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Franz König

Pro Oriente

Türkei:

“Hagia Sophia in Trapezunt soll nicht zur Moschee werden"

“Hagia Sophia in Trapezunt soll nicht zur Moschee werden"

Klare Stellungnahme des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. bei seinem Besuch in der Hafenstadt am Schwarzen Meer – Parallele zur “Umwandlung” der Hagia Sophia in Isnik (Nicäa)

Istanbul, 21.08.12 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat die Idee des stellvertretenden türkischen Ministerpräsidenten Bulent Arinc zurückgewiesen, die berühmte Hagia Sophia-Kirche in der Kaiserstadt Trapezunt (Trabzon) am Schwarzen Meer wieder in eine Moschee umzuwandeln. Bei seinem jüngsten Aufenthalt in Trapezunt besuchte Bartholomaios I. auch die vor Jahrzehnten zum Museum erklärte Kirche und sagte in Anwesenheit des Bürgermeisters vor Journalisten, er sehe keine Notwendigkeit, dass die Hagia Sophia als Moschee genutzt wird. Der Patriarch verwies auf die Aussage des Vorsitzenden der islamischen Gemeinde, Zeki Baytar, der auf den Vorschlag von Arinc mit den Worten reagiert hatte: “Zunächst müsste man einmal Leute in die vielen leeren Moscheen von Trabzon bekommen”.

Bartholomaios I. betonte, er respektiere alle Moscheen und generell alle Gotteshäuser, aber im Fall der Hagia Sophia gebe es keine Notwendigkeit einer Umwidmung: “Wenn die Hagia Sophia zur Moschee gemacht wird, würde sie nur unseren muslimischen Brüdern zur Verfügung stehen. Wenn sie aber ein Museum bleibt, steht sie der ganzen internationalen Gemeinschaft offen – mit großem Nutzen für die Bewohner von Trapezunt”.

In ihrer heutigen Gestalt wurde die Hagia Sophia in Trapezunt um 1250 unter Kaiser Manuel I. aus der Familie der Komnen erbaut. Wann die Kreuzkuppelkirche nach der osmanischen Eroberung der Hafenstadt im Jahr 1461 zur Moschee umgewandelt wurde, ist nicht überliefert. Vermutlich war dies zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Fall, doch dürften auch weiterhin Christen zum Gebet in die Hagia Sophia gekommen sein, jedenfalls ist das für das Jahr 1850 bezeugt. Nicht nur die Architektur der Kirche hat außerordentlichen Wert, auch die Fresken gehören zu den bedeutendsten Kunstwerken des 13. Jahrhunderts. Die biblischen Szenen zeichnen sich durch eine in der Entstehungszeit unübliche realistische Darstellung der menschlichen Anatomie und das Einfühlungsvermögen der Künstler aus. 1880 wurden die bis zu diesem Zeitpunkt gut sichtbaren Fresken geschädigt, weil auf Verlangen eines strenggläubigen Muslims die Wandmalereien mit Putz überzogen werden mussten, wobei man Löcher in die Bildflächen schlug, um die Putzhaftung zu verbessern. 1917 wurden die Fresken während der russischen Besatzung wieder freigelegt. Die umfangreiche Restaurierung fand 1957 bis 1962 durch Fachleute der Universität Edinburgh unter Leitung des großen Kunsthistorikers und Byzanz-Experten David Talbot Rice statt.

Der aktuellen Auseinandersetzung um die Hagia Sophia in Trapezunt ging heuer bereits die Rückumwandlung der Hagia Sophia in Nicäa (Isnik) in eine Moschee voraus. In der aus dem 4. Jahrhundert stammenden Kirche hatte im Jahr 787 das Zweite Konzil von Nicäa getagt,.das letzte Konzil der ungeteilten Christenheit. Das Konzil bestätigte im Bilderstreit, in dem sich der Einfluß des ikonoklastischen Islam bemerkbar machte, die Rechtmäßigkeit der Verehrung der Ikonen.

Erstmals wurde die Stadt Nicäa 1077 von Muslimen erobert; damals blieb die Hagia Sophia unangetastet. Bereits 20 Jahre später war die Stadt wieder byzantinisch. Von 1204 bis 1261 war Nicäa Sitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Nach der Eroberung durch die Osmanen wurde die Hagia Sophia von Nicäa 1331 in eine Moschee umgewandelt. In der Stadt lebten aber bis zum Ende des Osmanischen Reiches auch Griechen und Armenier. Die letzten christlichen Gottesdienste dürften in der Hagia Sophia in den Jahren der griechischen Besatzung 1919-1922 stattgefunden haben. In den späten zwanziger Jahren wurde die Kirche zum Museum erklärt. Dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., wurde am 26. Dezember 2000 ausnahmsweise die Erlaubnis erteilt, in der Hagia Sophia von Isnik zum 2000. Jahrestag der Geburt Jesu die Göttliche Liturgie zu zelebrieren.

Die Entscheidung, die Hagia Sophia in Isnik wieder zur Moschee zu erklären, wurde vom Religionsamt (Diyanet) in Ankara unter der Leitung von Mehmet Görmez getroffen. Die umstrittene Entscheidung löste weltweit eine Diskussion über die Religionsfreiheit in der Türkei aus. Die Maßnahme steht auch in offenem Widerspruch zur Entscheidung des türkischen Kulturministeriums, dass in allen christlichen Monumenten, die zu Museen erklärt wurden, die Zelebration der Heiligen Messe und anderer christlicher Gottesdienste möglich sein soll.

Auch die „Umwidmung“ der Hagia Sophia in Isnik wurde auf den Einfluss des stellvertretenden Ministerpräsidenten Bülent Arinc zurückgeführt. Arinc erklärte vor Journalisten wörtlich: „Mit diesem Akt haben wir uns die Anerkennung unserer Ahnen zurückgewonnen. Die Kirche Hagia Sophia von Iznik ist Beute unserer Eroberung und als solche haben wir ein Recht auf sie. Eine Kirche kann in eine Moschee umgewandelt werden. Beide sind ja Orte, um zu Gott zu beten“. Abschließend meinte er noch: „Wieviele unserer Moscheen wurden in Kirchen umgewandelt?“ (ende)

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