Pro Oriente Logo

Wenn wir uns nicht bald
einig werden, gehen wir
gemeinsam unter.

Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche

  • Gläubigeca. 4,5 Millionen (davon etwa 3,8 Millionen in der Ukraine und etwa 700.000 in westlichen Ländern)
  • SitzKiew (Ukraine)
  • Diözesen23 (Erz-)Diözesen und 6 Exarchate in der Ukraine, Polen, USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Australien und Westeuropa
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch, Ukrainisch
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenGroßerzbischof von Kiew und Galizien

Durch ihre beachtliche Größe und ihre weltweite Präsenz – vor allem auch in Westeuropa – ist die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche wohl mit Abstand die bekannteste Katholische Ostkirche im Westen. Durch die Begegnungen mit Gläubigen, Gemeinden oder Gotteshäusern dieser Kirche wird vielen abendländischen Christen erstmals bewusst, dass „Katholisch“ nicht automatisch „Römisch-Katholisch“ heißen muss.

Weitere Informationen über die Ukrainisch Griechisch-Katholische Kirche

Mit der Taufe von Großfürst Vladimir von Kiew 988 begann der Beginn der Christianisierung der Völker der Kiewer Rus’: die heutigen Ukrainer, Weißrussen und Russen. Dabei hatte sich der Großfürst bewusst für das Christentum byzantinischer Prägung entschieden, wie die im 12. Jahrhundert entstandene oft zitierte Nestorchronik zu berichten weiß.

Bis hinein in das 13. Jahrhundert erlebte die Orthodoxe Kirche mit Sitz in Kiew einen enormen Aufschwung. 1237 eroberten die Mongolen das Kiewer Reich und zerstörten die Hauptstadt. Ein Großteil der Bevölkerung floh nach Norden und der Metropolit von Kiew verlegte 1326 seinen Sitz nach Moskau. Unmittelbar zuvor war Kiew von Litauen eingenommen worden und die Gebiete der späteren West-Ukraine und Weißrusslands kamen für dreihundert Jahre im Norden unter litauische und im Westen unter polnische Herrschaft.

Zunächst gelang eine lange Periode der friedlichen Koexistenz zwischen römisch-katholischen und orthodoxen Gläubigen. Seit dem 16. Jahrhundert jedoch, ausgelöst durch die immer stärker vordringende Reformationsbewegung und die darauf folgende Katholische Reform unter der Federführung der Jesuiten, suchten viele orthodoxe ukrainische Geistliche den Schulterschluss mit der Römisch-Katholischen Kirche, um nicht nur dem Protestantismus besser Paroli bieten zu können, sondern auch um die rechtliche Gleichstellung mit dem im katholisch dominierten Staat privilegierten katholischen Geistlichen zu erlangen. Durch die Gegenreformation war es nämlich zu einer wachsenden rechtlichen und sozialen Diskriminierung der Orthodoxen Kirche im Litauisch-Polnischen Reich gekommen – das sich 1569 durch die Union von Lublin staatsrechtlich vereinigt hatte –, so dass sich die Gefahr einer sozialen konfessionellen Spaltung in der Ukraine abzuzeichnen drohte, nämlich in eine katholische Elite einerseits und eine mehrheitlich orthodoxe soziale Unterschicht andererseits.

1595 wandten sich daher mehrere orthodoxe Bischöfe der Ukraine mit einer Bittschrift an Papst Klemens VIII., um eine Union mit Rom anzusuchen. Im Oktober 1596 beschloss der Heilige Synod der Kiewer Rus’ auf der Synode von Brest-Litowsk, die von Rom approbierte Union zu ratifizieren. Diese Union stieß jedoch schon sehr bald auf breiten Widerstand, und zwar nicht nur unter großen Teilen des Klerus, sondern auch in der Bevölkerung und vor allem im Adel: Einerseits stießen die massiven Latinisierungsbestrebungen auf Missfallen, andererseits verschaffte sich zunehmend der Ruf nach staatlicher Unabhängigkeit Gehör, der sich mit dem Wunsch einer eigenständigen Kirche verband. So kam es schon 1620 zur Wiedererrichtung einer orthodoxen Hierarchie mit einem eigenen Metropoliten von Kiew, der vom Griechisch-Orthodoxen Patriarchen von Jerusalem geweiht wurde.

Im Zuge der drei polnischen Teilungen im ausgehenden 18. Jahrhundert fielen weite Teile der Siedlungsgebiete der griechisch-katholischen Christen unter russische Herrschaft. Zar Nikolaus I. hob 1839 die Griechisch-Katholische Kirche auf und gliederte ihre Gläubigen entweder in die Russische Orthodoxe Kirche oder in die Römisch-Katholische Kirche ein. Lediglich in Galizien (heutige West-Ukraine) konnte die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche weiter existieren und sich entfalten, da dieses Gebiet seit 1772 zum Habsburgerreich gehörte, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg 1918 an Polen fiel.

Einen radikalen Einschnitt bedeutete für die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche der Einmarsch der Roten Armee in Galizien am Ende des Zweiten Weltkriegs und die Einverleibung der gesamten Ukraine in das Sowjetreich. Systematisch wurde von staatlicher Seite die Zerstörung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche betrieben, die als Hort der ukrainischen Nationalbewegung angesehen wurde. Schon im April 1945 wurden alle ihre Bischöfe inhaftiert und im März 1946 wurde unter massivem Druck der Regierung eine Synode der Ukrainischen Griechischen-Katholischen Kirche einberufen, an der aber kein legitim gewählter Bischof dieser Kirche mehr teilnehmen konnte. Auf dieser in Lviv (Lemberg) tagenden Synode wurde die Union mit Rom aufgelöst und die „Reunion“ mit der Russischen Orthodoxen Kirche beschlossen. Gläubige, die nicht zu diesem Schritt bereit waren, organisierten sich die nächsten 40 Jahre entweder im Untergrund oder versuchten, in den Westen zu emigrieren, vor allem in die USA und nach Kanada, wo in der Diaspora das Erbe der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche weiter wach gehalten wurde.

Von allen Bischöfen der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche konnten lediglich zwei den Tod in den sowjetischen Lagern entkommen, darunter ihr Ersthierarch, der Großerzbischof Joseph Slipyi, dessen Freilassung – nach 18 Jahren Lagerhaft in Sibirien – Papst Johannes XXIII. 1963 erreichen konnte. Er wurde 1965 von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt und residierte bis zu seinem Tod 1984 im Exil in Rom.

Auch sein Nachfolger im Amt des Großerzbischofs, Myroslav Ivan Kardinal Ljubacivskyj, musste weiterhin im Exil in Rom leben. Dieses konnte er erst im März 1991 verlassen und nach Lviv wieder übersiedeln, als im Zuge der Perestrojka 1989 die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche wieder offiziell von staatlicher Seite zugelassen worden war. Mit der Reorganisation der kirchlichen Strukturen der Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine ab 1991 setzte eine regelrechte Wiedergeburt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche ein, die zu einem eindrucksvollen Zeugnis des Überlebens von 40 Jahren Untergrundkirche wurde: Verzeichnete das Annuario Pontificio, das „Päpstliche Jahrbuch“, von 1990 für die Ukrainische Griechisch-Katholische weltweit nicht ganz 708.000 Gläubige, die alle außerhalb der Ukraine lebten, konnte dasselbe Jahrbuch schon später über 4 Millionen Gläubige dokumentieren, bei fast unveränderten Zahlen für die Diasporagemeinden: Über 3 Millionen griechisch-katholische Ukrainer sind aus dem Untergrund getreten. Diese Wiedergeburt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche führte zu Forderungen nach Rückgabe der 1946 von den Sowjets konfiszierten und teilweise an die Orthodoxe Kirche übergebenen Kirchengebäude. Das Ringen um eine befriedigende Lösung in dieser Frage und die Auseinandersetzungen in den jeweiligen Einzelfällen ist ein großer Stolperstein im ökumenischen Dialog zwischen den verschiedenen Kirchen in der Ukraine. Es darf nicht vergessen werden, dass alle Kirchen in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion gezeichnet durch Leiderfahrungen sind, die sie durch die kommunistischen Machthaber erlitten haben.

Nachdem im Mai 1992 erstmals wieder eine Synode der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Bischöfe in Lviv (Lemberg) tagte, konnte 1994 auch die von den Sowjets geschlossene Theologische Akademie in Lviv wieder eröffnet werden. Im Jahr 2002 erhielt sie den Status einer Katholischen Universität, womit sie bislang immer noch ein singuläres Phänomen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR darstellt. Seit August 2005 residiert der Großerzbischof der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche nicht mehr in Lviv, sondern in Kiew.

Die Stiftung PRO ORIENTE hat im Jahr 2002 ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das anhand einer historisch-kritischen Untersuchung der Quellen die umstrittene Entstehungsgeschichte der Brester Union von 1596 untersucht. An diesem Forschungsvorhaben nehmen sowohl Wissenschaftler aus der Polnischen Orthodoxen Kirche, der Russischen Orthodoxen Kirche, der Römisch-Katholischen Kirche Polens als auch Wissenschaftler der Ukrainischen Griechisch-Katholische Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche der Ukraine teil. Ziel des Projekts ist eine gemeinsam erarbeitet Darstellung der Entstehungsgeschichte der Brester Union, um im Sinne einer Reinigung des Gedächtnisses die Jahrhunderte alten Streitigkeiten und gegenseitigen Vorurteile zu beenden. Die entstehenden Publikationen sind für weltliche und geistliche Bildungseinrichtungen konzipiert und sollen zu einer langsamen Bewusstseinsveränderung bei den Gläubigen der verschiedenen Kirchen führen, die ein unerlässlicher Schritt auf dem Weg der Versöhnung ist.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB