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Wenn die großen nichts
machen, dann sollen die
kleinen beginnen.

Kardinal Franz König

Pro Oriente

Termine

April 2005

Dienstag
26. April 2005
19:30
Christen im Irak heute - zwischen Angst und Hoffnung
Vortrag
  • Datum26. April 2005, 19:30
  • Ort
      Großer Saal, Kolpinghaus
      1090 Wien, Liechtensteinstrasse 100
      (Straßenbahn D Station Augasse)
  • Referierende
      Seine Exzellenz Gabriel Kassab
      Chaldäisch-katholischer Erzbischof von Basra (Irak)
  • SektionWien
  • Statusöffentlich

Ein ausführliches Resümé des Vortrages von Erzbischof Kassab können Sie hier lesen und downloaden:
http://www.pro-oriente.at/dokumente/vortrag/Kassab2005.doc
In seinem Vortrag berichtete Erzbischof Kassab in authentischer Weise insbesondere über den derzeit sehr schwierigen Alltag der irakischen Bevölkerung im Allgemeinen, sowie über die spezifische Rolle der dort beheimateten Christen.

Äußerst rege war die Publikumsbeteiligung bei der anschließenden Diskussion!

Auf die Frage wie viele Christen aus dem Exil nach Irak zurückkehren würden bei einer Stabilisierung der Situation im Land, beteuert Kassab, dass schon etliche Iraker nach den Wahlen wieder in ihre Dörfer zurückgekommen seien. Die Voraussetzung dafür sei freilich, für diese Menschen konkrete Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In seiner Stadt Basra, so Kassab, hätten 20% seiner Gläubigen der Stadt den Rücken gekehrt. Er hilft vielen Familien so gut er kann, menschlich wie auch finanziell. Von der neuen Regierung wünscht er sich noch mehr Unterstützung, vor allem für obdachlose Familien. „Es sitzen auch Chaldäer im Parlament. Unter den Christen gibt es auch Journalisten, die sich für uns einsetzen“ teilt uns der Erzbischof erfreut mit. Überhaupt gibt es einen großen Zusammenhalt der Christen untereinander: „Wir sind für alle da und helfen uns gegenseitig! Wenn z.B. ein orthodoxer Priester gerade nicht da ist, um eine Taufe oder eine Messe zu feiern, springt einer von unseren Pfarrern ein. Wir zelebrieren dann einfach nach dem jeweiligen Ritus!“ Gelebte Ökumene, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist auch das Credo Kassabs.

Die irakische Elite ist großteils in christlichen Schulen ausgebildet. Die Christen selber – 20% der ausgebildeten Iraker - wollen sich nicht zu sehr exponieren, bleiben aus Sicherheitsgründen eher im Hintergrund. Ein nicht immer leichter Balanceakt, um des Friedens willen. Zur Frage der Gewährleistung des Religionsunterrichts im Irak bestätigt der Chaldäer: „Nur in jenen Schulen, wo Christen mehr als 25% ausmachen!“ Und wie sieht der Unterricht in Schulen und Universitäten aus? Die Institute seien zwar offen, so Kassab, aber es fehle oft an geeigneten Professoren und Materialien, daher fallen regelmäßig Stunden aus. Hier wünscht sich der Erzbischof dringend Hilfe vom Ausland und richtet seinen innigen Wunsch ebenfalls an die Europäische Union, seine Sozialprojekte zu unterstützen und am Aufbau seines Landes weiterzuhelfen.

Über den Referenten:
Geboren am 4. August 1938 in Telkeif (Nordirak). Studium im chaldäischen Priesterseminar in Mossul von 1952 bis 1961. Priesterweihe im Juni 1961, danach Dozent und Ökonom im Seminar bis 1965. Ab 1966 Pfarrer in der "Sacred Heart Church" in Baghdad. Ernennung und Weihe zum Erzbischof von Basra im Mai 1996.
Er arbeitete als Lehrer für Katechese in öffentlichen und privaten Schulen von 1960 bis 1983. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Katechese in den irakischen Grundschulen, aus denen seit 1973 bis heute gelehrt wird. Gleichzeitig ist er Vorsitzender Richter im kirchlichen Gericht in Baghdad und Vertreter der irakischen Kirchen im "Middle East Catholic Church Council of catechism". Er ist Präsident des Komitees "Life and Service" des Middle East Council of Churches.

Hintergrundinformation zum Thema:
Der Irak steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Trümmer aus Jahrzehnten der Diktatur, die Folgen von Krieg und Embargo müssen beseitigt werden.

Als der chaldäisch (katholische) Erzbischof Gabriel Kassab von Basra zum ersten Mal auf Einladung der Stiftung PRO ORIENTE und als Gast von Kardinal Dr. Christoph Schönborn Ende Jänner 2003 nach Österreich kam, ahnte man, dass ein Krieg im Irak kurz bevorstand.

Von Ende März bis Mai 2003 tobte dieser Krieg. Er wurde gefolgt von Terrorakten, die bis heute an der Tagesordnung sind. November 2004 gab es eine Serie von Anschlägen gegen christliche Kirchen in Mossul und Bagdad. Anfang 2005 wurde der syrisch-katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa von Terroristen entführt.

Im Irak leben etwa 750.000 Christen. Rund 40.000 Gläubige haben im letzten Jahr ihre Heimat aus Hoffnungslosigkeit und aus Angst vor Gewalt und Attentaten verlassen. Dieser Exodus, der bereits in den 90er Jahren als Folge des Embargos gegen den Irak und die daraus resultierende schlechte Wirtschaftslage eingesetzt hatte, führt dazu, dass sich der Anteil der Christen an der irakischen Gesamtbevölkerung dramatisch verringert hat.

Am 30. Jänner 2005 setzten die Iraker ein Zeichen der Hoffnung: Die ersten freien Wahlen seit über 50 Jahren! Die Christen sind mit vorläufig 6 Abgeordneten im Parlament vertreten.

Kassab unterhält in Basra 14 Sozialprojekte, die notleidenden Christen und Muslimen gleichermaßen zu Gute kommen, darunter die einzige kostenlose Apotheke im Irak und drei Kindergärten (90% der Kinder dort sind Muslime). Weitere Einrichtungen – ein Altersheim, das Waisenhaus und ein Behindertenheim – wurden während des Krieges geplündert und vorübergehend geschlossen.

Im August 2003 verlieh die Europäische Akademie der Künste und Wissenschaften Kassab in Salzburg den Toleranzpreis und würdigte damit seinen „Einsatz für Toleranz, für den grenzüberschreitenden Dialog und gegen den Rassismus“.

Programm

    Worte der Begrüßung

    Dr. Johann Marte
    Geschäftsführender Präsident der Stiftung PRO ORIENTE

    Dr. Eva-Maria Hobiger
    Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen

    Margarethe Prinz-Büchl
    Vorstandsmitglied von Christian Solidarity International Österreich


    Vortrag

    Seine Exzellenz Gabriel Kassab
    Christen im Irak heute - zwischen Angst und Hoffnung

    Anschließend Diskussion und Empfang.

Weitere Informationen

Partner


    Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen
    Christian Solidarity International (CSI) Österreich

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