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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Ökumenische Chancen in Äthiopien

Grazer Ökumene-Fachmann Harnoncourt plädiert nach Pro Oriente-Studienreise nach Äthiopien für Einbeziehung der unierten orientalischen Kirchen

Graz-Addis Abeba, 11.3.05 (KAP) Ökumenische Chancen sieht der Grazer Ökumene-Fachmann em. Prof. Philipp Harnoncourt in Äthiopien. Als "sehr erfreulich" bewertete Prof. Harnoncourt im Gespräch mit "Kathpress" nach Rückkehr von einer Äthiopien-Studienreise der Grazer Sektion der Stiftung Pro Oriente die Begegnung mit dem Patriarchen der äthiopisch-orthodoxen Kirche, Abuna Paulos. Der Patriarch habe an seinen Besuch vor sechs Jahren in Wien und an seine Begegnungen mit den Kardinälen Franz König und Christoph Schönborn erinnert. Die Gespräche damals hätten ihm auf besondere Weise die Bedeutung der Ökumene vor Augen geführt, sagte der Patriarch während der dreistündigen Unterredung mit den Mitgliedern der Grazer Delegation in seiner Residenz in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Er habe den Wunsch nach Vertiefung der Kontakte mit Pro Oriente geäußert.

Prof. Harnoncourt plädierte im "Kathpress"-Gespräch auf dem Hintergrund der Äthiopien-Erfahrung dafür, die unierten (mit dem Papst in voller Gemeinschaft stehenden) orientalischen Kirchen stärker als bisher in den ökumenischen Dialog einzubeziehen. Diese Einbeziehung wäre trotz mancher vorauszusehender Schwierigkeiten von Vorteil, erklärte der Theologe. Der äthiopisch-katholische Erzbischof und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Äthiopiens, Berhaneyesous Souraphiel, habe im Gespräch mit der Grazer Delegation ausdrücklich gebeten, in das Gespräch mit den altorientalischen Kirchen einbezogen zu werden.

Die Konsultationen mit den altorientalischen Kirchen - zu denen die äthiopischorthodoxe Kirche zählt - seien in den vergangenen Jahren zum Stillstand gekommen, so Harnoncourt. Grund war die Annäherung zwischen der katholischen Kirche und der Apostolischen Kirche des Ostens, der Kirche des alten Perserreiches, die von den altorientalischen Kirchen als "häretisch" angesehen wird. Vor allem seitens der koptisch-orthodoxen Kirche sei geltend gemacht worden, man könne den ökumenischen Dialog mit den Katholiken nicht weiter vorantreiben, wenn diese sich gleichzeitig mit "Häretikern" aussöhnen.

Die Studienreise der 37-köpfigen Delegation unter Führung von Prof. Harnoncourt hatte das Ziel, das liturgische und spirituelle Leben der Kirchen in Äthiopien kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen. Wie Harnoncourt berichtete, sei die Ökumene im Land noch nicht sehr entwickelt. Während der Zeit der kommunistischen Diktatur des Präsidenten Mengistu Haile Mariam von 1974 bis 1991 seien Kontakte zwischen den Kirchen unerwünscht gewesen; das
Regime habe im Gegenteil versucht, die Kirchen gegeneinander auszuspielen. Seit rund einem
Jahrzehnt seien Anfänge einer Ökumene feststellbar; so finden etwa in Addis Abeba während der jährlichen Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Jänner gemeinsame Gebetsgottesdienste statt. Das ökumenische Bewusstsein im Land müsse "behutsam weiter gefördert werden", so Harnoncourt, Pro Oriente könne dabei behilflich sein.

Der Grazer Theologe wies darauf hin, dass die Situation der mit Rom unierten äthiopischkatholischen Kirche anders sei als die anderer unierter Kirchen. Sie sei im 19. Jahrhundert als "Missionskirche" stark gefördert worden, ihre Liturgie sei sehr stark latinisiert, so gebe es etwa Kreuzweg- und Rosenkranzandachten. Auch im Kirchenbau lasse sie kaum Anlehnungen an den Baustil der äthiopisch-orthodoxen Kirche erkennen, der seinerseits besonders charakteristisch ist durch Anlehnung an den jüdischen Tempel. Auch aus diesen Gründen seien Beziehungen zwischen der äthiopisch-orthodoxen und der äthiopisch-katholischen Kirche belastet; manchen Orthodoxen gelte die mit Rom unierte Kirche als "Verräterin" an der äthiopischen Tradition.

Positives Österreich-Bild
Laut Harnoncourt zeichnet sich der Klerus der katholischen Kirche in Äthiopien allerdings durch einen hohen Ausbildungsstand aus. Alle Priester sprächen drei bis vier Sprachen, vor allem Englisch und Italienisch. Viele hätten ihre Studien in Italien oder in Irland absolviert. Dieses Potenzial sollte in die Ökumene eingebracht werden, so Harnoncourt. Als positives Signal
wertete Harnoncourt, dass einer Einladung der Österreichischen Botschaft in Addis Abeba aus
Anlass des Besuchs der Pro Oriente-Delegation neben katholischen Repräsentanten drei orthodoxe Bischöfe folgten.

Botschafterin Brigitte Öppinger-Walchshofer habe darauf hingewiesen, dass österreichische
Einrichtungen in Äthiopien einen sehr guten Ruf haben. Dies sei u.a. der Hilfsinitiative "Menschen für Menschen" von Karl-Heinz Böhm zu verdanken. Geschätzt würden vor allem Hilfsprojekte, die die Schulbildung und Bewässerungsprojekte fördern, Saatgut vermitteln oder die Viehwirtschaft verbessern. Die Hilfen aus Österreich seien dabei "sehr effizient", sei mehrfach versichert worden. Gerade der Aufbau des Schulwesens sei den Äthiopiern ein wichtiges Anliegen, da der Analphabetismus noch weit verbreitet sei. Die orthodoxe Kirche kenne zwar seit Jahrhunderten "höchste Buchkultur", sie werde aber fast nur in den zahlreichen Klöstern gepflegt, so Harnoncourt weiter. Eine ähnliche Kluft gebe es in der Architektur: Der Kirchenbau weise höchste baukünstlerische Qualitäten auf, besonders der Rechteckbau im Norden, teilweise auch die schwarzafrikanisch beeinflussten Rundbauten Zentral- und Südäthiopiens. Die Bauten der Landbewohner - einschließlich der Priester und Mönche - seien aber höchst einfach; es seien bis heute fast nur ebenerdige Lehmhütten zu finden, bis hinein nach Addis Abeba. Obwohl Äthiopien 70 Millionen Einwohner zähle, habe es nur eine Großstadt: Addis Abeba mit rund drei Millionen Bewohnern.

Die Pro Oriente-Delegation besuchte auch die alten Hauptstädte des Landes: Axum (zweite Hälfte des 1. Jahrtausends); Lalibela, benannt nach dem gleichnamigen König (12. und 13. Jahrhundert), wo die zum Weltkulturerbe zählenden Felsenkirchen zu finden sind; Gondar (15. bis 17. Jahrhundert). Besonders eindrucksvoll sei, dass die Kunstschätze dieser alten Hauptstädte an Ort und Stelle verblieben sind und nicht in die Museen von Addis Abebas verbracht wurden, so Harnoncourt.

Beeindruckt zeigte sich Prof. Harnoncourt von der Sozialarbeit eines äthiopisch-orthodoxen Frauenklosters. Die Nonnen führten 30 Kilometer südlich von Addis Abeba ein Waisenhaus "in geradezu vorbildlicher Art". In dem Kloster leben etwa 80 Nonnen, von denen mehrere am Ostkirchlichen Institut in Regensburg eine Ausbildung in deutscher Sprache und im Sozialwesen bekommen haben. Die Klosterfrauen betreuen 200 Mädchen, hauptsächlich HIV-Waisen, die
eine vorzügliche Schul- und Handwerksausbildung erhalten.

Seit dem 4. Jahrhundert christlich
Das Christentum wurde spätestens im 4. Jahrhundert durch syrische Mönche nach Äthiopien gebracht und hat dort eine stark in der jüdischen Tradition wurzelnde eigentümliche Prägung erfahren. An Stelle der im hellenistischen Raum üblichen theologischen Reflexion wird hier eine durchgehend narrative Weise der spirituellen Durchdringung der Heiligen Schrift gepflegt, die starke Ähnlichkeiten zur rabbinischen Praxis zeigt. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche gehört zur Familie jener altorientalischen Kirchen, die sich nach dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 von der allgemeinen Kirche getrennt haben. Durch die Initiative von Pro Oriente wurde in der sogenannten "Lainzer Formel" eine Übereinkunft zur Überwindung der 1.500 Jahre dauernden gefunden.

Wegen fehlender Kontakte zu anderen Kirchen - Äthiopien ist seit fast 1.000 Jahren von islamisierten Ländern umgeben - hat diese Kirche viele Traditionen bewahrt, die es sonst nirgends gibt. Seit Kaiser Haile Selassie I. (1930- 1974) ist die äthiopisch-orthodoxe Kirche von der koptischen Kirche unabhängig und autokephal (selbständig) und in 14 Diözesen gegliedert, deren Bischöfe den Patriarchen wählen. Mit mehr als 30 Millionen Gläubigen gehört sie zu den größten Kirchen des Ostens. Die Muslime stellen ebenfalls rund 40 Prozent der Bevölkerung. Die Katholiken - sie gehören vor allem der orientalischen Tradition an - machen rund ein Prozent aus, ebenso die Kirchen der Reformation.

Die fachliche Leitung der Pro Oriente-Reise lag bei Alexander Kraljic, dem Generalsekretär und theologischen Assistenten der "Arbeitsgemeinschaft der afro-asiatischen Gemeinden" der Erzdiözese Wien. An dieser Reise nahmen neben Mitarbeitern von Pro Oriente auch Rektor Petrus Bsteh (Wien) sowie der Grazer Dompropst und frühere Generalvikar Prälat Leopold Städtler und der frühere Grazer Stadtpfarrpropst Prälat Karl Hofer teil, die beide seit vielen Jahren mit der ökumenischen Arbeit von Pro Oriente verbunden sind. Prof. Harnoncourt hat 1986 – zur Zeit der Diktatur Mengistus - als Gastprofessor am katholischen St. Francis-Seminary in Addis Abeba Liturgiewissenschaft und ökumenische Theologie vorgetragen.

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