen Zeit die meist aus Zypern stammenden unionskritischen Bischöfe, die ihrerseits ebenfalls einen neuen Patriarchen wählten, nämlich den zypriotischen Mönch Sylvester, der den Namen Jeremias III. annahm.

Jeremias III. wurde schließlich vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel zum neuen Griechisch-Orthodoxen Patriarchen von Antiochien ernannt. Die osmanischen Herrscher erkannten Jeremias als einzigen rechtmäßigen Nachfolger des verstorbenen Patriarchen Athanasios an, während Kyrillos exkommuniziert und des Landes verwiesen wurde. Kyrillos nahm Zuflucht im Erlöserkloster bei Sidon im Libanon. Dort errichtete er seinen Patriarchatssitz. 1729 erkannte Papst Benedikt XIV. die Wahl Kyrillos VI. als rechtmäßig an und verlieh ihm als Zeichen der kirchlichen Einheit mit Rom das Pallium. Die Nachfolger von Kyrillos auf dem Patriarchenstuhl verstehen sich als rechtmäßige Nachfolger der Patriarchen von Antiochien und führen daher die Zählung der einzelnen Patriarchennamen ununterbrochen bis heute weiter.

Umfasste die anfangs kleine Griechisch-Katholische Gemeinde in etwa nur das Gebiet der heutigen Staaten Syrien und Libanon, nahm ihre Zahl rasch zu, da vielen Gläubigen des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien die enge Kooperation ihrer Kirche mit den osmanischen Herrschern ein Dorn im Auge war. Als es in Ägypten zu Aufständen gegen das Osmanische Reich kam, wanderten zahlreiche melkitische Katholiken nach Palästina und Ägypten aus. 1772 wurden daher alle Katholiken des byzantinischen Ritus auf dem Gebiet der drei altkirchlichen Patriarchate Alexandrien, Antiochien und Jerusalem dem Melkitischen Patriarchen unterstellt. So dass bis heute der Melkitische Griechisch-Katholische Patriarch Oberhaupt aller arabischsprachigen Katholiken des byzantinischen Ritus ist, was in seinem Titel zum Ausdruck kommt, den er seit 1838 offiziell führt: Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient, von Alexandrien und von Jerusalem.

Durch die stetig wachsenden Zahl der Melkitischen Gläubigen sahen sich die osmanischen Herrscher gezwungen, ihre feindliche Haltung gegenüber der Griechisch-Katholischen Kirche zu überdenken: 1848 wurde sie schließlich von staatlicher Seite rechtlich anerkannt und der Melkitische Patriarch konnte seinen bislang provisorischen Amtssitz nahe Sidon nach Damaskus verlegen. In den darauf folgenden Jahren entwickelte sich die Melkitische Griechisch-Katholische so gut, dass sie bis heute die Zahl der Gläubigen der drei Griechisch-Orthodoxen Patriarchate von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem übertrifft.

Seit ihrer Entstehung gab es innerhalb der Melkitischen Kirche verschiedene Strömungen, die um ein angemessenes Verhältnis von Nähe und Distanz zur Römisch-Katholischen Kirche rangen: Während sich eine Seite für eine stärkere Anbindung aussprach, verteidigte die andere das spezifisch ostkirchliche Erbe in Liturgie und Theologie. So gehörte Patriarch Grigorios II. Youssef auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) zu den schärfsten Kritikern der Konstitution Pastor aeternus, in der die Unfehlbarkeit des Papstes und dessen universaler Jurisdiktionsprimat definiert wurden. Vor der Verabschiedung des Dekrets reiste er aus Rom ab und akzeptierte es später nur unter der Bedingung, dass alle Rechte und Privilegien der Patriarchen der östlichen Kirchen unangetastet blieben. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war Patriarch Maximos IV. Sa’igh der Wortführer derjenigen, die sich vehement gegen eine weitere Latinisierung der Katholischen Ostkirchen aussprachen und für eine Neubesinnung auf die eigenen östlichen Traditionen warben, und zwar in allen Bereichen des kirchlichen Lebens.

Wurde der Melkitische Klerus von 1882 bis zum Sechstagekrieg 1967 im Seminar St. Anna in der Jerusalemer Altstadt vom Orden der Weißen Väter ausgebildet, studieren die Priesterkandidaten seit 1972 in Raboué im Libanon.

Es ist wohl schwierig, bei der Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche von einer unierten Kirche im klassischen Sinn zu sprechen, da es ja nie eine ausgehandelte Kirchenunion, vergleichbar der Union von Užhorod, Brest oder Siebenbürgen, gegeben hat. (Im Übrigen sollte man den Ausdruck unierte Kirchen für die Katholischen Ostkirchen heutzutage grundsätzlich vermeiden, da mit dieser Bezeichnung ein problematisches Kirchenbild und eine veraltete katholische Ekklesiologie verbunden ist, die mittlerweile offiziell lehramtlich überholt sind.) Vielmehr ging der Aufnahme der vollen Communio mit Rom ein Schisma innerhalb des Griechischen Patriarchats von Antiochien voran: Eine Seite versicherte sich daraufhin der Unterstützung durch Konstantinopel, während sich die andere Seite durch Rom legitimieren ließ. Auch wenn die Westkirche im Vorfeld unbestreitbar einen wesentlichen Anteil an diesem Schisma gehabt hat, kam es in der Folge nie zu der problematischen Entwicklung, die mancherorts den ökumenischen Dialog zwischen Orthodoxer und Griechisch-Katholischer Kirche in den ost- und südost-europäischen Ländern bis heute belastet. Die Beziehung zwischen Melkitischer Griechisch-Katholischer Kirche und dem Griechisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien ist heute sogar so gut, dass sich beide Seiten zu der Vision einer Wiedervereinigung der beiden Patriarchate bekennen und in vielen Bereichen schon jetzt eng vernetzt zusammenarbeiten. So gibt es seit 1996 eine konstruktiv arbeitende gemischte Kommission beider Patriarchate; und seit 2002 wird das Osterfest wieder gemeinsam nach dem julianischen Kalender gefeiert.

Die Melkitische Kirche ist nach der Maronitischen heute die zweitgrößte Katholische Kirche des Nahen Ostens. Von ihr gehen viele wichtige Impulse und Initiativen für den ökumenischen Dialog in der Region aus. Sie engagiert sich darüber hinaus auch stark im Bildungsbereich und im sozial-karitativen Sektor. Besonders in Israel hat die Melkitische Kirche in den letzten Jahren mehrere beachtliche Projekte ins Leben gerufen. Ihr stark entwickeltes eigenständiges Identitätsbewusstsein wurde für die Weltöffentlichkeit während der Beerdigungsfeierlichkeiten von Papst Johannes Paul II. in Rom erlebbar, als Vertreter der Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche es sich nicht nehmen ließen, dem verstorbenen Papst eigens auf Arabisch in ihrer liturgischen Tradition die letzte Ehre zu erweisen.

Die Melkitische Griechisch-Katholische Kirche hat heute eine weltweite große Diaspora, vor allem in Lateinamerika. So umfasst die Eparchie für Brasilien 420.000 Gläubige und das erst 2002 errichtete Apostolische Exarchat für Argentinien 300.000.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB