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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Patriarchat von Rumänien

  • Gläubigeca. 20 Millionen
  • SitzBukarest (Rumänien)
  • Diözesen38 Diözesen, davon je 1 in der Republik Moldawien, in Ungarn, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, in den USA und in Australien
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheRumänisch
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenErzbischof von Bukarest, Metropolit der Walachei und Patriarch der Orthodoxen Kirche in Rumänien
  • e-mailpatriarhia@patriarhia.ro

Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist eine singuläre Erscheinung innerhalb der Gesamtorthodoxie: Es ist die einzige autokephale Orthodoxe Kirche des romanischen Sprach- und Kulturraums. Rumänien straft das Klischee des geteilten Europas Lügen: als ob es auf der einen Seite den romanischsprachigen katholischen Westen und das protestantische Nordeuropa und auf der anderen Seite den griechisch- und slawischsprachigen orthodoxen Osten gäbe. In Rumänien verbindet sich eine fest verankerte romanische Sprache und Kultur mit einer tief verwurzelten orthodoxen Kirchlichkeit zu einer untrennbaren Einheit.

Kirche zu den drei Heiligen in IasiKlosterkirche CaldorusaniNonnenkloster Rametz

Weitere Informationen über das Patriarchat von Rumänien

Dass diese Kirchlichkeit wirklich tiefe Wurzeln in Rumänien geschlagen hat, wird nicht nur in der starken Zugehörigkeit der Rumänen zur Rumänischen Orthodoxen Kirche sichtbar, sondern auch in dem regen Zulauf, den die Klöster erfahren und vor allem in der Widerstandskraft der Gläubigen während der Zeit des Ceausescu-Regimes: Trotz staatlicher Repressalien und Verfolgungen gegen die Kirche – wie in den anderen Ländern des Warschauer Pakts – blieb der überwältigende Großteil der Christen ihrer Kirche treu! Das Modell eines kommunistischen Staats-Atheismus konnte in Rumänien nicht durchgesetzt werden. Heute bekennen sich ca. 86% aller Bewohner Rumäniens zur Rumänischen Orthodoxen Kirche.

Die Anfänge des Christentums auf rumänischem Boden reichen bis in die früheste Zeit zurück: Römische Soldaten, die 106 unter Kaiser Trajan das Gebiet der Dacia eroberten, sollen nicht nur die lateinische Sprache – aus der sich das heutige Rumänisch entwickelt hat – sondern auch den christlichen Glauben mitgebracht haben. Die erste Liturgiesprache war also Latein, die aber bald durch das Griechische abgelöst wurde. Im Gebiet der heutigen Dobrudscha, an der Schwarzmeerküste, gab es nämlich zahlreiche griechische Städte, die das Christentum in seiner byzantinischen Prägung angenommen hatten und es verbreiteten. Am ersten Ökumenischen Konzil von Nikaia (325) soll ein Bischof aus Tomis (dem heutigen Konstanza) teilgenommen haben. 535 gründete Kaiser Justinian das Erzbistum Prima Justiniana, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Gebiete nördlich der Donau fielen.

Im 10. Jahrhundert gab es einen erneuten Wechsel in der Liturgiesprache: Die Liturgie wurde von nun an für die nächsten 700 Jahre in Kirchenslawisch gefeiert. Dieser Wechsel war durch den stetig wachsenden Einfluss der Bulgaren auf das heutige Rumänien bedingt. Während des Zweiten Bulgarenreichs (1186–1396) unterstanden die Gläubigen Rumäniens sogar jurisdiktionell dem bulgarischen Patriarchen von Tirnovo.

Zum Ende des Zweiten Bulgarenreichs hin entstanden die südlich und östlich der Karpaten gelegenen Fürstentümer der Walachei und der Moldau. Sie erhielten eigenständige kirchliche Strukturen unter der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. Für die Walachei wurde 1359 ein Metropolie mit Sitz in Curtea de Arges errichtet, der 1517 nach Targoviste verlegt wurde und 1668 schließlich nach Bukarest. Für das Fürstentum Moldau residierte ab 1401 in Suceava ein Metropolit und ab dem 17. Jahrhundert in Iasi. Die Kirche der beiden Fürstentümer erreichte in den folgenden Jahrhunderten einen unbeschreiblichen Aufschwung und eine große Blütezeit: Vom Berg Athos her breitete sich das Mönchtum rasch aus und es wurden zahlreiche wunderbare Kirchen und Klöster gegründet. Die im 16. Jahrhundert errichteten Moldau-Klöster mit ihren einzigartigen Außenwandfresken (Humor, Moldovita, Voronet und Sucevita) gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe und werden ob ihrer künstlerischen Qualität in der Kunstgeschichte als das „Byzanz nach Byzanz“ bezeichnet. Ab dem 16./17. Jahrhundert kam es auch zum dritten Wechsel in der Liturgiesprache: Das Kirchenslawische wurde schrittweise immer mehr durch das Rumänische verdrängt.

Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert waren die beiden Fürstentümer Vasallen des Osmanischen Reiches, durften aber eine gewisse Autonomie bewahren: Die beiden Fürstentümer mussten dem Sultan militärische und finanzielle Unterstützung leisten, blieben aber in der Regelung ihrer innenpolitischen Angelegenheiten völlig selbständig. Auch die Kirche konnte sich in dieser Zeit frei entfalten. Lediglich im 18. Jahrhundert versuchte das Osmanische Reich seinen Druck auf die beiden Fürstentümer zu erhöhen, da deren geringe Loyalität bemängelt wurde.

1859 wurden durch eine Personalunion die beiden Fürstentümer Moldau und Walachei zu einem Staat vereinigt, der 1878 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangte. Durch die Vereinigung der beiden Fürstentümer schlossen sich auch die Kirchen der beiden Metropolien zusammen und bildeten ab 1864 eine gemeinsame Synode mit dem Metropoliten von Bukarest an ihrer Spitze. 1885 wurde – nur sieben Jahre nach der staatlichen Unabhängigkeit Rumäniens – der Rumänischen Orthodoxen Kirche vom Ökumenischen Patriarchat die Autokephalie zuerkannt.

Die Orthodoxen im innerhalb des Karpatenbogen gelegenen Fürstentum Siebenbürgen (Transsylvanien) haben eine eigene Geschichte: 1574 wurde in Sibiu (Hermannstadt) ein Metropolitansitz für das mehrheitlich orthodox gewordene Fürstentum errichtet. 1687 – nach der gescheiterten Türkenbelagerung Wiens und der darauf folgenden Gegenoffensive – wurden die Osmanen aus Transsylvanien vertrieben, und Siebenbürgen wurde Teil der Habsburger-Monarchie. Dies hatte zur Folge, dass sich die soziale Stellung der nur geduldeten Orthodoxen verschlechterte. Es wurde von staatlicher Seite eine kirchliche Union mit Rom gefördert. Mit dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. (1781) verbesserte sich die Situation. Seit 1783 war die Orthodoxe Metropolie von Siebenbürgen jurisdiktionell der Serbischen Orthodoxen Kirche unterstellt bis sie 1864 die Autonomie erlangte.

1918 verdoppelte sich das Staatsgebiet: Zu den Fürstentümern Moldau und Walachei, die zusammen das Königreich Rumänien gebildet hatten, kamen nun Siebenbürgen, die Bukowina, Bessarabien und ein Teil des Banats hinzu. Die kirchlichen Strukturen wurden durch ein Organisationsgesetz 1925 der sich veränderten Situation angepasst. Im selben Jahr erfolgte die Erhebung der Rumänischen Orthodoxen Kirche zum Patriarchat.

In der Zeit des kommunistischen Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Sturz Nikolae Ceausescus im Dezember 1989 hatte die Rumänische Orthodoxe Kirche eine Periode der staatlichen Unterdrückung zu überstehen. Besonders in den Jahren zwischen 1958 und 1962 war sie massiven Restriktionen und Verfolgungen ausgesetzt. Die Kirchenleitung wurde zu einer staatskonformen Politik verpflichtet. Die Kirche konnte erreichen, dass wenigstens einige Klöster, Priesterseminare und Theologische Hochschulen nicht vom Staat konfisziert wurden und weiter wirken konnten – wenn auch im eingeschränkten Maße. Dadurch dass die kirchlichen Strukturen nicht völlig ausgelöscht worden waren, konnte die Rumänische Orthodoxe Kirche nach der Wende 1989 das Glaubens- und Gemeindeleben relativ rasch wieder erneuern und die theologische Ausbildung des Klerus optimieren.

Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist zweifelsohne eine der wichtigsten Orthodoxen Kirchen: Mit 20 Millionen Gläubigen ist sie nach der Russischen die zweitgrößte. Aber nicht nur ihre numerische Größe und ihre vielen Klöster verleihen ihr eine enorme Bedeutung, sondern vor allem auch ihre zahlreichen renommierten Theologen, die zur weltweiten Exzellenz gehören und sich besonders aktiv im ökumenischen Dialog engagieren; stellvertretend sei nur Dumitru Staniloae (1903–1993) genannt.

Seit 1961 ist das Patriarchat von Rumänien Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Rumäniens ökumenische Aufgeschlossenheit wurde für die breite Öffentlichkeit 1999 sichtbar, als Papst Johannes Paul II. mit Rumänien erstmals ein mehrheitlich orthodox geprägtes Land als Oberhaupt der Katholischen Kirche besuchen konnte. Im September 2007 war die Rumänische Kirche außerdem Gastgeber der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV) in Sibiu (Hermannstadt).

Nikodemus C. SCHNABEL OSB