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Pro Oriente

Syro-Malankarische Kirche

  • Gläubigeca. 430.000, vor allem in Indien im südlichen Bundesstaat Kerala und etwa 10.000 in den USA
  • SitzTrivandrum, Kerala (Indien)
  • Diözesen8 (Erz-)Diözesen in Indien und 1 Apostolisches Exarchat in den USA
  • Rituswestsyrisch
  • LiturgiespracheMalayalam (südindische Sprache)
  • Kalendergregorianisch
  • Titel des ErsthierarchenGroßerzbischof von Trivandrum der Syro-Malankaren

Die Syro-Malankarische Kirche ist eine Kirche der westsyrischen Tradition (genauso wie die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die Malankara Orthodoxe Syrische Kirche und die beiden anderen Katholischen Ostkirchen der westsyrischen Tradition, nämlich die Syrisch-Katholische Kirche und die Maronitische Kirche), deren Gläubige fast ausnahmslos im südindischen Bundesstaat Kerala leben. Sie darf nicht mit der im gleichen Gebiet vorkommenden anderen Katholischen Ostkirche, der Syro-Malabarischen Kirche (ostsyrischer Ritus), verwechselt werden.

Weitere Informationen über die Syro-Malankarische Kirche

Die Entstehung der Syro-Malankarischen Kirche im Jahr 1930 ist nur vor dem Hintergrund der Situation des westsyrischen Christentums in Indien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu begreifen. 1911 kam es nämlich zu einer Spaltung innerhalb der zum Syrisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien gehörenden Gläubigen auf dem Subkontinent: Eine Gruppe befürwortete die erst Ende des 19. Jahrhunderts wiederhergestellte enge Bindung an das Patriarchat von Antiochien („Patriarchats-Partei“), während eine andere Gruppe die Autokephalie der indischen Kirche unter einem eigenen, in Indien residierenden, Katholikos anstrebte („Katholikats-Partei“). 1912 erwuchs aus der Katholikats-Partei eine autokephale Orientalisch-Orthodoxe Kirche, nämlich die Malankara Orthodoxe Syrische Kirche, während die Gläubigen der Patriarchats-Partei der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Malankara angehören, einer autonomen Kirche unter der Jurisdiktion des Syrisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien. Nach einer Wiedervereinigung beider Kirchen 1958, gehen sie seit 1975 wieder getrennte Wege. Beide sind heute in etwa gleich groß und umfassen jeweils etwa 1,5 Millionen Gläubige.

Die so 1912 entstandene Doppelhierarchie führte zu einer zunehmenden Unzufriedenheit, so dass 1926 die Synode der Katholikats-Partei einen Vertreter aus ihren Reihen beauftragte, Kontakt mit der Römisch-Katholischen Kirche aufzunehmen. Dieser offizieller Vertreter war der erst 1925 zum Bischof geweihte Metropolit von Betanien (Kerala), Mar Ivanios, mit bürgerlichem Namen Geevarghese Thomas Panikkaruveettil: eine der herausragenden charismatischen Gestalten der indischen Kirche und Theologie, der bis heute über Konfessionsgrenzen hinweg höchstes Ansehen im christlichen Indien genießt und dessen offizielle Heiligsprechung von nicht wenigen für die Zukunft erhofft wird.

Mar Ivanios (1882–1953) stammte aus Mavelikara im südindischen Bundesstaat Kerala und wurde vor der der Spaltung der Malankarischen Kirche in eine Patriarchats- und eine Katholikats-Partei 1908 Rektor des Syrisch-Orthodoxen Priesterseminars in Kottayam und im Folgejahr zum Priester geweiht. Nach der Spaltung 1912 gehörte er zur Katholikats-Partei. 1919 gründete er den ersten Malankara Orthodoxen Syrischen Männer- und Frauenorden Indiens, dessen Mitglieder sich 1930 mehrheitlich zusammen mit ihm der Katholischen Kirche anschlossen, nämlich die Kongregation der Nachfolge Christi, genannt „von Betanien“ (Kerala), dessen offizielles Ordenskürzel heute OIC („Ordo de Imitatione Christi“) lautet. 1925 wurde er zum Bischof geweiht und kurz darauf Metropolit von Betanien in Kerala. Ab 1926 verhandelte er im Auftrag seiner Synode schriftlich mit Rom über eine Vereinigung seiner Kirche mit der Katholischen. In diesen Unionsverhandlungen konnte er erreichen, dass von römischer Seite die Beibehaltung des westsyrischen Ritus gestattet wurde, alle Weihen der in die Gemeinschaft mit Rom eintretenden Bischöfe, Priester und Diakone vorbehaltlos anerkannt wurden, sowie die Akzeptanz einer eigenständigen westsyrischen Kirchenstruktur in Indien, und zwar in vollständiger Unabhängigkeit vom Syrisch-Katholischen Patriarchat von Antiochien.

Am 20. September 1930 trat er zusammen mit seinem Ordensmitbruder, Bischof Mar Theophilos OIC, und fast allen anderen Mitgliedern seines von ihm gegründeten Ordens in die Katholische Kirche ein. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde der Syro-Malankarischen Kirche. 1932 erhielt er vom Papst das Pallium als erster Metropolit von Trivandrum (Hauptstadt des Bundesstaates Kerala) und erstes Oberhaupt der Syro-Malankarischen Kirche. Auch wenn sich später zwei andere Bischöfe, eine Reihe von Priestern und zahlreiche Gläubige der beiden zerstrittenen Malankarisch Orthodoxen Parteien der Syro-Malankarischen Kirche anschlossen, erfüllte sich Mar Ivanios’ Wunsch nicht, dass die beiden Streitparteien durch eine vollständige Union mit Rom zu einer geeinten Kirche wieder zusammenfinden würden.

Der enorm rasche Aufschwung der Syro-Malankarischen Kirche in ihren Anfangsjahren und ihre heutige beachtliche Größe wäre ohne das unermüdliche Wirken ihres ersten Metropoliten, der in vielen Bereichen Neuland betrat, nicht denkbar, und zwar sowohl im theologischen Denken wie auch im Bereich des Klassenschranken durchbrechenden diakonisch-karitativen Wirkens!

Im Februar 2005 wurde der Ersthierarch der Syro-Malankarischen Kirche, der Metropolit von Trivandrum, in den Rang eines Großerzbischofs erhoben und damit dem Ersthierarchen der älteren und größeren Syro-Malabarischen Kirche gleichgestellt. Seit 2005 wurden auch 5 neue Diözesen errichtet, so dass die Syro-Malankarische Kirche im Jahr 2012 mittlerweile in zwei Metropolitan-Erzdiözesen (Trivandrum und Tiruvalla) strukturiert ist, zu denen jeweils drei Suffragandiözesen gehören. Seit 2010 gibt es mit der Errichtung des Apostolischen Exarchats für die Vereinigten Staaten mit Sitz in New York erstmals auch eigene kirchliche Strukturen für die etwa 10.000 Syro-Malankaren, die in den USA leben.

Hat die Syro-Malankarische Kirche in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens die Syro-Malabarische Kirche oftmals um Unterstützung und Aufbauhilfe bei der Errichtung ihrer Priesterseminare und Ordenshäuser gebeten, was mitunter stark latinisierende Tendenzen zur Folge hatte, für welche die Syro-Malabarische Kirche zu dieser Zeit eine große Offenheit mitbrachte, sucht die Syro-Malankarische Kirche heute bewusst ihren eigenen Weg, der sich ausdrücklich der spezifisch-eigenen westsyrischen Tradition verpflichtet weiß.

Eine der großen Herausforderung der Gegenwart und Zukunft für die Katholische Kirche in Indien ist zweifelsohne das fruchtbringende gemeinsame Miteinander der drei großen in Südindien vertretenen Katholischen Kirchen, nämlich der Syro-Malabarischen, der Syro-Malankarischen und der Lateinischen (Römisch-Katholischen) Kirche, die in jüngster Zeit eher stärker auseinanderzustreben drohen.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB