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Wenn die großen nichts
machen, dann sollen die
kleinen beginnen.

Kardinal Franz König

Pro Oriente

Bahnbrechende ökumenische Konferenz in Addis Abeba (Mai)

PRO ORIENTE-Vertreter in Äthiopien

Äthiopisch-orthodoxe und römisch-katholische kirchliche Führungspersönlichkeiten und Experten aus Geschichtswissenschaft und Theologie behandeln die beiden Streitthemen, die bis heute die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen belasten: Die Unionsversuche des 16./17. Jahrhunderts und die Haltung der katholischen Kirche zum Eroberungskrieg Mussolinis im 20. Jahrhundert

Ein ökumenisches Ereignis von erstrangiger Bedeutung findet von 1. bis 3. Mai in Addis Abeba statt: Zum ersten Mal versammeln sich kirchliche Führungspersönlichkeiten und Experten der äthiopisch-orthodoxen Kirche und der katholischen Kirche in Äthiopien, um auf wissenschaftlicher Ebene die Streitpunkte der Vergangenheit zu behandeln, die bis heute einen Schatten auf die Beziehungen zwischen den beiden Kirche werfen. Dabei geht es um zwei historische Phasen: Den katholischen Versuch im 16./17. Jahrhundert, die äthiopische Kirche in eine Union mit Rom zu bringen, nachdem dank portugiesischer Unterstützung der Überfall des islamistischen Warlords Ahmed Granj („der Linkshänder“, 1506-1543), der Äthiopien unterjochen und islamisieren wollte, abgewehrt werden konnte. Im Hinblick auf das 20. Jahrhundert wiederum wird der katholischen Kirche vorgeworfen, den Eroberungskrieg Benito Mussolinis gegen Äthiopien (Oktober 1935 bis Mai 1936) unterstützt zu haben. Im seit Jahrzehnten andauernden Prozess zum Abbau des Misstrauens zwischen äthiopisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche kommt der Stiftung PRO ORIENTE und dem von ihr getragenen „inoffiziellen Dialog“ besondere Bedeutung zu. Daher wurde auch PRO ORIENTE-Präsident Alfons M. Kloss gebeten, die Tagung am Sitz der Afrikanischen Union in Addis Abeba mit zu eröffnen. Der Salzburger Ostkirchenexperte und Vorsitzende der PRO ORIENTE-Sektion Salzburg, Prof. Dietmar W. Winkler, ist einer der Referenten. Er behandelt das Verhältnis von offiziellem und inoffiziellem theologischen Dialog zwischen den Kirchen und die Hoffnung auf einen bilateralen orthodox-katholischen Dialog in Äthiopien.

Der Erzbischof von Addis Abeba, Kardinal Berhaneyesus D. Souraphiel, betont die Notwendigkeit eines objektiven Diskussionsforums, um die Verständigung zwischen beiden Kirchen zu fördern. Ziel der am Mittwoch eröffneten ökumenischen Konferenz sei die Präsentation von Forschungsergebnissen von Historikern und Theologen im Hinblick auf „positive und negative Aspekte“ der Beziehung zwischen den beiden Kirchen. Vertiefte ökumenische Beziehungen seien nicht nur für das gemeinsame christliche Zeugnis in der Gegenwart von größter Bedeutung, sondern seien auch ein Dienst an der Bewahrung des reichen christlichen Erbes Äthiopiens und wichtig für den konstruktiven Dialog mit dem Islam sowohl im Land als auch in der ganzen Region.

Im Gespräch mit Präsident Kloss hatte der Kardinal daran erinnert, dass Äthiopien nicht nur die älteste christliche Nation Afrikas, sondern auch ein Schlüsselland des Kontinents sei. Was das gemeinsame Zeugnis für das Evangelium in ökumenischer Weise betreffe, liege Äthiopien allerdings hinter anderen afrikanischen Nationen zurück. Das hänge auch mit den interethnischen und interkonfessionellen Spannungen zusammen, die von den Ereignissen am Ende der kommunistischen Diktatur und der Föderalisierung des Landes ausgelöst wurden. Ministerpräsident Ahmed Abiy habe aber jetzt die Initiative zur Förderung der nationalen Versöhnung ergriffen, dies sei auch ein wichtiger Impuls für die Arbeit an der ökumenischen Versöhnung. Kardinal Souraphiel wurde im Februar von Ministerpräsident Abiy zum Koordinator der neuen äthiopischen Nationalkommission für Versöhnung und Frieden bestellt (Ende Jänner war der Regierungschef von Papst Franziskus im Vatikan empfangen worden).

Der Weg der Geschichte

In einem Vorbereitungspapier für die Konferenz wurden positive und negative Aspekte der Beziehungen zwischen äthiopisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche benannt. Vieles davon ist wenig bekannt. So wurden Pilger aus Äthiopien im Mittelalter in den vatikanischen Gärten beherbergt – dort entwickelte sich jene Institution, die heute als Päpstliches Äthiopisches Kolleg arbeitet. Es nahmen aber auch äthiopische Abgesandte aus Jerusalem am Einigungskonzil von Ferrara-Florenz im 15. Jahrhundert teil. Als Ahmed Granj zu Beginn des 15. Jahrhunderts (mit Unterstützung der Osmanen) Äthiopien islamisieren wollte, wandte sich die äthiopische Aristokratie an den Papst, der die Intervention der Portugiesen veranlasste. In der Folge kam es freilich zum glücklosen Versuch der portugiesischen Jesuiten, den Katholizismus als Staatsreligion Äthiopiens zu etablieren. Nachdem dieser Versuch gescheitert war, litten die Katholiken Jahrhunderte hindurch unter Verfolgung.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine neue katholische Bewegung, vor allem in Eritrea, eine Zentralgestalt war der Bischof Giustino de Jacobis (1800-1860). Die italienischen Bestrebungen zur Einflussnahme in Ostafrika (Schlacht von Adua 1896) hatten auch Auswirkungen auf die katholische Kirche; diese Auswirkungen verstärkten sich nach dem Eroberungskrieg Benito Mussolinis, der mit der Erhebung des italienischen Königs Viktor Emmanuel III. zum Kaiser von Äthiopien endete. Die Haltung der Päpste Pius XI. und Pius XII. zur Äthiopien-Kampagne Mussolinis und der „Proklamation des Imperiums“ ist bis heute umstritten.

Der äthiopische Kaiser Haile Selasie hatte im Zweiten Weltkrieg und danach ausdrücklich Respekt für die zahlreichen italienischen Immigranten eingefordert. Ebenso lud er nach 1945 die kanadischen Jesuiten zum Aufbau der Universität in Addis Abeba ein. In den 1970er-Jahren seien dann – auch auf Grund der Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils – ökumenische Initiativen im Bereich des offiziellen und inoffiziellen theologischen Dialogs gestartet worden. Immer noch sei es aber für viele Gläubige nicht selbstverständlich, dass die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen die Überzeugungen in der Christologie (Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott) teilen. In jüngster Zeit habe es aber auch „positive Zusammenarbeit“ zwischen den beiden Kirchen im Bereich des humanitären Engagements und der Förderung der Versöhnung angesichts der vielfachen Konflikte gegeben.

Bei der Konferenz in Addis Abeba gehe es daher darum, die Vergangenheit in „objektiver und akademischer Weise“ vorurteilsfrei zu betrachten und damit den Grundstein für bessere Beziehungen zwischen den Kirchen „auf der Grundlage von Wahrheit und gegenseitigem Respekt“ zu legen.

Die „Keynote address“ bei der Konferenz hält Erzbischof Silvano Tomasi, früherer Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf. Die aktuellen Herausforderungen der Beziehungen zwischen äthiopisch-orthodoxer Kirche und römisch-katholischer Kirche in Äthiopien behandeln der Historiker Ian Campbell und P. Petros Berga. Der Priester P. Berga ist eine Zentralgestalt der Konferenz in Addis Abeba. Der äthiopische römisch-katholische Priester beendete sein Theologiestudium in Utrecht, wo er auch zum Priester geweiht wurde. Er arbeitete viele Jahre als Gemeindepfarrer sowie für die katholische äthiopisch-eritreische Gemeinde in den Niederlanden. Ökumene und interreligiöser Dialog sind ihm wichtige Anliegen. Sein Interesse an Frieden und Versöhnung in dem multiethnischen und multireligiösen Äthiopien mündete in einen „Pilgerweg der Hoffnung“, der von den Niederlanden nach Äthiopien führte. Inzwischen lebt und arbeitet er als Priester in Addis Abeba.

Die Entwicklung der Beziehung zwischen dem Heiligen Stuhl und Äthiopien beleuchtet der Historiker Prof. Abebaw Ayalew, P. Daniel Seifemichael liefert die orthodoxe Sichtweise. Die Rolle der Päpste Pius XI. und Pius XII. im äthiopisch-italienischen Krieg analysiert die Historikerin Prof. Lucia Cecci, unterstützt von zwei äthiopischen Koreferenten. Prof. Winkler stellt das Verhältnis von offiziellem und inoffiziellem theologischen Dialog dar, auch er unterstützt von zwei äthiopischen Koreferenten. Die Lektion der „Heilung des Gedächtnisses“ für die Gegenwart und die Zukunft behandelt Prof. Hizkias Assefa.

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