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Nahost-Theologe: Heilung von Traumata ist möglich, mehr Kircheneinheit nötig

04. February 2026

Libanesischer Theologe Prof. Hachem in PRO ORIENTE-Blogbeitrag über kirchliche "Verantwortung der Heilung", Gefahr des Aberglaubens und vielfache Initiativen für mehr Einheit unter den Kirchen der antiochenischen Tradition

Gabriel Hachem

Wien/Beirut, 04.02.26 (poi) Die Kirchen im Nahen Osten haben von ihrem Wesen und ihrem Auftrag her die Möglichkeit und auch die Verpflichtung, die vielfachen Traumata der Menschen und Gesellschaften im Nahen Osten zu heilen. Dazu bedarf es allerdings auch verstärkter Bemühungen zur Wiederherstellung der Kircheneinheit. Davon zeigt sich der libanesische melkitische Priester und Theologe Prof. Gabriel Hachem in einem aktuellen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" überzeugt. Wenn Hachem an dieser Stelle von Kircheneinheit spricht, meint er damit vor allem die Kirchen der lokalen antiochenischen Tradition. 

Die kirchliche Unterstützung für Menschen, die von Traumata und tiefen Wunden betroffen sind, sei nach christlichem Verständnis nur ein Spiegelbild der Liebe Christi und der Erfüllung der Erlösung in der Realität der Welt, so der Theologe. Dies erfordere aufmerksame Präsenz, tiefes Zuhören und Selbstzurücknahme, damit die Verwundeten "ihr Leben zurückgewinnen, wieder aufstehen und Leben in Fülle erfahren können". 

Die Hirten und Amtsträger der Kirche müssten das gesamte Volk Gottes in dieser "Verantwortung der Heilung" schulen, mahnt der Theologe weiters ein. Er warnt dabei zugleich vor der Gefahr des Aberglaubens, "dass wir durch eine Zauberformel, durch den Besuch von Heiligtümern oder durch Geldspenden für einen wohltätigen Zweck heilen können". 

In den letzten Jahrzehnten seien im Blick auf mehr Kircheneinheit schon große Schritte unternommen worden, so Hachem weiter. Er verweist etwa auf die Gründung des Nahost-Kirchenrats (MECC/Middle East Council of Churches) oder von ATIME (Vereinigung theologischer Institute im Nahen Osten). Dazu kämen die Treffen katholischer und orthodoxer Patriarchen im Rahmen des Rates der Patriarchen des Orients und die pastoralen Vereinbarungen von Charfeh im Jahr 1996 über die kirchliche Identität, die Ablehnung von Proselytismus und die Ausarbeitung einer gemeinsamen Katechese für Schulen. 

Leider liefen weitere ökumenische Initiativen wie "Kairos Palestine", "We Choose Abundant Life" oder die Maronitische Synode für Frauen bisweilen außerhalb der offiziellen kirchlichen Institutionen, so Hachem. Die meisten dieser Initiativen böten sowohl eine theologische als auch eine gesellschaftspolitische Reflexion und seien wichtige Stimmen einer christlichen Präsenz im Nahen Osten. Hachem: "All diese Initiativen fordern dazu auf, unsere ganze Aufmerksamkeit wieder auf den Menschen, seine Würde und Freiheit sowie auf die Gemeinschaften und ihre praktischen und lebenswichtigen Bedürfnisse zu richten." 

Hachem spricht den Kirchen des Nahen Ostens abschließend aus tiefer Überzeugung den prophetischen Mut zu, "gemeinsam zu gehen und zur Heilung des Menschen beizutragen". 

Prof. Hachem nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz zum Thema "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern. 

Zum Blog-Beitrag von Gabriel Hachem