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Irak: Wie eine Zukunft für die Christinnen und Christen im Land möglich ist

04. March 2026

Gedenken und Anerkennung der Verbrechen an Christen und vielfältige zukunftsweisende Unterstützung müssen für den irakischen Dominikaner Fr. Amir Jaje Hand in Hand gehen

Jaje Amir 500

Wien/Bagdad, 04.03.26 (poi) Der irakische Ordensmann Fr. Amir Jaje sieht das Christentum in seiner Heimat in der Existenz bedroht. Er verweist in seinem Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" auf die lange Leidensgeschichte der Christinnen und Christen in seiner Heimat seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Er zeigt zugleich aber auch Ansätze auf, die für das zukünftige Leben von Christinnen und Christen im Irak von Relevanz sein könnten. Das Gedenken an die Opfer und zukunftsweisende Schritte müssen dabei laut dem Ordensmann Hand in Hand gegen. 

Fr. Amir Jaje gehört dem Dominikanerorden an. Er ist Mitglied des vatikanischen Dikasteriums für den Interreligiösen Dialog und Gründungsmitglied des Irakischen Rats für den Interreligiösen Dialog. Mit Blick auf die Entwicklung der Zahl der Christinnen und Christen im Land drängt für Fr. Amir die Zeit: Im Jahr 2003 wurde diese Zahl auf eineinhalb Millionen geschätzt, heute liegt sie laut dem Ordensmann bei nicht mehr als 200.000. Jaje: "Die Verbrechen gegen irakische Christen zwangen Hunderttausende von ihnen, ihre Heimat und ihr Land zu verlassen, um ein sicheres Land zu suchen, das ihren Kindern eine sichere Zukunft garantieren würde." 

Jaje blickt eingangs seines Beitrags zurück in die Geschichte: Vielfach kaum beachtet, hat der Völkermord an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich ab 1915 auch unzählige Opfer unter den assyrischen Christinnen und Christen gefordert. Zwischen 1915 und 1918 wurden zwischen 250.000 und 350.000 Assyrer getötet, wodurch mehr als die Hälfte dieser christlichen Gemeinschaft ausgelöscht wurde. 

Bedrängnisse und Unterdrückung der Assyrer haben sich auch nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzt. Im Jahr 1933 griff die irakische Armee mehr als 60 assyrische Dörfer an und tötete dabei mehr als 3.000 Menschen in dem als "Massaker von Simele" bekannten Ereignis. Dieses Massaker habe eine echte Bedrohung für die assyrische Präsenz in der Region dargestellt und zu einer massiven Abwanderung geführt. Das Massaker habe eine geistige und historische Kontinuität zum Völkermord von 1915/18 verkörpert, so Jaje. Die Dynamik einer langsamen Zermürbung sei 100 Jahre später durch die Terrororganisation IS wieder neu entfacht worden, wobei der IS-Terror neben der christlichen auch auf andere Bevölkerungsgruppen wie die jesidische zielte. 

Jaje weist darauf hin, dass die tragischen Ereignisse von 2014 die schmerzhaften Erinnerungen an die Ereignisse von vor hundert Jahren wieder aufleben ließen und die noch immer bestehenden Wunden vertieften. Viele Angehörige der jesidischen und christlichen Gemeinschaften hätten das Vertrauen in ihre sunnitisch-muslimischen und kurdischen Nachbarn verloren und sähen das, was ihnen widerfahren ist, als sehr ähnlich zu dem, was ihren Gemeinschaften zu Beginn des letzten Jahrhunderts widerfahren war. Das vom IS gestiftete feindselige Klima habe eine Atmosphäre der Angst, des Schweigens aus Angst vor Schaden und des Misstrauens gegenüber den muslimischen Nachbarn und Geschwistern geschaffen. 

Anerkennung der Verbrechen

Die Heilung der verwundeten Erinnerung der Christinnen und Christen im Nahen Osten erfordert laut Jaje einen ganzheitlichen Ansatz, der die historischen, politischen, sozialen und religiösen Aspekte berücksichtigt, die zu diesen Wunden beigetragen haben. Der Ordensmann benennt einige aus seiner Sicht zentrale Punkte: So müsse der Völkermord an der armenischen Bevölkerung und andere Massaker an Christinnen und Christen im Nahen Osten vollständig anerkannt werden. "Die Anerkennung dieser Verbrechen ist ein erster Schritt zur Heilung und Versöhnung." 

Zweitens plädiert Jaje für einen intensivierten interreligiösen Dialog. Religiöse und politische Institutionen sollten eine größere Rolle bei der Förderung des Dialogs zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften im Nahen Osten spielen, um eine Gesellschaft aufzubauen, die auf gegenseitigem Verständnis und Respekt basiert. Der Dialog zwischen muslimischen und christlichen Religionsführern könne dazu beitragen, historische Wunden zu heilen und Spannungen abzubauen. 

Ein solcher Dialog müsse schon in den Schulen beginnen. Die Lehrpläne der Schulen in der Region sollten Bildungsprogramme zur Förderung von Toleranz und religiöser Vielfalt enthalten. Die Beseitigung negativer Stereotypen über Minderheiten in Lehrbüchern und die Konzentration auf das friedliche Zusammenleben verschiedener Gemeinschaften könnten langfristig dazu beitragen, die Denkweise der Menschen zu ändern. 

Vielfältige Hilfe notwendig

Drittens plädiert der Ordensmann für mehr wirtschaftliche und soziale Unterstützung für die Christinnen und Christen im Nahen Osten. Die Verfassungen und Gesetze der Länder in der Region sollten zudem sicherstellen, dass die Rechte religiöser Minderheiten, einschließlich der christlichen, geschützt werden. Christinnen und Christen sollten ohne Diskriminierung gleiche Rechte in Bezug auf Staatsbürgerschaft, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit genießen. 

Jaje hält fest, dass die Zerstörung von Kirchen, Klöstern und christlichen historischen Stätten im Irak und in Syrien eine kulturelle Lücke hinterlassen hat. Die Unterstützung des Wiederaufbaus dieser Stätten sei deshalb viertens ein wichtiger Schritt zur Erhaltung des christlichen Erbes der Region und zur Stärkung ihrer Identität. Dazu könne auch die Förderung christlicher kultureller Veranstaltungen beitragen. 

Internationale Gemeinschaft in der Pflicht

Jaje nimmt fünftens auch die internationale Gemeinschaft, einschließlich der Vereinten Nationen und verschiedener NGOs, in die Pflicht. Sie sollten eine größere Rolle beim Schutz religiöser Minderheiten im Nahen Osten spielen, indem sie Druck auf Regierungen ausüben, die Rechte und den Schutz von Minderheiten zu fördern. Vertriebene Christinnen und Christen, die aufgrund von Gewalt und Verfolgung gezwungen waren, ihre Länder zu verlassen, sollten zudem besser unterstützt werden. 

Jaje weist aber auch auf die wichtige Rolle der christlichen Diaspora hin: Christliche Gemeinschaften, die in der Diaspora leben, spielen eine wichtige Rolle bei der Erinnerung an Menschenrechtsfragen und deren Förderung. Durch ihre Institutionen und Gemeinschaften könnten sie eine einflussreiche Stimme sein, um ihre Schwestern und Brüder im Nahen Osten zu unterstützen und auf die Anerkennung von Verstößen und den Wiederaufbau christlicher Gemeinschaften zu drängen. 

Schließlich brauche es einen stärkeren Fokus auf die Jugend. Die Stärkung christlicher Jugendlicher im Nahen Osten durch Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten könne dazu beitragen, ihnen eine stabile Zukunft in ihren Ländern zu ermöglichen und ihre Abwanderung zu verhindern, so Fr. Amir Jaje. 

Der Ordensmann nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern. 

Zum Blog-Beitrag von Fr. Amir Jaje