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Pro Oriente

Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche

  • Gläubigeca. 650.000, davon etwa 380.000 in der Ukraine, ca. 180.000 in der Tschechischen Republik und ca. 90.000 in den USA
  • SitzUžhorod (Ukraine)
  • Diözesen1 Diözese in der Ukraine, 4 Diözesen in den USA, 1 Apostolisches Exarchat in der Tschechischen Republik
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch, Ukrainisch, Slowakisch und Englisch (in den USA)
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenBischof von Mukacevo

Obwohl die Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche keine kleine Kirche ist, ist sie seit ihrer Entstehung in ständiger Gefahr entweder aufgerieben oder kaum wahrgenommen zu werden. Ihr Hauptproblem besteht darin, dass sie die Kirche eines Volkes ist, das nie eine eigene politische Nation gebildet hat, nämlich der ostslawischen Ruthenen, die im Slawischen Rusini genannt werden. Im 11. Jahrhundert wurden als Ruthenen die slawischen Stämme bezeichnet, die im Osten der Königreiche Polen und Litauen und in der transkarpatischen Ukraine im damaligen Königreich Ungarn lebten. Heute gehören diese Gebiete zur Ukraine und zur Slowakei.

Weitere Informationen über die Ruthenisch Griechisch-Katholische Kirche

Da für die Griechisch-Katholischen Christen in der Slowakei in jüngster Zeit eigene kirchenrechtliche Strukturen aufgebaut werden konnten, bezeichnet man heute als Ruthenische Kirche ausschließlich die Griechisch-Katholische Kirche im äußersten Westen der Ukraine im Gebiet um den Bischofssitz Užhorod und die durch die große Emigration im 20. Jahrhundert entstandenen Diasporakirche in des USA. Seit 1996 gehören auch die etwa 180.000 Katholiken des byzantinischen Ritus in der Tschechischen Republik formell zur Ruthenischen Kirche. Für diese Gläubigen wurde ein Apostolisches Exarchat errichtet, in dem seelsorgerisch auch viele katholische Priester tätig sind, die ursprünglich der lateinischen Tradition angehörten: Sie waren als verheiratete Männer während der schwierigen Zeit der kommunistischen Herrschaft heimlich im Untergrund geweiht worden. Im Gegensatz zum römischen Ritus besteht in den östlichen Riten der Katholischen Kirche für die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern kein Weiheverbot.

Der christliche Glaube gelangte in das Gebiet der so genannten Karpato-Ukraine schon im 9. Jahrhundert als es noch zum Großmährischen Reich gehörte. Die Slawenapostel Kyrill und Method werden für diese Region als Erstverkündiger des Evangeliums verehrt, was erklärt, warum das Christentum hier von Anfang an in seiner byzantinischen Tradition praktiziert wurde. Für 1491 ist erstmals ein Bischof von Mukacevo schriftlich bezeugt.

Die Geschichte der Ruthenischen Kirche als Teil der Katholischen Weltkirche beginnt erst in der Neuzeit. Die Gründe für die Unionsbestrebungen waren interessanterweise von gegenreformatorischer Natur. Der größte Teil der Karpato-Ukraine gehörte nämlich seit dem späten 11. Jahrhundert zum Königreich Ungarn. Als sich im 16. Jahrhundert ein Großteil der ungarischen Bevölkerung den Lutheranern und reformierten Calvinisten anschloss, versuchte man den Kirchen der Reformation im Osten des Reiches zuvorzukommen und die orthodoxen Ruthenen für eine Union mit Rom zu gewinnen, wobei die Initiative hierfür von den orthodoxen Bischöfen von Mukacevo ausging.

Zum endgültigen Unionsabschluss kam es am 23. April 1646 in der Schlosskirche von Užhorod: Der Römisch-Katholische Bischof von Eger und 63 orthodoxe ruthenische Priester der Diözese Mukacevo schlossen die so genannte Union von Užhorod, welche die Geburtsstunde der Ruthenischen Griechisch-Katholischen Kirche markiert. Als ihre „Väter“ kann man die beiden Basilianermönche Gabriel Kosovicky und Parthenios Petrovic bezeichnen, die im Vorfeld die Mehrheit des ruthenischen Klerus und der Gläubigen für eine Union mit Rom gewinnen konnten. Der Union von Užhorod folgten weitere lokale Unionsabschlüsse 1664 und 1713 in den restlichen Gebieten der Karpato-Ukraine, so dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts fast alle ruthenischen Christen in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom standen.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war die kirchenrechtliche Situation für die Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche recht unbefriedigend gelöst: Der Ruthenische Bischof von Mukačevo unterstand als Ritualvikar dem Römisch-Katholischen Bischof von Eger und die Griechisch-Katholischen Priester waren Pfarrern der lateinischen Tradition als Kapläne zugeordnet. Aufgrund von Interventionen durch Kaiserin Maria Theresia errichtete Papst Clemens XIV. 1771 mit der Bulle Eximia Regalium Principum die Eparchie Mukacevo, wodurch die Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche kanonisch selbständig wurde und völlig unabhängig von den Römisch-Katholischen Kirchenstrukturen. Folgerichtig wurde 1778 in Užhorod ein eigenes Priesterseminar für die Ausbildung des ruthenischen Klerus gegründet. In dieser Zeit wurde auch der Bischofssitz nach Užhorod verlegt, wobei die Eparchie die Bezeichnung Mukacevo bis auf den heutigen Tag weiter beibehalten hat. 1818 wurde der Eparchie von Mukacevo die Diözese Prešov ausgegliedert, die auf dem Gebiet der heutigen Slowakei liegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet der Ruthenischen Griechisch-Katholischen Kirche Teil der neu gebildeten Republik Tschechoslowakei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich die Situation für die Ruthenische Kirche dramatisch. Während die Diözese Prešov bei der Tschechoslowakei verblieb, wurde das Gebiet der Eparchie Mukacevo Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die Sowjetunion schloss zunächst 1946 das Priesterseminar von Užhorod, bevor sie 1949 die Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche gänzlich verbot: Ihre Gläubigen wurden der Russischen Orthodoxen Kirche eingegliedert. In der kommunistischen Tschechoslowakei wurde parallel verfahren.

Mit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine am 24. August 1991 wurde die Wiedergeburt der Ruthenischen Griechisch-Katholischen Kirche eingeläutet. Ab diesem Zeitpunkt erhielt nämlich die Ruthenische Kirche den Großteil ihres früher enteigneten Besitzes vom Staat zurück. Bereits zuvor, und zwar im Jänner 1991, konnte die Eparchie Mukacevo kanonisch wiedererrichtet werden. In Užhorod konnte im selben Jahr auch ein neues Priesterseminar gegründet werden.

Heute kooperiert die Ruthenische Griechisch-Katholische Kirche eng mit der um ein Vielfaches größeren Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, die ja beide auf dem Staatsgebiet der Ukraine liegen. Bei aller intensiven Zusammenarbeit besteht ob des signifikanten Größenunterschieds beider Kirchen bei der Ruthenischen Kirche jedoch die latente Angst, von ihrer ukrainischen Schwesterkirche zu sehr vereinnahmt zu werden, weshalb von ersterer immer wieder an die genuin eigenen ethnischen Wurzeln erinnert wird.

Die etwa 90.000 Ruthenen, die teilweise schon seit mehreren Generationen in den USA leben, sind jurisdiktionell unabhängig von der Ruthenischen Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine. In den Vereinigten Staaten existieren vier Ruthenische Diözesen (Pittsburgh, Passaic, Parma und Van Nuys), von denen Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania Metropolitansitz ist. Dort befindet sich auch das Ruthenische Priesterseminar für die US-amerikanischen Diözesen. Im Gegensatz zu der Praxis ihrer Mutterkirche werden in den USA nur unverheiratete Männer zu Priestern geweiht. Obgleich die Ruthenen in den USA um die Bewahrung ihrer religiös-nationalen Identität bedacht sind, feiern sie ihre Liturgie hauptsächlich in englischer Sprache.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB