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Franz König

Pro Oriente

Bari: Der Schrei nach Frieden für den Nahen Osten

Das Friedensgebet von Papst Franziskus mit den Patriarchen und Metropoliten der östlichen Kirchen war ein eindeutiges Signal gegen alle „geopolitischen“ Spiele der „Mächte“ – „Ein Naher Osten ohne Christen wäre nicht mehr der Nahe Osten“

Bari, 07.07.18 (poi) Der „Schrei von Bari“ – nach Frieden, Gerechtigkeit und Nächstenliebe – ertönte am Samstagvormittag am Lungomare in der apulischen Hauptstadt Bari beim Friedensgebet von Papst Franziskus mit Patriarchen und Metropoliten der östlichen Kirchen; es war ein eindeutiges politisches Signal gegen alle „geopolitischen“ Spiele der „Mächte“. Wörtlich sagte der Papst: „Wir wollen denen eine Stimme geben, die keine Stimme haben…der Nahe Osten weint heute, leidet und schweigt, während andere ihn auf der Suche nach Macht und Reichtümern mit Füßen treten“. Und wie ein Echo antwortete der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in seinem Gebetsruf, der „menschenfreundliche Gott möge in den Herzen jener, die den Krieg wollen, Gutes erwecken und ihre aufgeregten Seelen besänftigen“.

„Vom Nil bis zum Jordantal und weiter über den Orontes bis zum Tigris und Euphrat ertöne der Ruf des Psalms: ‚In dir sei Friede‘ (122,8). Für die leidenden Brüder und Schwestern und für die Freunde jedes Volkes und jeden Glaubensbekenntnisses wiederholen wir: In dir sei Friede! Mit dem Psalmisten bitten wir darum besonders für Jerusalem, die Heilige Stadt, die von Gott geliebt und von Menschen verletzt wird, über die der Herr immer noch weint: In dir sei Friede!“, sagte der Papst. In vielerlei Sprachen beteten die Teilnehmer des „Gebetsgipfels von Bari“ um ein Ende der Konflikte und der Zerrissenheit in Nahost. Mehr als 20 Spitzenvertreter der östlichen Kirchen waren der Einladung des Papstes in die apulische Hauptstadt gefolgt, die in der östlichen Christenheit einen besonderen Ruf hat, weil dort die Reliquien des Heiligen Nikolaus von Myra verehrt werden. Besonders eindringlich klangen die Friedensgesänge auf Arabisch.

„Es sei Frieden: Das ist der Schrei vieler Menschen, der Abels von heute, der zum Thron Gottes aufsteigt“, so Papst Franziskus: „Um ihretwillen können wir es uns – im Nahen Osten wie auch sonst überall auf der Welt – nicht mehr erlauben zu sagen: Bin ich der Hüter meines Bruders? (Gen 4,9). Gleichgültigkeit tötet, und wir wollen eine Stimme gegen diese todbringende Gleichgültigkeit sein“.
Dass sich der Papst auf die Geschichte von Kain und Abel bezog, erinnerte an seine erste Reise nach der Papstwahl vor genau fünf Jahren. Sie führte ihn zu Migranten und Flüchtlingen auf die Insel Lampedusa im Mittelmeer; auch dort ging er in seiner Predigt von Kain und Abel aus und bekräftigte, dass jeder Mensch sehr wohl „Hüter seines Bruders“ sei.

Am Lungomare in Bari hielt der Papst fest, dass es darum gehe, den „Kleinen, Einfachen, Verwundeten“ eine Stimme zu geben, jenen, „auf deren Seite Gott steht“: „Für sie bitten wir: Es sei Frieden! Möge der ‚Gott allen Trostes‘ (2 Kor 1,3), der die gebrochenen Herzen heilt und die Wunden verbindet (Ps 147,3), unser Gebet erhören“.

Als Pilger seien die Repräsentanten der Kirchen alle zusammen nach Bari gekommen, in diese Stadt, die sich „wie ein Fenster zum Nahen Osten hin“ öffne, so Franziskus. „Im Herzen tragen wir unsere Kirchen, die Völker und die vielen Menschen, die in Situationen großen Leids leben. Ihnen sagen wir: Wir sind euch nahe“. Papst Franziskus erklärte auch, warum er sich gerade die Hauptstadt der süditalienischen Region Apulien als Schauplatz seiner Friedens-Initiative ausgesucht hatte: „Hier ruhen die Reliquien des Heiligen Nikolaus, des Bischofs aus dem Osten, dessen Verehrung über die Meere reicht und die Grenzen zwischen den Kirchen überschreitet“.

Die Reliquien des Heiligen Nikolaus wurden im 11. Jahrhundert aus dem kleinasiatischen Myra nach Bari gebracht; die Krypta der Nikolausbasilika, wo sie ruhen, wird jedes Jahr von Zehntausenden von orthodoxen Gläubigen besucht, vor allem von Russen.

Eine „dicke Decke der Dunkelheit“ liege derzeit über dem Nahen Osten, formulierte Papst Franziskus: „Krieg, Gewalt und Zerstörung, Besetzungen und Formen des Fundamentalismus, zwangsmäßige Migration und Flucht. All das geschah unter dem Stillschweigen und der Mitschuld vieler. Der Nahe Osten ist zu einem Land von Menschen geworden, die ihre Heimat verlassen. Und es besteht die Gefahr, dass die Präsenz unserer Brüder und Schwestern im Glauben ausgelöscht wird. Dies würde das Gesicht der Region selbst entstellen, denn ein Naher Osten ohne Christen wäre nicht mehr der Nahe Osten“.

Papstrede im Wortlaut

Am Lungomare sagte Papst Franziskus in seiner Predigt:

„Liebe Brüder und Schwestern,
wir sind als Pilger nach Bari gekommen, das sich wie ein Fenster zum Nahen Osten hin öffnet. Im Herzen tragen wir unsere Kirchen, die Völker und die vielen Menschen, die in Situationen großen Leids leben. Ihnen sagen wir: „Wir sind euch nahe“. Liebe Brüder und Schwestern, ich danke euch von Herzen, dass ihr so gerne und bereitwillig gekommen seid. Und ich bin euch allen so dankbar, die ihr uns in dieser Stadt der Begegnung und der Gastfreundschaft willkommen heißt.

Auf unserem gemeinsamen Weg werden wir von der Mutter Gottes unterstützt, die hier als Hodegitria verehrt wird: die den Weg weist. Hier ruhen die Reliquien des Heiligen Nikolaus, des Bischofs aus dem Osten, dessen Verehrung über die Meere reicht und die Grenzen zwischen den Kirchen überschreitet. Möge der heilige Wundertäter bei Gott dafür eintreten, dass die Wunden heilen, die so viele in sich tragen. Wir schauen hier auf den Horizont und das Meer und verspüren den Drang, diesen Tag in unseren Gedanken und Herzen beim Nahen Osten zu verbringen, einem Kreuzungspunkt von Kulturen und der Wiege der großen monotheistischen Religionen.

Dort kam der Herr zu uns, das ‚aufstrahlende Licht aus der Höhe‘ (Lk 1,78). Von dort aus verbreitete sich das Licht des Glaubens in der ganzen Welt. Dort entsprangen die frischen Quellen der Spiritualität und des Mönchtums. Dort werden einzigartige alte Riten und unschätzbare Reichtümer der sakralen Kunst und der Theologie bewahrt, dort wohnt das Erbe großer Väter im Glauben. Diese Tradition ist ein Schatz, den wir mit aller Kraft wahren müssen, denn im Nahen Osten liegen die Wurzeln unserer eigenen Seelen.

Doch über diese wunderschöne Region hat sich besonders in den letzten Jahren eine dicke Decke der Dunkelheit gebreitet: Krieg, Gewalt und Zerstörung, Besetzungen und Formen des Fundamentalismus, zwangsmäßige Migration und Flucht. All das geschah unter dem Stillschweigen und der Mitschuld vieler. Der Nahe Osten ist zu einem Land von Menschen geworden, die ihre Heimat verlassen. Und es besteht die Gefahr, dass die Präsenz unserer Brüder und Schwestern im Glauben ausgelöscht wird. Dies würde das Gesicht der Region selbst entstellen, denn ein Naher Osten ohne Christen wäre nicht mehr der Nahe Osten.

Dieser Tag beginnt mit dem Gebet, damit das göttliche Licht die Dunkelheit der Welt vertreibt. Wir haben bereits vor dem Heiligen Nikolaus das „einflammige Licht“, Symbol der einen Kirche, angezündet. Gemeinsam wollen wir heute eine Flamme der Hoffnung entzünden. Die Kerzen, die wir aufstellen werden, seien Zeichen für ein Licht, das noch in der Nacht weiterleuchtet. Die Christen sind in der Tat Licht der Welt (Mt 5,14), nicht nur, wenn alles um sie herum strahlt, sondern auch dann, wenn sie sich in den dunklen Momenten der Geschichte nicht mit der Dunkelheit ringsum abfinden und den Docht der Hoffnung mit dem Öl des Gebetes und der Liebe nähren. Denn wenn man im Gebet die Hände zum Himmel erhebt und wenn man dem Bruder und der Schwester die Hand reicht, ohne dabei eigene Interessen zu verfolgen, brennt und leuchtet das Feuer des Heiligen Geistes, der der Geist der Einheit, der Geist des Friedens ist.

Lasst uns gemeinsam beten, um vom Herrn des Himmels den Frieden zu erbitten, den die Mächtigen auf Erden noch nicht gefunden haben. Vom Nil bis zum Jordantal und weiter über den Orontes bis zum Tigris und Euphrat ertöne der Ruf des Psalms: ‚In dir sei Friede‘ (122,8). Für die leidenden Brüder und Schwestern und für die Freunde jedes Volkes und jeden Glaubensbekenntnisses wiederholen wir: In dir sei Friede! Mit dem Psalmisten bitten wir darum besonders für Jerusalem, die Heilige Stadt, die von Gott geliebt und von Menschen verletzt wird, über die der Herr immer noch weint: In dir sei Friede!

Es sei Frieden: Das ist der Schrei vieler Menschen, der Abels von heute, der zum Thron Gottes aufsteigt. Um ihretwillen können wir es uns – im Nahen Osten wie auch sonst überall auf der Welt – nicht mehr erlauben zu sagen: ‚Bin ich der Hüter meines Bruders?‘ (Gen 4,9). Gleichgültigkeit tötet, und wir wollen eine Stimme gegen diese todbringende Gleichgültigkeit sein. Wir wollen denen eine Stimme geben, die keine Stimme haben, denen, die nur Tränen schlucken können, weil der Nahe Osten heute weint, leidet und schweigt, während andere auf der Suche nach Macht und Reichtum ihn mit Füßen treten. Für die Kleinen, die Einfachen, die Verwundeten, für die, auf deren Seite Gott steht, bitten wir: Es sei Frieden! Möge der ‚Gott allen Trostes‘ (2 Kor 1,3), der die gebrochenen Herzen heilt und die Wunden verbindet (Ps 147,3), unser Gebet erhören“. (forts)

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