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Kirche von Polen

  • Gläubigeca. 500.000
  • SitzWarschau (Polen)
  • Diözesen6 Diözesen, ausschließlich in Polen
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch und Polnisch
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenMetropolit von Warschau und ganz Polen
  • e-mailcerkiew@orthodox.pl, orthodox@orthodox.pl

Die Kirchengeschichte des Gebietes der heutigen baltischen Staaten, Polens, der Ukraine und Weißrusslands ist eine sehr schwierige, die viele Forscher bis heute beschäftigt. Es ist die Geschichte der Konflikte zwischen den Gläubigen der römisch-katholischen und der orthodoxen Christen, welche unter anderem eine dritte Gruppe in die Geschichte hat treten lassen, nämlich die katholischen Ostkirchen. Häufig waren es machtpolitische Faktoren, die das ihre dazu beitrugen. Dieser Abschnitt der Christentumsgeschichte belastet bis heute. Beim Betrachten der gegenwärtigen kirchenpolitischen und ökumenischen Lage in dieser Region kann man in jüngster Zeit jedoch auch immer wieder zarte Hoffnungszeichen entdecken.

Weitere Informationen über die Kirche von Polen

So ist es ein nicht zu unterschätzendes starkes Zeichen, dass heute im mehrheitlich römisch-katholisch geprägten Polen eine vitale autokephale Orthodoxe Kirche existiert, die zugleich die größte Minderheitskirche in diesem Land darstellt und in die polnische Kultur und Gesellschaft hervorragend integriert ist, was nicht zuletzt daran deutlich wird, dass Polnisch als Liturgiesprache in dieser Kirche immer mehr neben das Kirchenslawische tritt. Diese Polnische Orthodoxe Kirche beteiligt sich zudem aktiv am ökumenischen Dialog in ihrem Land und ist Mitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK). Sie unterhält ein Theologisches Seminar in Warschau und eine orthodoxe Abteilung an der 1954 gegründeten konfessionsübergreifenden christlichen Akademie.

Die orthodoxen Christen polnischer Abstammung gehörten sehr lange zur Metropolie von Kiew, die bis 1686 dem Ökumenischen Patriarchat unterstand und danach in das Moskauer Patriarchat integriert wurde. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie Teil der Russischen Orthodoxen Kirche.

Mit der Wiedererrichtung Polens als eines unabhängigen souveränen Staates im Jahr 1918 kam es sehr bald zu Autokephaliebestrebungen der polnischen orthodoxen Bischöfe, die von staatlicher Seite unterstützt wurden. Die Zahl der orthodoxen Christen auf dem polnischen Staatsgebiet betrug in dieser Zeit beachtliche 4 Millionen Gläubige, unter ihnen viele Weißrussen und Ukrainer. Im September 1921 verlieh der Russische Patriarch Tichon der Orthodoxen Kirche von Polen den Autonomie-Status und gründete ein Exarchat unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats. Nach der Verhaftung Tichons durch die Sowjetbehörden wurde im September 1922 in Warschau ein Heiliger Synod geschaffen, der beschloss, den Status der Autokephalie anzustreben.

Am 13. November 1924 wurde dann die Autokephalie der Polnischen Orthodoxen Kirche vom Ökumenischen Patriarchen Grigorios VII. anerkannt, dessen Beschluss schon bald die Mehrzahl der anderen autokephalen Kirchen folgte. Die Russische Orthodoxe Kirche widersetzte sich zunächst diesem Schritt; im Jahr 1948 wurde schließlich aber auch vom Moskauer Patriarchat die Kirche von Polen für autokephal erklärt.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde Ost-Polen durch die Sowjetunion annektiert und der noch junge Staat verlor 42 Prozent seines Territoriums, darunter vor allem die Siedlungsgebiete der orthodoxen Gläubigen, die nun auf dem Gebiet der Sowjetrepubliken Weißrussland und Ukraine lagen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das polnische Staatsgebiet nach Westen verschoben und die Orthodoxe Kirche des Landes sah sich mit der mühsamen Aufgabe einer Neuorganisation und -konsolidierung konfrontiert. Die Zahl der Gläubigen war durch die Gebietsverluste im Osten zum einen erheblich geschrumpft, zum anderen mussten neue Strukturen in den ehemaligen deutschen Gebieten im Westen geschaffen werden, da viele ukrainische und weißrussische Gläubige in diese Gebiete geflohen waren oder zwangsweise umgesiedelt wurden.

Heute gibt es im Osten Polens, im Gebiet um Bialystok, eine mehrheitlich orthodox geprägte Region, während im Westen des Landes sich die orthodoxen Gläubigen in einer weit verstreuten Diasporasituation befinden.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB