Orthodox-orientalischer Dialog: Bemerkenswerte Ergebnisse, mangelhafte Rezeption
10. September 2026
Aktuelle Ausgabe des PRO ORIENTE-Magazins widmet sich dem Dialog zwischen den orthodoxen und altorientalisch-orthodoxen Kirchen und damit zusammenhängenden Auswirkungen auf ökumenische Bemühungen der katholischen Kirche
Wien, 10.09.26 (poi) Dem offiziellen Dialog zwischen den orthodoxen und altorientalisch-orthodoxen Kirchen ist der thematische Schwerpunkt des aktuellen PRO ORIENTE-Magazins gewidmet. Der Tenor der Beiträge der Expertinnen und Experten: Auf theologischer Ebene wurden durchaus beachtliche Fortschritte erzielt, die Rezeption in den einzelnen Kirchen lässt aber sehr zu wünschen übrig.
Die orthodoxe Theologin Christine Chaillot vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel eröffnet in ihrem einleitenden Beitrag den geschichtlichen Horizont des Dialogs zwischen den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Dieser sei der erste seiner Art gewesen. Er begann 1964 auf inoffizieller und 1985 auf offizieller Ebene.
Das Kommuniqué von 1989 gelte als die erste erzielte Erklärung des gemeinsamen Glaubens zur Christologie, dem einzigen dogmatischen Streitpunkt zwischen den beiden Seiten. Nach einer längeren Unterbrechung wurde der Dialog 2024 wieder aufgenommen. Seither richte sich die Aufmerksamkeit auf die aktuellen Probleme und Herausforderungen in der Begegnung zwischen den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen, da die christologische Frage zumindest theoretisch geklärt wurden.
Es seien nun vor allem zwei Fragen zu klären, so Chaillot: Erstens die Anerkennung aller acht ökumenischen Konzilien, die konservative Orthodoxevon den orientalisch-orthodoxen Kirchen fordern, welche nur die ersten drei akzeptieren. Der zweite zu erreichende Punkt sei die Aufhebung der Exkommunikationen gegen bestimmte Heilige, die von der einen oder anderen Seite anerkannt werden oder nicht, wie beispielsweise Severus von Antiochia (gest. 538) und Dioskur von Alexandria (gest. 454).
Künftige Aufgaben
Das letzte offizielle Treffen, das von den beiden Ko-Vorsitzenden, Metropolit Emmanuel von Chalzedon (Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel) und Metropolit Thomas von Kousseya und Mair (Koptisch-orthodoxe Kirche) geleitet wurde, fand im September 2024 in Ägypten statt. Die Teilnehmenden kamen einstimmig überein, dass erstens die beiden gemeinsamen Unterausschüsse für liturgische und pastorale Fragen ihre Arbeit fortsetzen sollten und zweitens die beiden Ko-Vorsitzenden der Kommission die Primasse der orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen besuchen sollten, um ihnen das positive Ergebnis des Dialogs mitzuteilen und ihr Feedback zu den unterzeichneten vereinbarten Erklärungen und Vorschlägen einzuholen.
Drittens wurde beschlossen, eine gemeinsame Website eingerichtet wird, die alle notwendigen Dokumente des bisherigen bilateralen Dialogs enthält und den neuen Mitgliedern der gemeinsamen Kommission, die von ihren Kirchen zu ernennen sind, zur Verfügung steht, um den Entscheidungsprozess zu erleichtern. Schließlich kamen die Teilnehmenden überein, dass in den beiden Kirchenfamilien alle Ebenen des Klerus, der Ordensleute und der Laien in die Umsetzung des Dialogs einzubeziehen seien.
Chaillot weist in ihren Ausführungen auch noch darauf hin, dass seit den 2000er-Jahren ein paralleler bilateraler Dialog zwischen dem russisch-orthodoxen Patriarchat von Moskau und jeder der orientalisch-orthodoxen Kirchen stattfindet. Dieser Dialog scheine sich hauptsächlich auf Begegnungen in verschiedenen Ländern zu stützen, was für den "praktischen Dialog" und das gegenseitige Kennenlernen positiv sei. Bislang sei hieraus jedoch keine theologische/christologische Erklärung hervorgegangen.
Fazit der orthodoxen Theologin: Für die Zukunft bleibe zu hoffen, dass in regelmäßigen Abständen weitere Treffen auf offizieller Ebene zwischen Patriarachen aus beiden Kirchenfamilien stattfinden werden. Oberste Priorität habe dabei, "dass die Oberhäupter und Synoden beider Kirchenfamilien über diesen Dialog informieren und ihren Klerus sowie die Gläubigen über kirchliche Websites, Zeitschriften, Broschüren und Bücher sowie durch gemeinsame Treffen auf Gemeindeebene, die nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in der Diaspora leicht organisiert werden können, aufklären".
Die beiden orthodoxen Kirchenfamilien müssten alle Ebenen des Klerus, der Ordensleute und der Laien in die Umsetzung des Dialogs einbeziehen. Alle müssten informiert werden, "und zwar angemessen". Diese Aufklärungs- und Bildungsarbeit erfordere große gemeinsame Anstrengungen sowie Zeit und Ausdauer.
Einer der fruchtbarsten Dialoge
Der orthodox/orientalisch-orthodoxe Dialog dürfte laut Chaillot einer der fruchtbarsten bilateralen ökumenischen Dialoge werden, "da die beiden Kirchenfamilien in Theologie, Liturgie, Ekklesiologie, geistlichem und klösterlichem Leben sowie in der Praxis im Allgemeinen so viel gemeinsam haben".
Es sei auch erwähnenswert, dass im Rahmen des Weltkirchenrates die orthodoxen und die orientalisch-orthodoxen Kirchen als eine Familie betrachtet werden, die gemeinsam Entscheidungen trifft. In diesem Zusammenhang würden die beiden Kirchenfamilien bereits als eine einzige orthodoxe Vertretung auftreten, so Chaillot.
Kircheninterne und politische Hürden
Für die orientalisch-orthodoxe Seite führen im PRO ORIENTE-Magazin u.a. der koptisch-orthodoxe US-Bischof Kyrillos und der Theologe und Mönch P. Kyrillos Elmacari die aus ihrer Sicht größten Herausforderungen im Dialog an. So weisen sie darauf hin, dass selbst nach 30 Jahren der offizielle Status der vereinbarten Erklärungen von Kirche zu Kirche variiere. Drei orthodoxe Kirchen (Alexandria, Antiochia und Rumänien) sowie drei orientalisch-orthodoxe Kirchen (Alexandria, Antiochia und Malankara/Indien) hätten ihre Zustimmung zu den vereinbarten Erklärungen und Vorschlägen offiziell erklärt.
Andere Kirchen hätten sich nicht oder mehrdeutig geäußert, möglicherweise aufgrund interner Unsicherheiten oder sich wandelnder Hierarchien, so die beiden Autoren, die in diesem Zusammenhang zu bedenken geben, dass viele der heutigen Hierarchen und Theologen in den früheren Phasen des Dialogs nicht persönlich beteiligt waren, "was eine Lücke im institutionellen Gedächtnis hinterlässt". Schwierig sei es auch eine Herausforderung, eine gemeinsame Terminologie und Sprache zu finden. Die anhaltende Verwirrung um theologische Begriffe behindere weiterhin das gegenseitige Verständnis und die Akzeptanz.
Obwohl in Konferenzen und Unterausschüssen bereits viele Klarstellungen und Lösungen vorgeschlagen wurden, seien diese Materialien nicht wirksam an Geistliche, Ordensleute, theologische Hochschulen oder die Gläubigen weitergegeben worden, bemängeln der Bischof und der Mönch.
Die beiden Autoren halten zudem fest, dass der offizielle Dialog mit der Annahme begonnen habe, "dass die Christologie das einzige Thema sei, das uns trenne". Doch der anzutreffende Widerstand gegen die vereinbarten Erklärungen sei selten christologischer, sondern in erster Linie ekklesiologischer Art.
Und schließlich müsse man die politischen Realitäten anerkennen, die den theologischen Dialog belasten. Konflikte innerhalb und zwischen den Kirchen - sei es in Russland und der Ukraine, in Syrien und Indien oder in Äthiopien und Eritrea - beeinträchtigten unweigerlich die Fähigkeit zur Zusammenarbeit. "Dies sind keine rein theologischen, sondern seelsorgerische und menschliche Fragen, die Geduld, Unterscheidungsvermögen und staatsmännisches Geschick erfordern" halten die beiden Autoren fest.
Sichtbarkeit im Leben der Kirche
Auch der für die Niederlande zuständige syrisch-orthodoxe Bischof Mor Polycarpus Aydin schließt sich dem koptischen Befund an: "Die zentrale Frage ist heute nicht mehr in erster Linie, ob die beiden Traditionen denselben christologischen Glauben teilen. Die dringlichere Frage ist, ob dieses gemeinsame Bekenntnis in das sichtbare Leben der Kirchen aufgenommen werden kann", schreibt der Bischof. Mit anderen Worten: "Hierin liegt die eigentliche Herausforderung der gegenwärtigen Phase: die Rezeption."
Rezeption sei mehr als die formale Billigung theologischer Texte durch Synoden oder Kommissionen. Sie sei vielmehr "die schrittweise Einverleibung des theologischen Konsenses in das lebendige Bewusstsein der Kirche: in die bischöfliche Lehre, die theologische Ausbildung, die liturgische Sprache, die pastorale Praxis und den Glauben der einfachen Gläubigen." Solange Geistliche und Gläubige einander weiterhin durch überlieferte Polemiken betrachten, blieben die Früchte des Dialogs weitgehend auf die Ebene der theologischen Übereinstimmung beschränkt, warnt Bischof Polycarpus.
Was nun benötigt werde, sei ein tieferes Bekenntnis zur Rezeption. Gemeinsame theologische Ausbildung, gemeinsame akademische Projekte, Austausch zwischen Priesterseminaren, gemeinsames Studium der Kirchenväter, Zusammenarbeit in der Seelsorge sowie lokale Begegnungen zwischen Geistlichen und Gläubigen könnten dazu beitragen, den Lehrkonsens in kirchliche Realität umzusetzen, zeigt sich der syrisch-orthodoxe Bischof überzeugt.
Katholische Bemerkungen
Inwieweit schließlich der orthodox-orientalische Dialog auch Auswirkungen auf die katholische Kirche hat, beleuchtet P. Hyacinthe Destivelle in seinem abschließenden Beitrag. Destivelle ist Direktor des Instituts für Ökumenische Studien an der Päpstlichen Universität St. Thomas von Aquin (Angelicum) in Rom. Oft werde übersehen, so Destivelle, dass der Dialog zwischen den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen den katholisch/orientalisch-orthodoxen Dialog maßgeblich inspiriert habe. - In Form und Inhalt; u.a. durch die Anwendung eines grundlegenden hermeneutischen Prinzips: "Der orthodox/orientalisch-orthodoxe Dialog war nämlich der erste, der ausdrücklich bekräftigte, dass derselbe Glaube auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht werden kann."
Über diese hermeneutische Methodik hinaus verbinde ein weiteres gemeinsames Merkmal den Dialog zwischen den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen sowie den zwischen der katholischen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen: ihr pastorales Anliegen.
Tatsächlich hätten mehrere Kirchen auf der Grundlage der christologischen Vereinbarungen von 1989 im Kloster des Hl. Bishoy (Ägypten) und von 1990 in Chambésy (Schweiz) bedeutende pastorale und sakramentale Vereinbarungen getroffen. So hätten beispielsweise bereits 1991 die syrisch- und griechisch-orthodoxen Patriarchate von Antiochia eine Vereinbarung getroffen, die alle Sakramente mit Ausnahme der Priesterweihe und der eucharistischen Konzelebration abdeckt. In ähnlicher Weise hätten die koptisch- und griechisch-orthodoxen Patriarchate von Alexandria im Jahr 2001 eine pastorale Vereinbarung über interkonfessionelle Ehen unterzeichnet.
Die pastorale Dimension sei auch ein zentraler Aspekt des Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den alten orientalischen Kirchen gewesen und habe 1984 zu sakramentalen Vereinbarungen mit der Syrisch-orthodoxen Kirche, 1994 mit der Malankara Syrisch-orthodoxen Kirche und 2001 mit der Assyrischen Kirche geführt. Diese pastoralen Vereinbarungen, die sich aus den christologischen Vereinbarungen ergaben, hätten deren Rezeption unter den Gläubigen erheblich erleichtert, so Destivelle.
Es ist für den Ökumene-Experten ermutigend, dass der Annäherungsprozess zwischen den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen, der sich in den 2000er-Jahren zu verlangsamen schien, im Jahr 2024 wiederbelebt wurde. Sollte dieser Prozess zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden, könnte ein neues ekklesiologisches Modell der Gemeinschaft entstehen, das nicht nur die katholische Kirche, sondern tatsächlich die gesamte christliche Welt inspirieren könnte, zeigt sich Destivelle zuversichtlich.
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